Artenvielfaltssterben

15.11.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Je moderner die Welt wird und je schneller die Entwicklungen, auch und besonders die als negativ erkannten, desto eher fokussiert man auf vermeintlich gute alte Zeiten, verklärt Natur und Natürliches als paradiesisch und vergisst nur allzu gerne, dass der Mensch erst als Kulturwesen zum Menschen wurde und als Naturwesen ein Tier geblieben wäre.


Entwicklung bedingt Veränderung und diese ist, wie das Leben selbst, ein Kommen und Gehen, ein Absterben und Erwachen. Allein, viele Menschen meinen, es müsse weitergehen, es solle so viel wie möglich Bestand haben, dableiben, nicht untergehen. Es ist der kindliche, manchmal schon kindisch gewordene Wunsch, der aber mythisch tief sitzt, nach Unsterblichkeit, nach unendlicher, ewiger Dauer. Der Widerspruch zum Leben, zum Wechsel, zum Werden, wird mit solchen Wunschbildern und Tröstungen überdeckt. Was sich als naturfromme Aufgeklärtheit gibt, ist meist Ausdruck der alten Angst, das Jammern ums Leben, das eben geht, stirbt.

Das findet im Denken und Handeln seinen Niederschlag. Unsere Zivilisation vernichte abertausende von Arten, zerstöre die Umwelt, die Welt. Dass die Zerstörungen im Kosmos, im All, wo niemand sie als «Zerstörung» etikettiert, da dies den Menschen vorbehalten bleibt in ihrem Versuch von Sinngebung, Deutung und Urteil, seit je Teil eines Prozesses sind, den wir nicht ganz verstehen können, dessen Existenz wir nur bedingt erfassen, befriedigt nicht.

Klimakatastrofen gab es, bevor Menschen existierten bzw. keine Industrie die Böden strapaziere, die Luft verseuchte. Aber heute meinen viele, darin den primären Grund zu sehen. Also werden Rufe nach Einschränkung laut, nach Naturwerten, nach natürlichem Leben. Doch im natürlichen Leben würden wir im natürlichen Dreck kriechen, mit kurzer Lebenserwartung karg die Unbill der Natur erleiden. Erst die Zivilisation schuf Lebensmöglichkeiten wie nie zuvor für so viele wie nie zuvor.

Dass die Errungenschaften erstens nicht für alle gleich gelten, dass sie Kehrseiten haben, wertet nicht ab, sondern zeigt nur neue Aufgabenfelder. Freiheit ist kein Naturprodukt, ist kein Geschenk. Sie ist ein Arbeitsresultat. Und dieses ist nicht garantiert. Es ist auch, als nicht-natürliches Ergebnis, nicht gesichert. Freiheit muss permanent, in dauerndem Wechsel, erreicht und erhalten werden.

Die Weltpopulation nimmt zu. Viele kriegen Angst. Sie wollen nicht noch mehr Menschen. Andererseits jammern besonders Fachleute über die Reduktion der Vielfalt, auch im Kulturellen, beschwören die riesigen Verluste durch das sogenannte Sprachensterben, ohne je in der Lage zu sein, die Vielfalt wertzuschätzen, wie niemand die Milliarden an Mitmenschen anders wertschätzen könnte, denn abstrakt.

Gerade bei Sprachen ist es interessant zu prüfen, worin der Wert der Vielfalt liegen soll. Allein, dass es sie gibt? Möglichst viele Sprachen als positiver Eigenwert? Diese Haltung steht übrigens in eklatantem Widerspruch zur Warnung vor der «Bevölkerungsexplosion» (ein scheusslicher Begriff, der das inhumane Denken demaskiert). Sind Sprachen wertvoller als Menschen? Was für ein Widersinn und Unsinn! Ohne Menschen gibt es keine Sprachen. Auch die sprachlichen Konserven wären untauglich als Sprachen, weil keine Sprachen mehr, wenn keine Menschen mehr existierten. Sprachen sind an die Existenz von Menschen und Sprachgemeinschaften gebunden.

Wenn die Pseudohumanisten und Schöngeister dann die Verluste von einzigartigen Kulturwerten bedauern, die mit dem Erlöschen von Sprachen sich einstellen, frage ich unwillkürlich nach dem Bewertungsrahmen: Ist der Kulturwert einer Sprache ein Selbstwert? Sprachen sind als Symbolsysteme Werkzeuge für Gemeinschaften. Sie sind nie Selbstzweck. Wenn eine Gemeinschaft ein anderes Symbolsystem übernimmt und damit lebt, kann doch die Aufgabe des früheren Mittels, Werkzeuges nicht negativ sein. Genau diese Praxis zeichnet ja Zivilisation aus, ist Grundbedingung von Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Wollen die Jammerer und Klager gewissen Gemeinschaften, Gruppen, Gesellschaften vorschreiben, sie müssten ihre Sprache behalten? Das wäre ähnlich unvernünftig und widersprüchlich wie die gutgemeinten Versuche jener, die sogenannt «bedrohte Gesellschaften» bewahren wollen vor ihrem Untergang. Aber der Wechsel, die Emanzipation ist kein Untergang, ist eine Veränderung. Hier wird eine bestimmte Lebensform als erhaltenswert gesehen. Würde man konsequent solche Erhaltungsappelle umsetzen, käme das einem Stillhaltekommando gleich, das Entwicklung, die Veränderung beinhaltet, verböte.

