Traduction

04.07.2010 Haimo L. Handl

Bei vielen, sogar Fachleuten, herrscht die Haltung vor, nicht alles könne übersetzt werden bzw. das Wesentliche überhaupt nicht. Es gebe höchstens Nachempfindungen, Annäherungen und Dergleichen. Andere wiederum, denen ich mich zugeselle, sprechen von der generellen Übersetzbarkeit jeder Sprache. Sprache ist ein Symbolsystem, das Zeichen nach bestimmten Regeln (Grammatik) so verbindet und setzt, dass der mögliche, vielfache Bedeutungsgehalt in den gewählten Relationen den intendierten Sinn erlangen und ein Sprachgemeinschaftsmitglied in Kenntnis eben dieser Regeln und Bedeutungsfelder diesen hört, liest, «erkennt», versteht.


Zu behaupten, ein Zeichensystem, das jede Sprache darstellt, sei nicht übertragbar, heißt, dass es einzigartige, unvergleichliche Eigenheiten und Qualitäten aufweise, die eine adäquate Übertragung, Übersetzung nicht gestatten. So wird, wie im Rassismus oder religiösen Fanatismus, zwar immer noch von einigen argumentiert, aber es überzeugt nicht. Die generelle Übersetzbarkeit ist gegeben. Allerdings nicht einfach. Die Kenntnis des Zeichensystems gliedert sich in die der Zeichen (Semantik, Bedeutungslehre), der Grammatik (Syntaktik) und des Gebrauchs, der Sprachpraxis (Pragmatik). Die prinzipielle Übersetzbarkeit sagt also noch nichts über die Qualtiäten aus, die Übertragungen und Übersetzungen erbringen.

Es wird auch in der eigenen Sprache «übersetzt», wenn man aus einem spezifischen Sprachbereich verallgemeinert oder für eine andere Gruppe übersetzt, wenn man altes Sprachgut «modernisiert» oder Heutigen verständlich macht, also von damals ins Heute holt, herüberholt, herüberträgt, überträgt, übersetzt von den einem Ufer der Vergangenheit auf das unsere der Gegenwart.

Sprache ist ein lebendiges System, das heisst, sie lebt und ändert sich. Nur tote Sprachen bleiben statisch. In einigen Kulturen wird aus religiösen Gründen die Sprache derart sakralisiert, dass sie kaum Veränderungen unterworfen werden darf, weil das Wort heilig sei, weil sonst der Profet nicht verstanden würde. Das geht überein mit der anmaßenden Annahme, dass DIE Wahrheit ihrer Religionsschriften nur in dieser einen Sprache gefunden und geäußert werden könne. Das gilt extrem für das Arabische des Koran, weniger extrem fürs Hebräische.

Je eher sich eine Gruppe über andere erhebt, sich als superior, auserwählt sieht, desto eher reklamiert sie jene Einzigartigkeit ihrer Sprache, die keine generelle Übersetzbarkeit erlaubt, weshalb zum rechten Verständnis der Gebrauch ihrer Sprache nötig ist, eine Art Konversion in ihr Bedeutungssystems.

Das Problem ist nicht nur theoretisch, sondern hoch politisch. Das zeigen die Spannungen in der Türkei um das rechte Verständnis des Koran. Türkisch ist nun mal nicht Arabisch. Und zudem noch in einer lateinischen Schrift. Die Schriftgelehrten, die obersten «Ausleger und Deuter», die Sinnbestimmer, sind immer nur im anerkannten Hocharabisch, nie in einer anderen Sprachgemeinschaft.

Der Kult um die Reinheit der Sprache, der mit dieser Haltung einhergeht, behindert kultürlich die Sprachentwicklung, hilft, die Modernisierung zu verzögern, zu verlangsamen. Für den arabisch-islamischen Kulturraum ist das fatal kennzeichnend.

Das Gegenbeispiel wäre das zur Weltsprache, zur globalen Lingua Franca gewordene Englisch. Der Einsatz und Gebrauch als allgemeiner Verkehrssprache hat Auswirkungen auf das britische Englisch, das sich mit vielfachen Einflüssen und oft fremden Verstehensweisen, Bedeutungssichten konfrontiert sieht, die eine echte Verständigung bzw. ein gleichwertiges Verstehen oft erschweren anstatt erleichtern. Denn dieses Verkehrsenglisch ist ungleich dem der Briten, Amerikaner, Inder, Südafrikaner, Australier.

Aber das illustriert nur krasser und deutlicher das Problem des Verstehens auch in der eigenen Sprache, die lebt und sich dauernd verändert. Will man alte Texte, Klassiker, verstehen, muss man einerseits die «Übersetzungen», das heisst, die gängigen Interpretationen, kennen und andererseits die Originale. Das Original aber lesen zu können heisst, das Sprachverständnis der damaligen Zeit wiedervergegenwärtigen. Dazu bedarf es mehr als üblicher Sprachkenntnisse. Es muss eine (gewisse) Kenntnis der damaligen Sprachpraxis vorhanden sein: wie wurde damals dieses und jenes Wort verstanden, was waren die Bedeutungsfelder. Es ist wie eine aktivierte Etymologie, verbunden mit der Kenntnis der damaligen Lebensrealität. Also aktivierte Historie. Eine Aufgabe, die fast niemand mehr zu leisten vermag.

Wer das Deutsch Goethes kennenlernt, liest, wird bald zum Erforscher. Er reaktiviert die Vergangenheit und lernt nicht nur Goethes Vokabularium, seinen Wortschatz, sondern den damaligen Sprachgebrauch, der ja nicht einheitlich war, in welchem aber das Deutsch des Herrn Goethe oder anderer verstanden wurde.

Wer Shakespeare liest, steht vor dem gleichen Problem. Ist er nun nicht englischer Muttersprache, tritt das der Übersetzungen hinzu. Der Sprachfremde muss nicht nur Englisch lernen, sondern auch das Englisch aus der Zeit Shakespeares, das auch der Englischsprachige lernen muss, will er adäquates Verständnis. So gibt es für Spezialisten (Übertrager, Übersetzer) Spezialwörterbücher: Goethe-Wörterbuch, Shakespeare-Wörterbuch usw.

Entsprechend den gesellschaftlichen Entwicklungen verändert sich auch die Sprache. Es besteht also Dauerarbeit für Übersetzer, auch in und aus der eigenen Sprache, damit «fremde» Gehalte wieder anverwandt werden können bzw. jenen Ausdruck erlangen, der Gegenwärtigen erst einen Zugang ermöglicht. Die Doppelleistung, einerseits seine eigene Sprache so gut wie möglich zu beherrschen, andererseits die Sprache der Vergangenheit bzw. die Fremdsprache und darin die der Vergangenheit, wirkt immer belebend auf die eigene Sprache zurück. Ein seltener Fall, worin Kenntnis des Alten oder Fremden die Eigenkenntnis bestens befördert, verbreitert und vertieft.

Das zeigt, dass nur die bornierte Konzentration auf das Eine oder Andere zur Isolation und zum ungenügenden Verständnis führt. Ähnlich wie in der Geschichte genügen nicht nur historische Kenntnisse. Es bedarf auch entsprechenden Wissens der Gegenwart, um eben das Historische deuten zu können. So auch in den Sprachen und ihren Texten.

Diesbezüglich sieht es allerdings in unserem Bildungssystem schlecht aus. Die Bereitschaft für vertieftes Lesen, für diese Art «Doppelstudium» von Sprache oder Historie sinkt mit der Ausrichtung auf Hier und Jetzt, auf die geschwinden Anforderungen der Zeit, die kein «unnützes» Wissen gestattet.

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