Deutungshoheit

27.06.2010 Haimo L. Handl

Kürzlich las ich in einer großen Tageszeitung unter dem reißerischen Titel «Gebt uns unsere Kunst zurück!» über den Vorwurf, der Westen, also Europa und die USA, die wichtigen Sammler, Auktionisten und Galeristen, würden die chinesische Kunst nach ihren eigenen Maßstäben bestimmen, manipulieren. Sie sei damit ins Korsett der geschäftstüchtigen Westler gepresst, woraus sie befreit werden müsse.


Dass von einer «Befreiung» in diesem Zusammenhang gesprochen wird und zugleich von Deutungshoheit, einem immanenten Widerspruch, scheint vielen nicht aufzufallen. Überhaupt zeigt dieses Ansinnen eine alte, ungeheure Anmaßung: Wo Deutungshoheit herrscht, gibt es keinen Freiraum für Interpretation, nur braves Befolgen der hoheitlich approbierten Glaubenssätze.

Dass es dabei nicht nur im Ideen geht, um Theorie und Konzepte, liegt auf der Hand. Es geht ums Geschäft und um die politische Kontrolle. Es geht um die gewünschte Rolle, die Kunst einnehmen solle.

Die aus ideologischen Gründen versuchten oder praktizierten Forderungen nach Deutungshoheit oder ihre rigide Umsetzung sind oder waren nicht nur totalitären, diktatorischen oder streng kontrollierten Gesellschaften eigen. Hier im Westen, wo wir die Freiheit des Denkens, der eigenen Meinung, der wissenschaftlichen Lehre, als auch der Kunst so hochpreisen, werden meist ganz selbstverständlich gewisse historische oder künstlerische Deutungen, die einem vorgegebenen Deutungsmuster entsprechen, gepflegt oder, bei Widerhandeln, rechtlich bzw., wo keine Gesetzeslage dies ermöglicht, sozial geahndet. Das muss nicht gleich die Holocaustlüge sein. Es reichen schon andere Verstöße, dass Deutungskontrollore, hohe Priester der politischen Korrektheit, einschreiten. Da unterscheiden sich israelische Politiker nicht von iranischen, die vehement die Verletzung ihrer nicht diskutierbaren Wahrheit verfolgen. Es ist nur eine Frage der realen Macht, wie weit und wie effektiv diese Verfolgung dann geschieht.

Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass in Bälde, wenn die schwammige Duldung der Deutungshoheiten weiter wächst, eines Tages nicht nur keine Islamkarikaturen mehr erscheinen werden, sondern überhaupt keine Kritiken am Islam. Es passte auch ins Konzept, dass man dann bei uns die Bibliotheken reinigt von entarteter Kunst und Literatur: raus mit Louis-Ferdinand Céline, dem Antisemiten, keine Aufführungen mehr von Richard Wagners Opern, Publikationsverbot für Norman Finkelstein oder Noam Chomsky und ihresgleichen!

Der schiefe Blick auf China sollte nicht selbstgerecht erfolgen. Er verdient, mit einer kritischen Sicht unserer eigenen Unterwerfungen unter Hoheitsansprüche verbunden bzw. verglichen zu werden.

Es gibt auch Künstler oder Literaten, die dem Publikum, dem Leser, dem Betrachter, weniger oft dem Käufer, sein Recht auf seine Meinung absprechen. Die das «rechte Publikum» für sich fordern. Und wenn sie meinen, in einem Land oder in der Gesellschaft es nicht finden zu können, es woanders reklamieren. Da verbieten Autorinnen oder Autoren aus Enttäuschung, Wut und Zorn die Aufführung ihrer Werke in einem bestimmten Staat und hoffen oder meinen, in einem anderen sei das Publikum reifer oder besser. Aber wer misst wie, welche Reife ein Publikum hat? Wer bestimmt, welche Interpretation «korrekt» und «richtig» sei? Ist doch schon der Anspruch auf «korrekte» Deutung ein Humbug. Denn die Korrektheit ist relativ, zeitgebunden, also veränderlich, und ein Resultat gemeinschaftlich geteilter Werte und Kenntnisse, die nicht absolut oder sonst wie fixiert sind.

Aus der Forderung nach gesicherter Interpretation, eben in sich ein Widerspruch, nach Deutungshoheit, spricht tiefe Angst und Hass auf jene, die sich selbst das Recht ihrer Wahrnehmung, ihrer Deutung nehmen. Das soll verhindert, verfolgt, geahndet werden. Im Namen der Freiheit wird die Freiheit des Denkens dem Denkverbot unterworfen, dem eigenen Moralkodex, der eigenen Historienerklärung. Es ist die alte Anmaßung der Macht gegenüber dem Einzelnen, gegenüber den Koalitionen, die sich aus solchen Einzelnen bilden, gegenüber von ihnen nicht kontrollierten Bewegungen.

Das offizielle China operiert auf dünnem Eis, ebenso wie der Iran oder Israel. Diese Gesellschaften haben noch nicht jene Reife und Stärke erreicht, die im offenen Diskurs und Markt, im unbehinderten Austausch von Kontroversem und Widersprüchlichem, keine Gefahr sehen. Denn der Anspruch auf Deutungshoheit widerspricht dem mündigen Individuum ebenso, wie dem offenen Markt, dem freien Feld ungehinderten Verkehrs.

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