Kinderschändergaudi

21.03.2010 Haimo L. Handl

Die Wellen gehen hoch. Fälle von vor 10, 20, 30 oder 40 Jahren werden gemeldet. Die Anzeiger fühlen sich als Opfer und werden als solche anerkannt. Es wird nicht gesagt, sie WAREN Opfer, sondern behauptet und verstanden, sie SIND Opfer. Die Kampagne ist nicht eine zur Erhellung und Sensibilisierung des Rechtsverständnisses, sondern ein Rundumschlag im Sinne des Opferkults, des Ressentiments und der Rache.


Die Medien machen dabei ihr Geschäft, die Berater und psychologischen Beistände erproben ihre Professionalität und viele schwelgen in Vor- und Nachurteilen. Ganz pragmatisch-profan: Einige gewitzte Anwälte folgen dem aus den USA importierten Trend und verlangen Schadenersatz, Schmerzensgeld; nicht von den einzelnen als Täter gemeldeten, sondern von der Organisation, der Kirche. Dabei wird getan, als ob die im Gesetz festgehaltenen Verjährungsfristen gar nicht existierten. Im Namen von Recht, Ordnung und Gerechtigkeit wird eine Rechtsbeugung eingeleitet, wird eine moralische Hatz veranstaltet, die weit über die bedauerlichen Fälle hinausgeht.

Personen, die nicht in die einmütige Verurteilung einstimmen, wie Josef Haslinger, müssen sich von einer Tussi der Profession ferndiagnostiziert sagen lassen, sie seien Opfer, die, wie oft üblich, sich mit den Tätern identifizieren. So einfach geht das. Andere, die zu bedenken geben, wie der Begriff «Missbrauch» unterschiedlich verstanden wurde in den letzten Jahrzehnten bzw. die auch von der Erotik der Pädagogik sprechen, werden als verkappte Täter hingestellt, die eigentlich Dreck am Stecken hätten (so wurde der Schweizer Autor Adolf Muschg abgekanzelt).

Es herrscht eine Einmütigkeit in der Pauschalverurteilung, die mich schreckt. Es ist wie zu finsteren Zeiten der Inquisition, des beschränkten mittelalterlichen Nichtdenkens, wo schon ein schiefer Blick genügte oder eine einfache Aussage, ganz ohne corpus delicti, um jemanden ins Feuer zu bringen oder in die Folterkammer.

Gut, niemand wird heute gefoltert bei uns, wenige erleiden ein Berufsverbot. Aber die Hatzstimmung ist nicht zimperlich. Es wird sicher weitergehen. Dass man mich richtig versteht: Kindesmissbrauch ist, obwohl der Terminus selber pervers ist und etwas über den Gebraucher aussagt (ich verwende ihn wegen der Verständlichkeit seitens des Publikums und nur mit diesem Hinweis), ein Straftatbestand. Ich verstehe auch, dass man Delikte ahndet. Aber das ist von ganz anderer Art als die Enthüllungsorgie, die meist auf alte Fälle verweist, die der geltenden Justiz nicht mehr verfolgbar sind. Trotzdem trauen sich jetzt, wo das «Rezeptionsklima» günstig ist, hunderte von ehemaligen Opfern, die aber als aktuelle angesehen werden, in die Öffentlichkeit.

Ich frage mich unwillkürlich, wie sie all die Jahre gelebt haben? Als Opfer, beschädigt, unfähig sich zu äußern? Brauchte es tatsächlich eine Art von Pogromklima, um sich nach einem Zeitalter einer oder einer halben Generation zu trauen auszusprechen, was vorgefallen war? Wenn das stimmt, wirft das ein ganz schlechtes Licht auf unsere Gesellschaft. Und es sieht danach aus, dass es stimmt.

