Die freudlose Gasse

07.01.2010 Walter Gasperi

Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm über Klassengegensätze, Elend, Luxus und Gier im Wien der frühen 1920er Jahre gehört zu den Klassikern der Filmgeschichte, ist aber auch einer der von der Zensur am meisten verstümmelten Filme. Die «Edition Filmmuseum», DAS Label für anspruchsvollste DVD-Editionen im deutschsprachigen Raum, hat Pabsts Meisterwerk in einer sorgfältig restaurierten Fassung und ergänzt mit einer Fülle von Zusatzmaterial herausgebracht.


Mit 110 Minuten gibt Buchers Filmlexikon die Länge von Georg Wilhelm Pabsts 1925 entstandenem Meisterwerk an, 120 Minuten nennen Reclams Filmklassiker. Die im Filmmuseum München zwischen 1995 und 1998 rekonstruierte Fassung ist 150 Minuten lang – und damit immer noch etwa 30 Minuten kürzer als das Original.

Immer wieder und ganz unterschiedlich wurde «Die freudlose Gasse» in Deutschland, Frankreich, England, den USA oder der Sowjetunion zensuriert. Je weiter die Inflation der frühen 1920er Jahre in die Ferne rückte, desto mehr kürzte man beispielsweise in Deutschland die Schilderung dieser fürchterlichen Zeit, während man in der Sowjetunion nicht von Pabst gedrehte Szenen ergänzte, um ein plastischeres Bild vom kapitalistischen Börsengeschehen zu vermitteln.

Mehr noch als das vorbildliche Booklet gibt eine zweite DVD einen ebenso spannenden wie aufschlussreichen Einblick in die Zensur-, aber auch in die Rekonstruktionsgeschichte des Films. Da finden sich im CD-Rom-Bereich ausführliche Texte zum zeitgenössischen Hintergrund und zur Produktionsgeschichte, das Zensurgutachten oder das Drehbuch. Dazu kommen die 20-minütige Dokumentation «Pabst wieder sehen», in der eine zentrale Szene der geschnittenen und rekonstruierten Fassung verglichen wird, vor allem aber Einblick in die Arbeit der Filmrestauration geboten wird, «Outtakes & Intakes», also in den verschiedenen Versionen ergänzte oder geschnittene Szenen, ein 50-minütiges Interview mit dem Regieassistenten Mark Sorkin oder der 110-minütige Dokumentarfilm «Der andere Blick» über Leben und Werk von Pabst.

Was aber hat «Die freudlose Gasse» so aufsehen- und anstoßerregend gemacht. Mit dem deutschen expressionistischen Film hat dieser Film nichts mehr zu tun. Auf spektakuläre Licht-Schattenspiele, ausgefallene Kameraperspektiven und –fahrten verzichtet Pabst weitgehend, konzentriert sich dafür auf die scharfe Beobachtung der Realität. Mit dem Insert «Wien 1921» beginnt der Film und lässt gleich in die dunkle Melchiorgasse blicken, in der eine endlose Menschenschlange vor dem Fleischergeschäft ansteht, um dann großteils doch wieder unverrichteterdinge abzuziehen.

Mit grimmigem Blick zeichnet Pabst diesen Fleischer, der ganz konkret Ware nur gegen anderes «Fleisch», nämlich die Liebesdienste junger Frauen, hergibt. Das barbarische Tauschgeschäft, um das es hier geht, zieht sich durch den Film. So will Frau Greifer - nomen est omen -, die nach außen hin eine Schneiderei führt, im Hinterzimmer aber ein Bordell betreibt, der armen Grethe (Greta Garbo) zwar durchaus helfen, verlangt dafür aber, dass sie sich prostituiert.

«Das Glück liegt nur im Geld» wird einmal gesagt und die Bankierstochter Regina will den Sekretär Egon nur heiraten, wenn er so reich wie sie oder sie so arm wie er ist. Das Geld will ihm Marie (Asta Nielsen) beschaffen, will für ihren geliebten Egon sogar auf den Strich gehen und wird zur Mörderin, als sie erkennt, dass er in ihr nur ein Spielzeug sieht.

Weniger nach vorwärts als vielmehr in die Breite entwickelt Pabst die Handlung, lässt sich rund 25 Minuten Zeit für die Exposition, in der er die Protagonisten und die unterschiedlichen Milieus vorstellt. In den Mittelpunkt stellt er drei arme junge Frauenschicksale, spricht Arbeitslosigkeit, Inflation, Hunger und sexuelle Ausbeutung durch die herrschenden Männer an.

Das Leben in der schäbigen Melchiorgasse kontrastiert er durch Lichtführung, Kulissen und Kleidung packend und eindringlich mit dem Luxusleben der Reichen, die nicht nur fein dinieren, Champagner genießen und sich mit gekauften Frauen amüsieren, sondern auch durch Manipulation der Börse die Unterschicht noch mehr ins Unglück stürzen. Im grimmigen Blick auf menschliche Niedertracht wirkt «Die freudlose Gasse» teilweise wie ein Vorfahre der Filme Ulrich Seidls oder ganz allgemein ein Vorfahre der Wiener Halbwelt- und Unterschichtfilme des letzten Jahrzehnts.

Melodramatisch sind die Geschichten, die Pabst erzählt, aber sein sozialkritisches Engagement, die beissende Kritik an Kapitalismus, Geldgier saturiertem Bürgertum, und die scharfe Gegenüberstellung von Reich und Arm haben nichts von ihrer Aktualität verloren und mit dem Dunkel der Straßenszenen, in denen auch explizit auf Dantes Inferno Bezug genommen wird, und dem Licht bei den Festgesellschaften wird auch schon die vierte Strophe von Brecht/Weills «Moritat von Mackie Messer» vorweg genommen, die für die Verfilmung von «Die Dreigroschenoper», bei der ebenfalls Pabst Regie führte, ergänzt wurde: «Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht.»

Wird am Mittwoch, den 8.10. 2014 um 20 Uhr am Spielboden Dornbirn gezeigt - Live-Musikbegleitung von Peter Madsen & CIA

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