Verdächtigungsunkultur

25.04.2010 Haimo L. Handl

Es ist wieder modisch geworden nicht nur rasch zu verdächtigen, sondern auch zu verurteilen bzw. verdächtigend zu verurteilen. In einigen Ländern und Gesellschaften reicht das aus für Mord, wenn Islamisten eine Beleidigung ihres Gottes oder des Profeten davon rächen. In anderen, wenn man als Mitglied einer falschen Ethnie «gesäubert» gehört. Aber es gibt eine andere Form, als Vorläufer sozusagen, die vielen noch nicht so schlimm auffällt, weil man sich im dauernden Niedergang von Werten daran gewöhnt hat.


Obwohl sich Geschichte nicht wiederholt, kann und soll man aus ihr lernen. Wir hatten das schon mal: in Deutschland, als die Nazis hochkamen, in Russland, als die Bolschewiki ihre Herrschaft einrichteten, überall, wo in diktatorischen Regimes unter den Führern die Spießer freie Hand zur Säuberungsarbeit erhielten, zur Befriedigung ihrer Ressentiments, zur Erfüllung von Recht und Ordnung, wie es für den neuen Menschen, die gerechte Gesellschaft, als nötig proklamiert und von den Folgenden, den Folgsamen, den Tätern und den Mitläufern als Tätern angenommen und umgesetzt wurde, und die sich dabei sicher waren, korrekt zu handeln bzw., die nichts wussten, weder damals noch später, die sich also nie Rechenschaft gaben, die einfach mitmachten und mit ihrer Haltung ins System passten.

Noch ist es in den meisten europäischen Ländern nicht soweit wie damals unter Mussolini, Franco, Hitler oder Stalin. Aber es bereitet sich etwas vor in der Kultur, das mir höchst bedenklich erscheint. Ich meine damit weniger die Parteienlandschaft oder einzelne Politiker und ihr Unwesen, sondern bestimmte Einstellungsweisen, die als Rahmen Handlungen begründen, legitimieren.

Hier überdeckt sich langsam, aber bedrohlich, eine hohe Bereitschaft zur pauschalen Verdächtigung mit einer Vorverurteilung oder gar Verurteilung, die nach staatlichen Maßnahmen ruft, welche, werden sie umgesetzt, einem Gesellschaftsterror den Weg bereiten. Man sagt mir, ihr höre das Gras wachsen. Ich antworte, wenn man es nicht früh hört, übersieht man Ankündendes, Drohendes, Heraufkommendes. Ein paar Beispiele sollen verdeutlichen, was ich meine.

Meine Kolumne «Kinderschändergaudi» rief einige Reaktionen hervor. Neben Lob viel Kritik bzw. Beschimpfungen. Das wäre nicht weiter aufregend, wenn nicht einige nicht nur verdächtigten, ich unterstützte die Täter, ich packele mit diesen oder jenen, sondern auch verdächtigend schlussfolgerten, ich sei wahrscheinlich selbst ein Täter, das folge klar aus meinem Schreiben: «Wahrscheinlich haben Sie selbst einige Leichen im Keller liegen.»

In einer Facebookgruppe von Verlegern und Autoren ruft jemand harsch nach drastischen Strafen für illegales Kopieren. Ich antworte, dass ich das überzogen finde und differenziere. Es wird mir sofort unterstellt, gemeinsame Sache mit Dieben zu machen, mit Piraterie. Aber es folgt noch eine Drohung «Dich behalt ich mal im Auge!». Aha. Gut, dass wir die Zeiten nicht mehr (oder noch nicht wieder) haben, in denen solche Drohungen konkret ernst genommen werden mussten, weil die rabiat gewordenen Spießer im Staatsauftrag gegen Volksschädlinge vorgehen durften, ja mussten, gegen Klassenfeinde, die sich am Eigentum vergingen, die eben mit Feinden oder Kriminellen gemeinsame Sache machten usw.

Eine Widerrede, ein Versuch einer Differenzierung, und man ist bei solchen Leuten schon selbst ein Täter, ein Feind. Jemand, den man im Auge behalten muss. Wofür? Für welche «Maßnahmen» oder Aktionen? Es braucht nur eine kleine Verschiebung von Rechten, dass aus Hass, gepaart mit Eifer, ein Unrechtsregime tätig werden kann, in dem Rechtmeinende, Gutmeinende losschlagen können, ohne viel Diskussion, da es ja auf der Hand liegt: der hat Leichen im Keller, der packelt, der IST selbst ein Täter, den muss man im Auge behalten und, schließlich, den muss man fassen und erledigen. So war's ja. Damit es nicht wieder so wird, müssen nicht nur Einzelne kritisiert werden, sondern muss eine sich breit machende Haltung aufgrund eigentümlicher Einstellungen näher besehen und debattiert, kritisiert werden. Denn es sind diese sozialen und kulturellen Faktoren, die den Boden fürs Politische bilden.

Die vorausverurteilenden Sichten gehen in alle Richtungen, kommen aus allen. Man findet das bei Grünen in manchen Technikkritiken, in überzogenen Gleichheitsforderungen, bei Rechten gegen Linke, Ausländer, Fremde, Asylanten oder «Untermenschen», die vorderhand noch nicht so benannt werden, bei Linken gegen Kapitalisten, Faschisten, Unternehmer oder Klassenfeinde. Bei Religiösen gegen Ungläubige oder Andersgläubige etc.

Im Berliner Tagesspiegel, um ein drittes Beispiel zu nennen, wies ein Historiker auf befremdliche Geschichtsdeutungen im «Entwurf für ein Programm der Partei Die Linke», die an Geschichtsklitterei herankommen. In vielen Kommentaren wurde nicht auf die Hinweise oder Argumente eingegangen, die nachlesbar und überprüfbar sind, sondern abgewertet ohne sachliche Begründung oder Auseinandersetzung, allein durch den Hinweis, dass dieser Historiker Mitarbeiter eines FDP-Politikers ist. Das reicht aus zur Zurückweisung, zur Verdächtigung. Herkunft oder politische Position als Argumentationsersatz: im scheinbar Positiven zur Annahme, im gegenteiligen Fall zur Ablehnung. Gesinnungskultur als Unkultur.

Heute weiß man, falsch, heute wissen viele, dass der Faschismus und Nazismus nicht über Nacht ausbrach, oktroyiert wurde, sondern so rasch erfolgreich sich festigte, weil über lange Zeit ein Komplex von Werten sich verändert hatte, der die Etablierung von Einstellungen begünstigte, die sich leicht(er), anpassbarer ins vermeintlich Neue fügten, die die falsche Toleranz, die Duldung einerseits, das passive und aktive Mitmachen andererseits als einzig vernünftig, richtig, korrekt erscheinen ließen. Dieses Fänomen galt und gilt auch für andere Gesellschaften und Kulturen, und es nicht historisch vergangen, sondern aktuell.

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