Bücherlust und Bücherlast

26.08.2007 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Und natürlich mit Lesen. Bei uns daheim waren Bücher nie Tapeten. Schon früh beneidete ich jene, die eine Bibliothek besassen. Ich half mir mit Ausleihungen von Büchereien. Kontinuierlich erwarb ich mir meine eigene Sammlung, die lebt und wächst. Als ich in den USA auch in viele Akademikerhaushalte kam staunte ich, keine Bücher zu finden. Dort ist das Bibliothekswesen so gut ausgebaut, dass auch Leseratten sich keine eigene Bibliothek halten (müssen), um sich zu versorgen. Ich würde aber auch dort auf meine Bibliothek nicht verzichten wollen. Jedenfalls lernte ich die Vorteile gut sortierter Bibliotheken kennen und schätzen, wo man «arbeiten» darf und nicht nur umständlich Bücher aus dem Katalog bestellen muss.


Büchereien haben neben der eigentlichen Versorgung mit Lesestoff eine bildungspolitische Aufgabe. Sie können mit ihrem Angebot und ihren Empfehlungen «erzieherisch» einwirken auf das Leseverhalten ihrer Besucher. In dem Masse, wie sie sich als Service Centers nach einem kommerzgeprüften Quotendenken ausrichten, geht diese Aufgabe und Chance allerdings verloren.

Ich begrüsse ein breites Angebot. Ich freue mich über Übersetzungen. Die Welt ist reich, die Kulturen sind komplex; wenigstens ein klein wenig davon könnte man sich über Lektüre «einverleiben». Ich sage «könnte» und nicht «kann», denn die falsche Selbstbescheidung bzw. die dümmliche Bestsellerorientierung verhindert das Heranbilden offener Neugier und Risikolust, auch mal etwas «Fremdes» sich anzusehen, Ungewöhnlichem sich auszusetzen, Neuem, das noch nicht kanonisiert ist, noch nicht approbiert von «Literaturpäpsten» (ach, immer suchen allzu viele die Papas und horchen auf their masters voice!) selbst, ja, selbst, zu erkunden, ohne davor sich der Sternchen einer Pseudokritik vergewissert zu haben.

Wenn ich mir vorstelle, wie neben dem gut beworbenem Massenprogramm und den profitablen Bestsellern gerade in Büchereien auch andere Produkte angeboten und empfohlen werden, ersehe ich eine Chance für Bücher aus Kleinverlagen, für Stimmen, die nicht so laut sein können am Markt, für «Nischen». Das könnte sich auch auf heimische Produkte auswirken. Nicht, dass die allein deshalb schon, weil sie heimisch sind, zu privilegieren wären. Aber das Gegenteil sollte auch nicht der Fall sein. Doch gerade das geschieht: Bücher von unbekannten oder wenig bekannten Autorinnen und Autoren sind schwer zu finden in den Büchereien. Sie würden nicht verlangt, heisst es vielfach. Nicht verwunderlich, wenn es nur beim Katalogeintrag bleibt.

Damit eine literarische Kultur auch eine aktive Lesekultur wird, dürfen nicht nur Bücher bereitgehalten werden. Es geht um Vermittlung. Um Auseinandersetzung. Dazu bedarf es Kommunikation: Rede und Widerrede, Kommentar und Anmerkung, Meinung und Kritik, Lob und Abwertung, alles müsste einfliessen in diese Art kultureller Tätigkeit. Doch das Maximum sind einige Artikel in der sogenannten Qualitätspresse, einige Kurzrezensionen - und das Kaufverhalten. In den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gibt es dankenswerter Weise auch einige Sendungen literarischer Art. Aber die Rolle, die die Büchereien aktiv einnehmen könnten, wird nicht genutzt. Sie sind eigentlich obsolet geworden. Sie müssten sofort anders auftreten, um sich zu rechtfertigen.

Kleine Zeitschriften mit geringer Auflage werden von den Massen nicht gelesen. Das hängt nicht von der Qualität ab, zumal die qualitativ niedrigsten Medien die weiteste Verbreitung finden, sondern am «main streamed» Verhalten und den Medien, die dem nachgehen und es damit perpetuieren.

Bücher kleiner Verlage haben es noch schwerer. Ihre Verlage können sich den teuren Vertrieb nicht oder kaum leisten, sind nicht auf wichtigen Messen vertreten oder wenn, dann werden sie übersehen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Büchereien könnten gezielt heimische Produktionen bekannt machen, genauso wie in Schwerpunktprogrammen Produktionen der Nachbarländer. Das würde in einer aktiveren Kulturauseinandersetzung münden, ohne dass dafür teure NGOs und Sonderprojekte nötig wären. Allerdings geschähe das weniger auffällig und glamourös, weshalb doch lieber «Events» veranstaltet werden mit «Stars» aus Politik und Show biz.

Ich fragte zum Beispiel die Landesbibliothek Vorarlberg, immerhin eine Bibliothek und keine kleine Bücherei um einen Buchkauf von drei Publikaitonen von mir an. Ich erhielt von der Bibliothekarin, die auch als Schriftstellerin bekannt ist, nicht einmal eine Antwort.

