1984 revisited

22.11.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Vom «gläsernen Menschen» war schon vor vielen Jahren zu lesen. Man meinte damit den durchleuchteten, observierten Menschen als Produkt des Informationszeitalters. Der Ausdruck ist leider zweideutig. Wären wir Personen gleichsam gläsern, könnten «screenings» nichts finden, sich nirgends festmachen. Die Überwachung griffe nicht. Das Gegenteil ist der Fall.


Das andere Bild, dass der Mensch so durchleuchtet, ausgespäht, erfasst, überwacht, kontrolliert und verfolgt wird, kam nie wirklich ins öffentliche Bewusstsein. Im Gegenteil, die vermeintlichen Braven, vor allem Gutmenschler, betonten und betonen, dass, wer nichts zu verbergen hat, keine Angst vor der Überwachung zu brauchen habe. Der völlig unkritische Umgang mit technischen Kommunikationsneuerungen und der allgemeinen Destruktion des Privaten, von vielen «Dekonstruktion» genannt sowie dem Trend zur öffentlichen Selbstentblössung, die nicht mehr als Entblössung erlebt wird, sondern als Ausweis emotionaler Intelligenz, als soziale Übung von Gemeinschaftsteilhabe, schuf das schrecklich fruchtbare Feld, auf dem die Überwacher, Betreuer, Polizisten, Aufpasser, Einpasser, Verfolger, Kontrollore ein ganz leichtes Spiel haben: es wird ihnen mehrheitlich in die Hände und Fänge gespielt. Die Mehrheit macht mit, applaudiert im Namen von Sicherheit und Freiheit. Die Sklaven blöken, grunzen, jaulen und lachen. Wo sie's nicht von selbst tun, zeigen es ihnen Animateure, denen sie willig folgen. Eine Folgschaft folgt überbrav, ordentlich. Korrekt. Politisch korrekt. Läuft mit. Mitläuferkultur, die sich für weitere Mutationen aufbereitet: die Konversion in die organisierte Unmündigkeit.

Agenden des Datenschutzes werden als lästig oder überzogen gesehen. Die Überwachungen staatlicher und privater Stellen (Unternehmen) als begründet, vernünftig, hilfreich. Man muss nicht nur im allgemeinen Krieg gegen den Terror mitmachen, der ja noch nicht der totale ist, wie ihn der Hatscherte 1943 im Berliner Sportpalast anrief und dem entrückt begeistert zugestimmt worden war. Man muss auch gegen die allgegenwärtige Korruption kämpfen. Das verlangt Opfer.

Heute bedarf es nicht dieser lauten Zustimmung. Sie erfolgt leise, schier unsichtbar, eben gläsern. Aber der Geist der Mitläufer und Mitmacher in dieser Mitläufermitmacherkultur ist ähnlich dem früheren: nur keine Eigenheit, keine Individualität, nur kein Auffallen. Das wäre ein Rausfallen, und wer will schon draussen sein, wo doch alle von Integration schwärmen? Wir sind dabei. Wir sind eine global community. Der Feind schläft nicht. Also dröhnen wir uns zu und scheren uns einen Dreck um Warnungen: wir haben ja nichts zu verbergen. Dafür finden «sie» Terroristen oder können tatsächlich Korrupte aufspüren und überführen. Das Reich des Bösen ist überall, weshalb es richtig ist, alles zu überwachen. Nicht nur die Kommunikationen, sondern auch die Verkehre. Wer bewegt sich wo wie mit wem bzw. womit? Wer kauft was bei wem wann und wie oft? Wer steht mit wem wie lange in Verbindung? Welches Medienverhalten zeigen X, Y und Z? Zahlt er die Kredite korrekt zurück, ist er überschuldet? Wer leidet an welchen Krankheiten? Wer wurde vom Chef gerügt bzw. entlassen? Wer schaffte wie welchen Schulabschluss oder eben nicht? Wer lebt unsittlich, nimmt Drogen, säuft, hurt wo mit wem herum? Wer ist in welcher Partei oder Kirche? Wer demonstriert wann und wo wofür oder wogegen?

Die unselige DDR hat es vorgeführt. Der Denunziantenstaat hatte noch nicht die technischen Mittel, die heute den Staatsorganen oder Privatunternehmen zur Verfügung stehen. Deshalb implodierte er. Hatte Fehler gemacht. Daraus lernen die heutigen Firmen, private wie staatliche. Heute gäbe es nur eine Gegenwehr: die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger. Aber von denen ist keine Gefahr zu gewärtigen. Die machen mit. Die sind indifferent. Die wollen teilhaben. Die bieten sich sogar freiwillig für Interviews, Befragungen und auch Denunziationen an. Das Blockwartverhalten sozialisiert.

Die meisten loben die Installationen von flächendeckenden Überwachungskameras. Das erhöht die Verkehrssicherheit in den U-Bahnen, auf den Strassen und Plätzen. Vor den Toiletten. Bald wird man auch in den WCs Kameras installieren, die von geschulten Kräften, bei denen Missbrauch mit dem Filmmaterial zwecks Pornovertrieb im Internet nicht zu erwarten ist, abgelesen werden, um die Sicherheit auch im Abort zu gewährleisten. Denn überall lauert die Gefahr.

Huren werden von der Sittenpolizei geschult für einen lukrativen Nebenverdienst als Observationsorgane. Denn bei ihnen zeigen sich die meisten Kunden entblösst. Das könnte die Akten vervollständigen, die nötigen Bilder liefern, um sich von der Persönlichkeit einen gerechten Eindruck bilden zu können. Es geht ja um die Gerechtigkeit und Vollständigkeit. Keine halben Sachen! Wir wollen das Ganze, and now.

Sobald die EU, nach dem Vorbild des Vereinigten Königreichs, endlich überall alles überwachen und aufzeichnen kann, steigt die Sicherheit. Freiheit ist zu risikoreich, steht der Sicherheit diametral entgegen. Es gilt, sie streng zu überwachen. Sonst wuchert sie wie ein Krebs. Wir wollen doch gesund in Sicherheit leben, nicht? Wollt ihr das? Jaa!

Die Herrschenden, die Mächtigen samt ihrem breiten Stab an Mittelmächtigen und dem Feld der Unmächtigen haben einen Riesenvorteil gegen die Ohnmächtigen: letztere schwächen sich permanent mit dem dauernden, weiterführenden Abbau ihrer Privatheit. Sie verlieren sich, indem sie sich veröffentlichen, zur öffentlichen Sache machen, die wahre res publica. Sie werden Volkskörper, in dem Individualisten als Unverbesserliche, als Kranke sofort auffallen. Die kann man dann leicht «behandeln» oder liquidieren, wenn es nicht anders geht. Es beginnt alles im Hirn. Das hatte Winston in Room 101 zuerst bitter, dann erleuchtet erfahren. Gnade war ihm zuteil geworden.

Viele dürsten heute danach. Sie wollen es recht machen, sich dem Führer beugen, sei er Allah oder sonst ein Gott, sei es ein Präsident oder sonst ein Bonze, sei es der Boss oder sonst ein Anschaffer. Halt jemand oben, droben. Deshalb begrüssen sie die TO (Totale Observanz) als Vorbereitung für den TK (Totalen Krieg). Es geht ums Totale.

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