Up in the Air

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Ryan Bingham jettet quer durch die USA um Firmenchefs das unangenehme Aussprechen von Kündigungen abzunehmen. Sein Job und das Fliegen sind sein Leben, von jedem emotionalen Ballast hat er sich befreit. – Aber irgendwann beginnt in Jason Reitmans brillanter Tragikomödie zur Wirtschaftskrise auch dieser von George Clooney umwerfend gespielte Zyniker an seiner Lebensphilosophie zu zweifeln.

Aufregend ist schon der Vorspann, bei dem Woody Guthries Klassiker «This Land is Your Land» in der soulig-funkigen Version von Sharon Jones & The Dap Kings Luftansichten von verschiedensten Städten und Regionen der USA unterlegt ist, die durch durch den Blick aus der Höhe teils aufs Ornamentale reduziert sind. Aus dieser Perspektive sieht Ryan Bingham (George Clooney) die USA, legte er im letzten Jahr doch über 300.000 Meilen bei Inlandflügen zurück, war 322 Tage auf Reisen und nur 43 grässliche Tage zuhause.

Im Auftrag einer Consulting-Firma jettet er quer durch die USA und übernimmt für Firmenchefs die unangenehme Aufgabe von Kündigungen, wobei er den Betroffenen weis zu machen versucht, dass sie die Entlassung nicht negativ, sondern als Chance sehen sollen. Goldgräberzeiten sind die Wirtschaftskrise mit dem Desaster für Autoindustrie und Immobilienmarkt für Binghams Branche. Direkt in die Kamera lässt Reitman gleich am Beginn sieben oder acht Betroffene sprechen, bis einer an Bingham die Frage stellt, wer er denn eigentlich sei – und mit einem Gegenschnitt beginnt Reitman über diesen graumelierten, perfekt gekleideten Mann zu erzählen.

So schnittig, schnörkellos und effizient, wie Bingham sein Leben organisiert hat, sind die ersten Szenen von «Up in the Air» auch inszeniert. Kein Gramm Fett zuviel soll sein Leben haben. Weil Leben für ihn Unterwegssein heißt, musst der Trolley klein sein und wie geschmiert durch die Flughafenhallen rollen. Er hält sogar Vorträge darüber, wie man seinen Lebensrucksack richtig packt: Nicht nur so wenig Materielles wie möglich, sondern auch keine Erinnerungsfotos, keine persönlichen Beziehungen und Emotionen sollen da hinein. – Das belaste alles nur, frei müsse man leben, mit der antiken Sentenz «Der Weise trägt alles Seine mit sich» hat das freilich nur an der Oberfläche zu tun.

Ideal besetzt ist dieser zynische Job-Terminator mit George Clooney. Höchst unsympathisch müsste einem diese Figur eigentlich sein, doch Clooney, der hier endgültig zum Cary Grant unserer Zeit aufsteigt, versteht es Bingham soviel Stil und Charme zu verleihen, dass man ihn schon (fast) wieder mögen muss.

In Alex (Vera Farmiga) scheint er in einer Hotelbar einer verwandten Seele zu begegnen: Man liefert sich ein Duell mit VIP-Karten, verschwindet bald gemeinsam im Hotelzimmer und vereinbart per Terminplaner ein potentielles nächstes Date, wenn sich ihre Destinationen wieder zufällig kreuzen.

In seiner sterilen Wohnung in Omaha, Nebraska verbringt Bingham so wenig Zeit wie möglich, zumal die Nachbarin inzwischen auch einen Freund hat. Und auch zu seinen Schwestern pflegt er keinen Kontakt.

Wenig erfreut ist Bingham im Gegensatz zu seinem Chef auch vom Vorschlag der jungen Mitarbeiterin Natalie (Anna Kendrick) die Kündigungen in Zukunft per Videoübertragung auszusprechen. Da könnte man nicht nur die hohen Reisekosten reduzieren, sondern nebenbei auch noch – wie das so schön euphemistisch heißt - einige Jobs im eigenen Haus wegrationalisieren und Leute wie Bingham selbst freisetzen. Zur Einschulung soll er Natalie aber zunächst noch mal auf einen Trip quer durch die USA mitnehmen: Da kann sie lernen, wie man einen Koffer richtig packt, dass man sich am Flughafen keinesfalls in der Schlange mit Familien, alten Leuten oder Arabern, sondern in der mit Asiaten anstellt, und wie man in exklusive Hotelpartys rein kommt.