Ich fragte zwölf Bücherein in Wien um einen Lesetermin für meine Neuerscheinung an und hörte nur Absagen: kein Personal, kein Geld, kein interessiertes Publikum. Ich fragte um einen Ankauf: erst keine Antwort, dann: kein Budget dafür.

Ich schrieb alle Bücherein in Niederösterreich und Burgenland an, die eine e-mail-Adresse haben. Ich erhielt nicht von einer eine Antwort. «Net amol ignoriern», heisst es Wien. Man lernt, dass das nicht nur in Wien gilt.

Wenn man keinen Namen hat, unbekannt ist, werden solche Hinweise, wird Kritik schwierig, weil sofort gemutmasst wird, dass nur verletzte Eitelkeit oder Neid motiviere; man wird sofort als Fuchs gesehen, der die Trauben sauer findet...

Das ist die doppelte Schmach und die Krux, die aber nicht den einzelnen trifft, der das erfährt, sondern alle, die ein anderes, breiteres, tieferes, komplexeres Programm nutzen könnten, wenn. Ja, wenn eine Offenheit und ein Kulturverständnis existierte, das sich nicht nur blöd an Marktwerten orientiert und an bekannten Namen. Der Auftrag lautet: werde auch bekannt, dann bist du dabei. Schön. Wer würde das nicht wollen? Aber auch wenn ich nicht Publizist und Literat wäre, würde ich die einseitige, dünne Ausrichtung unserer Büchereien beklagen. Mein Interesse an Zeitschriften aus Klein- und Kleinstverlagen war schon früher stark, bevor ich selber publizierte.

Ob in den USA oder in der Schweiz, in England oder Deutschland: immer suche ich Buchhandlungen auf und Galerien, schaue in Bibliotheken und Büchereien und erkunde, was es an lokalen Medien gibt. Gerade in den USA merkte ich bald, dass ich ohne die aufmerksame Suche vieles nicht erblickte, weil es nur in Nischen verborgen sein Dasein fristet, das ihm der Massenmarkt noch gestattet. Das ist auch in Europa ähnlich, obwohl bis vor kurzem der Buchhandel wesentlich besser organisiert war. Das hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert.

Entsprechend dieser Veränderung wächst die Aufgabe und Wichtigkeit von Bibliotheken und Büchereien. Dass sie diese Rolle nicht wahrnehmen, ist bedauerlich. Es zeigt, dass Kulturpolitik nicht politisch, gebildet, verstanden wird.

Buchmarkt

Der Buchmarkt war ökonomisch immer schon ein schwieriges Pflaster. Und ist zuletzt noch rutschiger geworden für Buchhändler … nicht zuletzt, weil ihm das Internet und die damit verbundenen Bestellmöglichkeiten in die Quere kamen. Wie in der Kino-Branche, wo die Verleih-Imperien mit riesigem Budget den Kinos viel Werbung und damit auch den Umsatz versprechen, ja garantieren, machen es auch die großen Verlage, die fähig sind PR und Werbung vorauszufinanzieren. Hier wie dort werden aber auch die Bedingungen diktiert: Selbst vom kleinsten österreichichen Film oder vom Avant-Garde-Film wollen sich die Großen nicht die geringste Anzahl an Zuschauerplätzen wegnehmen lassen. Es interessiert sie weder Qualität noch thematische oder künstlerische Diversifikation, nur der Profit ist wichtig.
Ebenso werden (oder glauben sich) die Buchhhandlungen an die Werbetrommel der großen Verlage gebunden. Und an die «großen» Namen die sie in ihren Listen führen. Unter Anführungszeichen dshalb, weil die Werbetrommel den Namen macht. So flachbrüstig kann Donna Leon ihren Brunetti gar nicht ermitteln lassen, als daß er kein Indiz für Umsatzsteigerung ans Licht brächte.
Lösung sehe ich aber für den Fall keine. Das Internet zu nützen, Print on demand vielleicht. Ein probates Mittel für Fachbücher, doch für Belletristik, die einen kleinen erlesenen Kreis umfasst – ich weiß nicht. Vielleicht ein beherzter Buchhändler, der sich auf die kleinen Verlage konzentriert und die großen außen vor läßt. «Die Not zu Tugend» macht, sozusagen. Oder Kleinverleger, die ihre Ressentiments gegeneinander endlich mal vergessen und gemeinsame Sache machen, in einer Art Werbegemeinschaft, in der jeder von ihnen gleichberechtigt ist – und gleichverpflichtet, denn das bedeutet auch Arbeit und finanzielle Investitionen (wenngleich geringere). Aber gabs das nicht schon mal? Wenn ja, was wurde draus?

Als Leser pflichte ich Dir bei, lieber Haimo, es ist traurig, in Buchhandlungen zu sehen wieviele Bücher gedruckt werden und wie klein doch das Angebot in Wirklichkeit ist.

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