Schafott für Hans & Hedi

11.06.2010 Haimo L. Handl

Der Historiker und Schriftsteller Wolfgang Fritz legt mit «Die Geschichte von Hans und Hedi - Chronik zweier Hinrichtungen» ein impressives, berührendes Dokument vor, das nicht nur trocken gar nicht so weit zurückliegende Vorkommnisse politischen Verbrechertums aufzeigt, sondern, trotz reduziertem Bericht- und Erzählstil, eindrücklich Lebens- und Schicksalsituationen darlegt, die die Tragik nahebringen.


Vielleicht ist es gerade die gewisse Nüchternheit, die umso stärker den Wahnwitz des Regimes herauskristallisiert, indem der Autor, wie von Ferne, aber mit einem Vergrößerungsglas in die Begebenheiten blickend, die letzten Lebensabschnitte einfacher Leute ins Bild rückt und uns betroffen macht. Wolfgang Fritz vermag die Geschichte so zu erzählen, dass sie gegenwärtig, weil wiedervergegenwärtigt, wirkt. Dabei doziert der Autor nicht als Historiker, wiewohl er die Geschehnisse in den historischen, politischen Kontext einfügt. Die Verwebung von faktischem Bericht und einfühlsamer Erzählung gelingt vollauf, zumal auch nicht moralisiert wird. Kein Kitsch, kein Opferkult, kein Schuldverfahren. Die Geschichte spricht für sich, weil sie nack und bar sich auf das Wesentliche konzentriert. Da braucht es keine künstlichen Erhöhungen, kein gängiges Brimborium. Dass eine Bagatelle zu den Hinrichtungen führt, ist nicht nur kafkaesk, sondern blanke Realität der Normalität des Terrorregimes der Nazis.

Zwei einfache Menschen, Hans, der arbeitslose Malergehilfe und Hedi, die Hausgehilfin, leben in der Leopoldauer Erwerbslosensiedlung, wo sie in einem kleinen Garten Obstbäume pflegen und Gemüse. Mehr schlecht als recht überleben sie. Nachdem die Nationalsozialisten Österreich verdeutscht haben, ins Reich geholt haben, gibt es Arbeit: hans wird verpflichtet zur Arbeit in einer Munitionsfabrik. Nach einem Jahr darf er zurück nach Wien, weil er durch die Zwangsarbeit schwere Vergiftungen erlitt. Hans und Hedi sind nicht politisch organisiert oder aktiv. Aber sie kennen Kommunisten. Einer von ihnen bittet, eine kaputte Abziehmaschine im Gartenhaus von Hans und Hedi unterstellen zu dürfen. Sie sagen zu. Das wird ihnen zum Verhängnis. Eines Tages taucht die Polizei auf, findet die Maschine und verhaftet das Ehepaar. Es wird ihnen Hochverrat zur Last gelegt. Gnadengesuche werden abgewiesen; das Ehepaar wird geköpft.

Die einfache, ja geradezu banale Geschichte, entfaltet aber eine Dramatik, weil der Leser immer weiß, aus welchen Umständen, so nebenher, die Todesmaschinerie der Nazis ins Rollen kommt, und kein Mittel mehr hilft. Fast möchte man sagen, es sei tragisch. Aber das erhöhte nur die Barbarei. Es war ganz banal böse. Heute klingt es für viele unwahrscheinlich. Man kann sich kaum vorstellen, weshalb ein Regime so reagiert und handelt. Deshalb ist der nüchterne Ton und die Erzählweise des Autors zu loben, weil sie themengerecht einen Stoff vermittelt, der sonst kaum oder nur oberflächlich zur Kenntnis genommen würde. Ein empfehlenswertes Buch, gerade heute, wo Geschichtsklitterer und Verniedlicher wieder am Werk sind.

Wolfgang Fritz
Die Geschichte von Hans und Hedi
Chronik zweier Hinrichtungen
160 S., gebunden, mit zahlreichen Abbildungen
EUR 17,90/sFr 28,70
ISBN 978 3 85286 183 8

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