Nebenbei muss Bingham dabei von allen Orten Fotos für die anstehende Hochzeit seiner Schwester schießen und trifft auch Alex wieder. Diese nimmt er dann auch mit zu diesem Familienfest. Damit treten an die Stelle der kühlen in Weiß und Stahlgrau getauchten und von Funktionalität bestimmten Geschäftswelt mit den emotionalen Kontakten und Kindheitserinnerungen plötzlich warmes Braun und ein altmodisches, aber heimeliges Hotel. Und der Beziehungs- und Familienverweigerer Bingham muss sogar ganz gegen seine Überzeugung ein Gespräch über den Wert der Familei mit seinem zukünftigen Schwager führen. Zum Nachdenken bringt den Zyniker dieses warmherzige Fest und auch die zunehmende Nähe, die er zu Alex entwickelt.

Wer aber meint, dass er jetzt weiß, worauf das Ganze hinausläuft, hat sich mächtig getäuscht. Souverän setzt Reitmans und Sheldon Turners Drehbuch (nach Walter Kirns Bestseller «Der Vielflieger») nämlich einige ebenso überraschende wie überzeugende Wendungen, lässt «Up in the Air» als bissige Tragikomödie zur Wirtschaftskrise beginnen, entwickelt den Film dann in Richtung Romanze, und verpasst ihm im Finale nochmals einen Dreh.

Wie dann die Welt durch einen anderen Blick auf die Räume, auf Binghams Wohnung oder die Hallen der Flughäfen plötzlich ganz anders aussieht - oder genauer: einen anderen emotionalen Gehalt bekommt - als am Beginn, wie die so lang ersehnte Frequent Flyer-Card für die Durchbrechung der 10.000.000 Meilen Schallmauer nun für Bingham einen ganz anderen Stellenwert hat, ist zweifellos brillant inszeniert.

Keinen Leerlauf gibt es hier, nie hektisch, aber mit einer Ökonomie und einer Eleganz, die ans klassische Hollywoodkino erinnert, ist «Up in the Air» inszeniert, knapp und treffend wie bei den klassischen Screwball-Komödien sind die Dialoge, bis in die Nebenrollen hinein perfekt die Besetzung. Gelangen Reitman schon mit dem bissigen Porträt eines Lobbyisten der Tabakindustrie in «Thank You for Smoking» und der Teenager-Komödie «Juno» zwei ebenso unterhaltsame wie intelligente Filme alter Schule, die gleichzeitig inhaltlich auf der Höhe ihrer Zeit sind, so legt er mit «Up in the Air» sein bisheriges Meisterstück vor.

Denn er versteht es hier von einem bitterernsten Thema wie Massenentlassungen so zu erzählen und dieses quasi mit einem Zuckerguss zu versehen, dass man die Pille mit Amüsement schluckt. Zu Tränen können einen die kurz angeschnittenen Schicksale der Arbeitslosen rühren und dennoch kommt man nicht umhin den Film zu genießen und immer wieder herzhaft zu lachen. Nie geht dies freilich auf Kosten der Betroffenen und, dass es Reitman mit dem Thema ernst ist, zeigt er, wenn er immer wieder den Bogen zur Problematik der Arbeitslosigkeit schlägt.

Da sprechen dann am Ende, den Kreis zum Anfang schließend, nochmals Entlassene direkt in die Kamera über ihre Empfindungen und Reitman führt das Thema im Nachspann mit der Einleitung des Schlusssong «Up in the Air» sogar aus der fiktiven Filmwelt in die Realität über.

Das Aktuelle verknüpft der Sohn von «Ghostbuster»-Regisseur Ivan Reitman dabei durchgängig und spielerisch leicht mit der zeitlosen Frage nach dem Lebenssinn: «Up in the air» mag die Freiheit zwar grenzenlos sein, aber der Preis für ein solches Nomadenleben ist die Einsamkeit, während auf der anderen Seite Sesshaftigkeit mit Bindungen stehen, die freilich auch Beziehungsprobleme mit sich bringen. – Einzig ein Doppelleben könnte aus diesem Dilemma einen Ausweg bringen!


Läuft ab Freitag, 4.6.2010 in den Weltlichtspielen Dornbirn (Deutsche Fassung)

Trailer zu «Up in the Air»



 

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