Zensur, Drohung, Verfolgung

19.08.2007 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Politische Zensur existiert in unseren Breiten offiziell nicht. Wird welche bekannt, regt sich heftige Kritik. Anders ist es im Bereich des Religiösen. Es sind nicht nur antiaufklärerische Muselmannen, Fundamentalisten, die wüten, sondern auch geschäftstüchtige Christen, wie z.B. Scientologen, die sehr häufig und intensiv Gerichte bemühen, um ihnen unangenehme Stimmen zum Schweigen zu bringen. Und es sind Firmen, die sich gegen, wie sie meist argumentieren, «Geschäftsschädigungen» verwahren und deshalb zensurierend gegen «Aufdecker» vorgehen. Was Parteien schon lange nicht mehr können, vermögen diese beiden Gruppierungen immer erfolgreicher.


Die Verlogenheit und Wertschwäche unseres Systems zeigt sich einerseits in einer Wischi-Waschi-Haltung von ach so toleranter Nichtverletzung religiöser Gefühle. Und einem Tabu von Religionsvertretungen, das eines aufgeklärten Staates unwürdig ist. Das zu erkennen braucht es nicht nur die Fatwa gegen Rushdie oder die gesteuerte, mörderische Hysterie gegen die Moslemkarikaturen. Bald werden Kopftuchträgerinnen nicht mehr karikiert werden dürfen, wie Juden nicht mehr. Und bald wird sich das ausweiten auf Geschäftsvertreter oder Firmen, die sich dadurch geschäftsgeschädigt fühlen.

Als ich vor Kurzem von der immens hohen Korruptionssumme des deutschen Weltkonzerns Siemens las, wunderte mich, dass dies so lange überhaupt möglich war. Haben die investigativen Journalisten geschlafen? Weshalb haben die unternehmerischen Kontrolleinrichtungen versagt? Wurden Aufdecker gezielt mundtot gemacht (anders als bei der ordinären Mafia reicht im üblichen Geschäftsbereich das Mundtotmachen - immerhin «ein» Fortschritt!)?

Ich erinnere mich an den Fall Delius. Typischerweise war es nicht ein Fall «Siemens», sondern umgekehrt. Friedrich Christian Delius, deutscher Schriftsteller, geboren 1943, wurde 1972 in einen Prozeß der Siemens AG gegen sein Buch «Unsere Siemens-Welt» verwickelt, den er 1976 nach einem «Vergleich beim OLG Stuttgart nach Punktsieg über Siemens AG» überstand. Der streitbare, in gutem Deutsch schreibende Autor, war in einen weiteren, langjährigen Rechtsstreit verwickelt. Gegen seine «Moritat auf Helmut Hortens Angst und Ende» prozessierte Helmut Horten 1979. Die rechtlichen Querelen endeten 1982, als der Bundesgerichtshof Hortens Klage abwies. Ohne seinen Verlagsrückhalt (Rowohlt), gute Anwälte und öffentliche Aufmerksamkeit (Stipendien, Preise) wären die Prozesse wohl katastrofal gewesen, wären einem Berufsverbot gleichgekommen. (Informationen und Leseproben auf der Homepage des Autors.)

Neben anderen Berichten über interne Zensur bei Siemens gegenüber Arbeitnehmern wäre es heute interessant zu sehen, wie der Konzern sein Image über seine bekannte, gelobte Akademie und Studienprogramme jetzt erneut aufpoliert. Was wird als Nächstes folgen?

Im März dieses Jahres «erwischte» es einen bekannten Autor, der die Recherchierregeln zur Perfektion kennt, den ehemaligen Spiegel-Journalist Hans-Ulrich Grimm. Im HANDELSBLATT vom Montag, 5. März 2007, war zu lesen: «Masterfoods verhindert Veröffentlichung. Kampf ums Schwarzbuch Tierfutter: Der ehemalige »Spiegel«-Redakteur Hans-Ulrich Grimm wollte in diesen Tagen sein »Schwarzbuch Tierfutter« auf den Markt bringen. Für Masterfoods war bereits die Ankündigung zu viel. Der Marktführer hat die Veröffentlichung per einstweiliger Verfügung verhindert.» Die am 3.3. begonne Auslieferung musste gestoppt werden.

Nachdem der Klappentext (es ging gar nicht um belegte Inhalte, nur um einige werbende Vorinformationen!) leicht geändert worden war entsprechend gerichtlicher Auflagen, konnte das Buch weiter erscheinen: Hans-Ulrich Grimm: Katzen würden Mäuse kaufen. Schwarzbuch Tierfutter. Wien, Deuticke 2007.

