Verordnungsdenken

09.05.2010 Haimo L. Handl

Kürzlich las ich einen Aufruf einer besorgten Gutmenschlerin, man möge doch der Barbara Karlich verbieten, in ihrer ORF-Talkshow Menschen zu missbrauchen, denn darum handele es sich, wenn sie peinlich einfache Menschen so vorführe. Etliche Personen unterstützten diese Argumentation, waren nicht nur entrüstet über die Karlich, sondern auch dafür, dass man das verbiete.


Wer soll aufgrund welcher Gesetzeslage verbieten? Zensur im Auftrag höherer Menschlichkeit? Jemand merkte auch an, man müsse gewisse Menschen vor sich selber schützen. Grundannahme ist also, dass die armen Opfer, meist Angehörige der Unterschicht, nicht wissen, was sie tun, man sie davor bewahren müsse, von einer Professionellen missbraucht zu werden.

Auf was hin meinen solch Besorgte, dass Volljährige, mündige Bürgerinnen und Bürger nicht wüssten, was sie tun? Mit welcher Anmaßung legitimieren sie ihr Verbotsbegehren, ihre erzieherischen Schutzeingriffe? Welche Arroganz verbirgt sich hinter dem vermeintlichen positiven Sozialdenken?

Es ist das Denken und Urteilen solcher, die meinen zu wissen, was anderen gut oder schlecht tut, die meinen, sie müssten für andere handeln, urteilen, weil diese zu dumm seien, selbst für sich verantwortlich zu sein. Das ist der Kern: es wird solchen Anderen keine Verantwortungsbefähigung zugesprochen, weshalb sie, die Gutmenschler, die Helfer, für sie handeln, für sie bestimmen. Für sie verbieten.

Was kommt als Nächstes? Einspruch gegen Konsum gewisser Genussmittel und Drogen, wie z. B. Kaffee, Tee, Nikotin und Alkohol? Einspruch gegen ungesunde Ernährungsweisen? Gegen Fleischverzehr? Gegen Fast Food?

Folgt dann, wie es damals unter den Stalinisten und Nazis üblich war, unter Mussolini und Franco, unter allen Diktaturen, und wie es heute noch in fundamentalistischen Regimes üblich ist, die totale und permanente Überwachung zum Wohle der Untertanen? Kontrolle der Mediennutzung! Kontrolle des Freizeitverhaltens, der Parteizugehörigkeit, der Vereinsmitgliedschaften! Denn überall lauern Gefahren, dass die armen, dummen potentiellen Opfer missbraucht werden, ausgebeutet werden. Oder dass sie «falsch» leben, genau in jenem Sinne, nach dem man früher «sündig» lebte, und was verhindert werden muss, wenn's nicht anders geht, dann über Verbote und polizeiliche Überwachung.

Die Mehrheit liebt den Polizeistaat, das Überwachungs- und Strafwesen. Sie begrüßen die Waste Watcher, wie man die Abfallüberwachungspolizei nennt, die Baupolizei, Fremdenpolizei, Staatspolizei, Wirtschaftspolizei, Straßenpolizei, Sittenpolizei (von der geheimen Polizei nicht zu sprechen, die so geheim ist, dass man sie, anders als die Gestapo, nicht kennt). Nur manchmal, wenn es einen selbst vermeintlich hart und ungerecht trifft, wird gemurrt. Sonst wird gelobt und noch mehr gefordert.

Polizeiüberwachung des Internet, der Druckmedien, von Radio und Fernsehen, des privaten Schriftverkehrs, des Datenaustausches zwischen Firmen und Privaten (Banken, Versicherungen etc.!). Überwachung des ruhenden und fließenden Verkehrs, auf den Straßen, Plätzen, U-Bahnen, Bahnen und Flügen. Noch stärkere Kontrollen an Flughäfen. Totale Überwachung. Endlich lückenlose Kontrolle der Lehrer und des Lehrbetriebs, von der Volksschule bis zur Eliteuniversität. Überwachung der Kindergärten und Horte. Überall lauern Gefahren, überall wird Missbrauch getrieben. Schließlich Überwachung der Familien, weil dort die höchste Anzahl von Sexualstrafdelikten erfolgt. Gezielte Denunziationsaufforderungen an Kinder, die ihre Eltern und Verwandten rapportieren sollen, alles Verdächtige melden, Installationen von Überwachungskameras in allen (!) Räumen, auch Schlaf- und Badezimmern, Toiletten und, ganz wichtig, Kellern.

Kein Interview soll mehr ohne vorherige Kontrolle und Approbation der zustänmdigen Polizeibehörde gegeben werden dürfen, kein Leserbrief oder Artikel mehr frei und unkontrolliert veröffentlicht werden. Keine Modenschau ohne vorherige Qualitätsprüfung und psychischem Unbedenklichkeitstest. Kein Discobesuch ohne Fingerabdruck und Speichelprobe für etwaige spätere Untersuchungen. Keine Wanderung ohne ärztliches Gesundheitsattest.

Es fängt ganz unscheinbar nett an. Schützen wir doch die Armen vor Missbrauch durch Professionelle wie die Karlich. Und gehen wir dann folgerichtig konsequent weiter. Einmal zur Erkenntnis gelangt und die Logik verstanden, rollt das Programm ab, wie oben beschrieben. Alles zum Wohle unser aller!

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