La Trivialita

06.12.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Auch in der Provinz gibt es Kultur. Sehr viel sogar. Und das ist gut so. Wenn sie gut ist. Vielleicht ist auch nur eine Frage des Standpunktes und der Perspektive. Viel läuft heute unter «Kultur», was eigentlich nur Mittel für regionale, touristische Geschäfte sind. Fast alle Festivals funktionieren als streng kalkulierte Direktprofit- und Mehrwertertragseinrichtungen; das Eigentliche, die vorgegebene Kultur, ist nur Anlass und Referenz. Ist Mittel. Eine Art Lebensmittel. Zum besseren Leben der Geschäftigen.


Die Garser Oper, pardon, die Burgruine Gars, die sich rühmt, die stimmungsvollste Freiluftbühne Österreichs zu sein, lockt ihr Publikum mit Opernaufführungen, die dort trotz meist windigem, kaltem Wetter als Events verhökert Kulturgenuss versprechen. Es geht weniger um Oper, Musik oder künstlerische Qualität, als um das Event, das Erlebnis, im Erlebnispark Burgruine als Gustostückerl einer ruinösen Kulturpolitik, die völlig auf den Hund, pardon, das Spiesserkalkül des Kleingeschäfts, wie es in Ruinen möglich scheint, gekommen ist.

Weshalb ich so derb von den edlen, tapferen, kulturell besorgten und halbgebildeten Provinzlern rede? Weil schon ein Inserat, eine Seite der dummdreisten Ankündigung verrät, welcher Ungeist von Halb- und Ungebildeten regiert:

«Ein Opernevent der besonderen Art - Die »Anna Netrebko-Oper« in Gars am Kamp im Sommer 2010...» La Traviata also als Anna Netrebko-Oper, dargebracht von Leuten, die in der Ankündigung gar nicht genannt werden. Aber der Glanz der Diva soll für das Niedervolk, die Kleinbürger, welche sich die Echte nicht leisten können, herübergeholt werden, damit er auf die Burgruine und ihr Opernevent falle, sie umhülle, einglänze und einfärbe. Widerliche Anmache und Anbiederei von Unvermögenden!

Das Kalkül ist, dass jeder, auch ein Depp bzw. nur Schnitzel- oder «Haaße» Verschlingender, von der Netrebko gehört hat, vielleicht Bilder im Fernsehen sah und geil wird in der Erinnerung an die Schöne, den versprochenen, instrumentalisierten Eros, wie er zum Fixbestandteil von Events wurde.

«Durch den neugestalteten Catering-Bereich steht den Operngästen auf dem Gelände der Burgruine neben dem kulturellen auch ein vielfältiges kulinarisches Angebot zur Verfügung.» Sag ich's doch! Also, auf zur Ruine, zum Eventsgenuss von Wein und Köstlichkeiten, garniert mit Opernbildern und -klängen, ganz gleich von wem, wenn's diesmal nur die Netrebko-Oper ist.

Die Standortfrage bestimmt heutzutage viele wirtschaftspolitische Diskurse. Im Kultureventsbereich nicht minder: Die grösste Seebühne, die älteste Ruine, der weiteste Steinbruch, das teuerste Haus: immer muss es das Besondere sein, weil sonst sogar eine Netrebko-Oper nicht wirkt: ganz hervorragend einzigartig also in der «romantischen Babenbergber Burgruine Gars am Kamp.» Dann folgt der Hinweis auf den Komponisten und den Kerninhalt des Erfolgswerkes: «Mit dieser Oper, in der es um den Konflikt zwischen wahrer Liebe und Familienehre (könnte Hinweis sein für interkulturelle Werke, die aktuelle türkische Ehrenmorde neu interpretieren!) geht, gelang Verdi ein Geniestreich, der schließlich zum Welterfolg avancierte.» Geschickt ein Fremdwort verpackt und, in Koppelung mit der Ruine, dem neuen Catering-Bereich, der Verweis auf den Welterfolg. Folgerung: Genialer Welterfolg in der romantischen, geschichtstträchtigen, babenbergerischen, österreichischen Burgruine.

Man weiss immer noch nicht, wer singt, wer inszeniert, welches Orchester unter welchem Dirigenten spielt. Ist unwichtig. Wichtig ist, dass es die Netrebko-Oper ist, weshalb der Komponist später nur kurz erwähnt werden muss.

Dann wird fachkundig erklärt: «Eine neue aber klassische Inszenierung, hervorragende musikalische Qualität und die stimmungsvollste Freiluftbühne Österreichs werden das Opernpublikum ... in den Zauber einer fremden Welt eintauchen lassen.» Ich weiss jetzt, dass dazu die besagte Naturspielstätte beiträgt, kann aber die Qualitätsbehauptung nicht verifizieren, weil nicht genannt wird, wer denn die Qualitäten liefern wird. Glaubs, kumm oder kimm, sauf und friss, lass dein Geld da, geh. Event culture. Der Hinweis auf die neue, ABER klassische Inszenierung soll wahrscheinlich schon im Vorfeld die Spiesser beruhigen: schon neu, ein bisserl, aber doch alles klassisch, wie gewohnt, wie Netrebko-Oper eben, à la Burgruine.

Dann lese ich noch, dass die «Garser Gastfreundschaft und Gemütlichkeit» - ja, die Gemütlichkeit! Auch mit der Netrebko-Oper - sich auch durch die wöchentlichen Sommer-Reigen Veranstaltungen unter Beweis stelle. Wer dabei zuviel trinkt, «findet direkt am Hauptplatz eine standesgemäße Übernachtungsmöglichkeit beim weltbekannten Hotel Dungl!» Ah. Dungl weltbekannt. Wirklich genial und zudem «standesgemäß», obwohl wir kein Ständestaat mehr sind. Oder in der Burgruinengesellschaft immer noch? (Dass die Unterkunft BEIM und nicht IM Hotel gegeben sei, bedarf hoffentlich keiner näheren Erörterung.)

Ein Standesevent, das nicht zuletzt mit dem historisierten, schlüpfrigen Plakat die Instinkte des Eventpublikums, das sicher die Catering-Neuerungen geniessen wird, ansprechen soll. Ruinenkultur. Dung.

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