Eiswein im Frühherbst

30.01.2010

Ein grausiger Fund, den die Kommissare Braunagel und Schwarz da zu bearbeiten haben, eine nackte Frauenleiche mitten im Wald, das Gesicht zur Unkenntlichkeit zertrümmert, und so gut wie keine Spuren.


Hauptkommissarin Zeller hat sofort die Theorie eines Ritualmordes bei der Hand, doch die scheint Braunagel eher dazu geeignet, dass seine Vorgesetzte beim Staatsanwalt, der noch dazu ihr zukünftiger Verlobter ist, auch um berufliche Anerkennung heischt. Die von mehreren Seiten kommende Bemerkung, dass es schließlich seine Aufgabe sei, die Wahrheit ans Licht zu fördern, kontert Braunagel mit dem sarkastischen Standardsatz: «Gut, dass Sie mich daran erinnern.»

Eine klassische Konstellation: die bodenständigen, erfahrenen Kommissare mit dem wertvollen Bauchgefühl und eine Vorgesetzte, die eher Sand ins Getriebe streut, als dass sie Nützliches beisteuerte. Die in Baden-Württemberg geborene und seit über dreißig Jahren im bayerischen Ingolstadt lebende Autorin Carmen Mayer siedelte ihren Romanerstling in Würzburg an, jener 135.000-Seelen-Gemeinde Unterfrankens, die unter anderem als Zentrum des Frankenweins bekannt ist. Die Sache mit dem Eiswein ist freilich eine, die den Ermittlern bei ihrer Arbeit hilft, denn der Frühherbst, welcher der Handlung ihren Rahmen bietet, ist die falsche Jahreszeit für Eiswein; was die Polizeibeamten natürlich wissen.

Die Tote, das stellt sich bald heraus, ist eine Hotelbesitzerin, Julia Neubauer. Ihr Kontakt zur Welt der Winzer führt nicht nur über ihren Beruf, sondern über Christoph Orthler, der, wie der Leser noch vor den Kommissaren erfährt, ihr Geliebter war. Dem Leser erschließt sich die Liebesbeziehung der beiden unter anderem aus dem im Buch abgedruckten E-Mail-Wechsel, der Christoph an einer Stelle des Buches zur traurigen Bemerkung veranlasst, die meiste Zeit hätte er mit seiner Geliebten eigentlich im Internet verbracht.

Innerhalb weniger Tage rollen nun die zwei Kriminaler die Geschehnisse der letzten Tage auf sowie eine Menge von Hintergründen. Da Hauptkommissarin Zeller sich mit diesem Fall ja profilieren möchte, arbeiten die beiden nicht nur gegen wenig auskunftfreudige Zeugen, sondern auch gegen die Zeit. Denn wer kommt als Täter in Frage? Der Geliebte der Ermordeten, wovon sich die Hauptkommissarin überzeugt zeigt? Oder Julias Ex-Ehemann, der es nicht nur auf ihr Hotel abgesehen hatte, sondern in der Polizeidatenbank bereits als ein zur Gewalt neigender Zeitgenosse aufscheint? Oder Karl, Julias rechte Hand im Hotel, der für seine Chefin mehr als nur kollegiale oder freundschaftliche Empfindungen hegte und jede ihrer Liebschaften mit wachsender Eifersucht verfolgte?

Je mehr Braunagel und Schwarz in Erfahrung bringen, desto größer scheint das Feld der Verdächtigen zu werden; jedenfalls erhärtet sich Braunagels frühes Bauchgefühl, dass Christoph trotz der zahlreiche Indizien, die gegen ihn sprechen, wohl doch nicht der Mörder gewesen sein dürfte. Aber gibt es Beweise dafür?

Die Autorin, Carmen Mayer, ließ sich nicht nur eine gefinkelte Kriminalgeschichte einfallen, die beim Lesen die Versuchung weckt, doch ein paar Kapitel vorzublättern, um endlich zu erfahren, wie es ausgeht, sondern trat mit der Polizei Ingolstadt sowie Würzburg in Kontakt, die ihr wertvolle Einblicke in die polizeiliche Arbeit ermöglichten. Was im Roman Eiswein vonstattengeht, könnte also aus dem Leben gegriffen sein - Realitätsbezüge, die sich so wunderbar von den allseits bekannten und beliebten amerikanischen Krimischinken abheben, von denen Fernsehen und Teile des Buchmarktes heutzutage überflutet werden. «Eiswein» trumpft mit Einblicken in die kriminaltechnische Ermittlungsarbeit, Details aus dem Geschäftsleben der Weinbauern und mehr oder weniger privaten Rechtsstreitigkeiten in der Welt der Hoteliers.

In die Ermittlungsarbeit eingebettet sind Anklänge an das Privatleben der beiden Kommissare. Allerdings steht dieses niemals im Mittelpunkt, sondern gibt lediglich wertvolle Hinweise auf die Befindlichkeiten der Protagonisten. Vor allem Braunagels zerbrochene Beziehung blinkt immer wieder durch, obwohl außer dem Namen der Verflossenen und wenigen Detailaspekten kaum etwas berichtet wird. Hingegen zieht sich geradezu als Leitmotiv Braunagels Vorliebe für Bienenstich mit Cappuccino durch - Gaumenlust und perfektes Ambiente zum Weiterentwickeln forensischer Überlegungen; das Café, in dem er bevorzugt konsumiert, wurde hinsichtlich der Serviererin ausgewählt, die es dem Kommissar ganz offensichtlich angetan hat. Seinen Kollegen Schwarz verführt dies natürlich mehrmals zu spitzbübischen Bemerkungen.

Dass der Kommissar indes seine vergangene Beziehung noch nicht überwunden hat und innerlich ringt, sich einer möglichen neuen zuwenden zu können, ergibt sich dem Leser aus den mitgeteilten Gedanken. Als Braunagel nach getaner Arbeit im Café erfährt, dass ihm die Serviererin unerwartet den letzten Bienenstich dieses Tages aufgehoben hat, endet der Roman mit einem wunderbar gefühlvollen Satz: «In diesem Augenblick war Walter Braunagel, als würde sich in seinem Inneren ganz leise eine Tür schließen.» Ob die Folge daraus im nächsten Roman Carmen Mayers zu lesen sein wird ...?
Klaus Ebner, Wien

Carmen Mayer: Eiswein

Roman, 156 Seiten, EUR 10,95
BOOKSun limited, Hamburg 2009
ISBN 978-3-941527-01-0

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Eiswein in Books unlimited

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  • Cover Eiswein von Carmen Mayer
  • Carmen Mayer

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