Man soll niemanden wegen seiner Herkunft, Rasse oder Religion benachteiligen. Einige verstehen das leider im entgegengesetzten Sinn und folgern, man solle einigen wegen ihrer Religion ein Privileg zuschreiben. Davon profitieren z.B. Kirchen und Glaubensgemeinschaften. Unter anderen auch die Scientology Organisation, die sich Kirche nennt. Und Vorteile, nicht nur steuerliche daraus geniesst. Und die, wie viele andere Kirchen auch, gar nicht zimperlich, oft mit starkem Druck, seelisch und rechtlich, gerichtlich, gegen Abtrünnige und Kritiker vorgeht. Da treffen sich Smarte mit dumpfen Primitiven, wie wir sie von den Fundamentalisten kennen. Die Smarten sind auch Fundamentalisten, aber angepasstere, geschultere, verdeckte. Ganz gefährliche.

Jetzt hat es wieder ein Schwarzbuch erwischt. Diesmal eines gegen eine Sekte und ihr Unwesen. Gegen die Scientologen. Am 8.8.2007 war in der renommierten Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen: «Schwarzbuch Scientology. Wir gegen die anderen», worin sich Helmut Mayer detailliert und nachdenklich zum Zensurversuch der Scientology Sekte, die sich Kirche nennt, äussert. Diesmal geht es um Ursula Caberta: Schwarzbuch Scientology. Mit einem Vorwort von Günther Beckstein. Erschienen im Gütersloher Verlagshaus, dessen dritte Auflage ab 23.08.2007 ausgeliefert wird. Bislang konnten die Anwälte des Verlags der gerichtsnotorischen Organisation und ihren Zensurbegehren entgegentreten.

Drei Beispiele. Drei Welten. In einer. Wer Geld und Macht hat, schafft an. Immer öfter. Aber nicht immer. Wenn das Schule macht, falsch, es hat ja bereits Schule gemacht, also: wenn das noch weiter erfolgreich sich ausweitet, werden keine Analysen oder Untersuchungen über gefährliche Praxen, Betriebe oder Manöver mehr publiziert werden können (z.B. Atomkraftwerke, Ressourcenschädigungen, Arbeitsbedingungen in gewissen Gegenden von gewissen Firmen mit gewissen Leuten). Über üble Praktiken gewisser Kirchen oder Glaubensgemeinschaften wird weder kritisch berichtet werden können und schon gar nicht abwertend geurteilt werden dürfen. Neue Tabuzonen werden errichtet bzw. untermauert.

In Einigem kennen wir das: wer Israel kritisiert, ist Antisemit. Wer Amerika kritisiert, ist Antiamerikanist, fast schon so kriminell, wie Antisemit, wer Islamisten oder Fundamentalisten kritisiert, ist eurozentrisch intolerant, wer sich gegen Kopftuchtragen äussert, ist fremdenfeindlich usw. Überall lauert das Polizeidenken: nur ja keine Eigenheit, keine Abweichung von der politischen Korrektheit. Toleranz! Mit dieser Art Toleranz muss man aber eben die Geschäftsinteressen der Mafia genauso akzeptieren wie der kriminell korrupten Manager von Grossfirmen, seien sie profan oder kirchlich. Mit dieser Pseudotoleranz kann kein freies Denken gewahrt werden.

Wenn Menschen, die leiden, weil sie an stark frequentierten Verkehrswegen wohnen (müssen), protestieren, werden sie in Bälde nicht nur politisch verfolgt, sondern zusätzlich wirtschaftlich: Firmen werden Millionen- oder Milliardenforderungen an die «Geschäftsstörer» anmelden und so jeden Protest, jede Kritik verunmöglichen. Ich höre noch das salbungsvoll maliziöse Abwerten der protestierenden Deppen an Österreichs Nordgrenze durch dern tschechischen Aussenminister. Ich habe die Appelle über den Vorrang des freien Warenverkehrs, der par tout nicht gestört werden darf, nicht vergessen. Also sollen sie kuschen, die nahe an Atomkraftwerken wohnen oder am Brenner. Verkehr hat Vorrang, Atomwirtschaft sowieso. «Wer anders denkt....»

Scientology

Das Christentum ist für Scientology nur insofern interessant, weil diese Psychosekte damit in den Genuss steuerlicher Privilegien zu kommen hofft. Mit dem Kern der christlichen Botschaft haben sie inhaltlich genauso wenig zu tun wie G.W.Bush.
Neben der Bemühung der Gerichte haben sie auch noch andere Kampfmethoden im Köcher. Als ein BBC-Reporter etwas über die scientologen recherchieren wollte, bekam er Aufpasser zur Seite gestellt, die ihn lückenlos beschatteten, bis er die Nerven wegschmiss und die Agenten anschrie. Das wurde von denen gefilmt und die Schreiszene auf Youtube ins Netz gestellt.

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