Weiters wird von einigen Experten argumentiert, dass Kinderschänder auch bei Anzeigen alter Fälle verfolgt gehören, weil anzunehmen sei, dass sie ihr Unwesen immer noch trieben, auch wenn keine aktuellen Anzeigen vorlägen. Und das im 21. Jahrhundert: Frech nimmt man die Unveränderlichkeit einer Person an, schreibt ihr Verhalten bzw. Handlungen zu, die mit hoher Wahrscheinlichkeit oder gar Sicherheit begangen werden, werden müssen. Mit so einer Logik lässt sich gegen jedes moderne Rechtsempfinden jeder und jede verhaften und aburteilen. So gingen die nazistischen Unrechtssprecher vor, so operierten die Bolschewiki. Fällt das in unserem ach so feinen Rechtsstaat niemandem auf?

Wie gesagt, es geht nicht um Verharmlosung gegenwärtiger Fälle. Aber es darf nicht ein Hatzklima mit pauschalierten Generalverurteilungen entstehen. Das ist nicht nur zu simpel, es ist skandalös unrecht.

Übrigens ist einiges, was die tapferen Eiferer vorbringen verlogen bzw. höchst einseitig reduziert. Wer fragt nach den inhumanen Praxen, wie sie Gefängnisse erzwingen? Wer fragt generell nach den Auswirkungen auf Sexualität und Gewalt durch gleichgeschlechtliche Gruppen, wie das Heer, wo der Einzelne einem engen Kollektivrahmen unterworfen ist?

Sind jene Männer, die körperlich zu schwach sind, sich der Vergewaltigungen durch Zwangsarschpudern zu erwehren, selber schuld? Geschieht ihnen recht (als Unrecht), weil sie im Gefängnis sind? Gelten dort Menschenrechte nicht?

Manches an den Debatten klingt wie aus Zeiten vor Freud. Als der Begründer der Psychoanalyse über Kindersexualität schrieb, brach ein Sturm los. Vieles, was er mutig damals schon erkannte, scheint wie aufgehoben. Eine Mehrheit pflegt eine sexualfeindliche, rückschrittliche, verklemmte Haltung, in der es nur Eindeutigkeiten gibt. Kinder haben keine Sexualität, jeder sexuelle Kontakt verdirbt, ist ein Verbrechen und schädigt das Kind. Das Kind ist das Opfer. Auch wenn es in einer aufgeklärten Gesellschaft falsche sexuelle Handlungen (im strafrechtlichen Sinne) geben kann und Kinder zu Opfern werden, wird in einer solchen nicht so hysterisch und überzogen pseudo argumentiert wie heute. Man würde differenzieren. Aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist, als ob bei vielen eine innere Abwehr sich äußert, die an anderen Fronten, vor allem im erotisierten Wirtschaftsbereich (Werbung), im Arbeitsalltag, in der Familie, nicht zum Zuge kommt.

Die Debatte hat eine andere Dynamik gewonnen und dient anderen Absichten und Zielen. Bedauerlich, dass die meisten Medien mitmachen, dass viele sogenannte Experten wieder einmal nur Büttel sind oder eitle Tröpfe. Dass die vielen Opfer endlich öffentlich Opfer sein dürfen, indiziert ja selbst schon eine sonderbare soziale Qualität. Es darf nicht einmal gefragt werden, nach welchen Kriterien wer wie lange Opfer ist. Nicht, dass einem Opfer Nachteil erwachsen soll. Aber Verständnis und Hilfe würde nicht inszeniert werden müssen. Sie äußerte sich durch ein entsprechendes Rechtsempfinden und –handeln.

Die jetzige Hatz zeigt ja, bei allem Befremden, auch auf, dass es für jene, die sich erst nach Jahrzehnten melden, unmöglich war, sich zu äußern. Dem nachzugehen wäre verantwortlicher, als einfach einen Opferstatus zu reklamieren und pauschal zu verurteilen. Denn ginge man dem nach, käme man auf soziale Praxen und Verhaltensweisen, die den jetzigen der Hatz ganz ähnlich sind, nur auf einer anderen Skalenbreite. Das wollen die Gutmenschler nicht erkennen. Ihnen ist die Show, der Zirkus lieber, der die echten Opfer desavouiert und beleidigt.

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