Es werden die Prämissen nicht geprüft, nach denen geschlossen und bewertet wird. Ideologie und unausgegorenes religiöses Sinnen verdunkelt das Denken. Es ist ein Unterschied, ob jemandem der Gebrauch einer Sprache verboten wird, ob Sprachpolitiken restriktiv sind oder fördernd. Aber wenn trotz fördernder Massnahmen, allein durch gesellschaftlichen Wandel, Sprachgemeinschaften für eine gewisse Sprache so «schwach» werden, dass die Sprache erlischt, liegt kein Verlust vor. Es liegt eine Änderung, eine Entwicklung vor. (Übrigens auch interessant, dass die meisten, die von Vielfalt reden, einfältig leben und sich mit wenigem, im Konkreten wie Abstrakten, zufrieden geben. Sonst hätten wir eine andere Politik, eine andere Bildung und eine andere Kultur!)

Auch wenn nur wenige Sprachen in Verwendung wären, hätten wir keinen Verlust. Denn eine Sprache ist nicht besser oder tauglicher als eine andere. Oder liegt im Bedauern doch ein spezifisches Auf- und Abwerten? Das wäre skandalös! Wenn eine Sprache also taugt, und welche taugt nicht, kann mit ihr das Leben gemeistert werden. Was will man mehr? Wenn eines Tages in Mitteleuropa nicht mehr ungarisch, slowakisch, tschechisch, italienisch, französisch und deutsch gesprochen werden wird, sondern eine veränderte Form von Englisch, wird das ein Verlust sein? Nein. Es kann gar keiner sein. Es wird eine Veränderung sein, die wir vom jetzigen Standpunkt aus anders bewerten als jene, die sich dann darin finden.

Welches Denken hätten wir, wenn die Christianisierung Europas nicht erfolgt wäre? Wenn sich die Sprachen anders entwickelt hätten? Das sind nette Spekulationen. Aber keine Gründe für ein Abwerten, ein Verurteilen, ein Bedauern. Dann dächten wir vielleicht anders, sprächen anders. Aber meint wer, unser Denken wäre dann «fremd»? Wie soll die «eigene» Sprache als eigene, authentische definiert werden? Da spielen doch Machtbilder und Omnipotentssehnsüchte rein, allesamt unvernünftig.

Sie sind von gleichem Grund und gleicher Qualität wie bei den irrationalen Bildern von Nationalität oder Volkstum. Die Ironie der Geschichte ist, dass Nachfahren von Opfern völkischer Politiken heute zu den extremsten völkischen Praktiken greifen und eine Politik zum ewig dauernde Bestehen ihres Volkes, wie es sich in seiner Kultur äussert, unternehmen, die jeder Veränderung strikt entgegensteht. Aber auch Völker sind nicht ewig. Ist der Mensch weniger wert, weil er stirbt? Sind Völker, die «untergegangen» sind, minderwertig? Es rumort ein gefährlich borniertes Denken in diesem Unsterblichkeitswahn, der ein verkappter Machtwahn ist. Er steht dem Werden und Verändern entgegen.

Ähnliches ist von Katastrofenszenarien zu sagen, die vor einer Islamisierung Europas warnen. Wenn dereinst tatsächlich die Gesellschaften in Europa sich so wandeln, dass eine veränderte Form des Islam herrschen wird, was unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ist, wäre das «normal». Wer bedauert die Christianisierung? Den Untergang griechischer Kultur? Was hätte uns eher entsprochen? Die Menschen, die in solch einem Europa zur Welt kommen, hineinwachsen, sollen wir sie frech als «entfremdet» abtun, als Opfer sehen? Wie vermessen dumm sind doch solche Haltungen. Sie entsprechen auch einem modischen Opferdenken. Dass dies in Krisenzeiten sich stärker äussert, ist nicht verwunderlich.

Es gibt kein Ding an sich. Es gibt keinen Wert an sich. So ist auch Vielfalt kein Eigenwert, kein absoluter. Politik wird gemacht: von Machern und jenen, für die gemacht wird, die gemacht werden. Das sind keine Natur-, sondern Kulturprozesse. Es wäre klüger, Macher zu sein oder zu werden. Aber vernünftig.

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