Das Fremdsein im übermächtigen Dunkel

08.08.2010 Haimo L. Handl

Als die österreichische Schriftstellerin Brigitte Schwaiger vor kurzem ins Wasser ging, um ihrem düsteren Leben und ihrer Verzweiflung ein Ende zu bereiten, führte das einerseits zu kurzen Meldungen und Nekrologen, andererseits zu mitfühlenden Spekulationen über den Selbstmord.




Ich las einen Satz «Schwaiger schrieb gegen ihr Unglück an. Gegen Das Fremdsein, die unmögliche Liebe, die verletzte Seele. Doch das Dunkel war übermächtig, der freiwillige Tod eine stete Lockung.» (Ingeborg Waldinger in der «Neuen Zürcher Zeitung», 28.07.10)

Mir scheint das programmatisch, nicht nur für die Person Schwaiger, sondern für die Literaturauffassung als auch hinsichtlich des freien Willens und des Schicksals. Es folgten auch Diagnosen, Feststellungen, wie «Sie leidet unter der Enge der katholischen Provinz, unter den Zwängen der Bürgerlichkeit, unter dem dominanten Vater». Nun, das wird vielen so gegangen sein oder gehen, denn für gewöhnlich kann man sich nicht aussuchen, von welchen Eltern man wo in was hineingeboren wird. Aber man kann sich, während des Reifeprozesses, lösen. Zudem ist zu fragen, ob jemand, der unter der katholischen Provinz litt, nicht auch unter einer protestantischen gelitten hätte, ganz zu schweigen einer puritanischen oder gar islamischen. Also litte so jemand überall. Gibt es eine ideale, paradiesische Gesellschaft? Gibt es Leben ohne Leiden? Sie litt unter der Bürgerlichkeit. Schlimm. Wäre es in der damaligen DDR besser gewesen? Im Mief des Arbeiter- und Bauernstaates? Im liberalen England, im bürgerlichen Frankreich? Wo hatten wir nicht bürgerliche Gesellschaften außerhalb des Realkommunismus?

Sie litt unter dem dominanten Vater. Aber den kann man verlassen. Man kann weg aus der Familie. Man kann reifen, außer man kann nicht. Aber dann ist zu fragen, weshalb nicht. Nur wegen des Vaters, der Kirche, der bürgerlichen Gesellschaft? Das ist zu simpel. Das klingt nach Opfersicht und Opferkult: Das Dunkel war übermächtig. Das bedeutet, jemand wie die Schwaiger, war machtlos, ohnmächtig, Opfer. Es hatte sie überkommen, sie niedergezwungen. Wie dann aber der «freiwillige» Tod ein solcher sein soll, wo doch das Dunkle übermächtig wirkt, bleibt ein Widerspruch. Wenn jemand einer Lockung nachgibt, war das Lockende, wie eine Droge, stärker und der Wille zur Tat schwächer. Fast jeder Abhängige beruft sich auf die Stärke des Reizes, der Lockung, der Droge. Es ist meist ein Es, ein Anderes, dem man ausgeliefert ist, nachgibt.

Sie litt unter einem «zersetzenden Ehealltag» und «zwecklosen Ausbrüchen». Warum zwecklos? Weil zu schwach, um erfolgreich auszubrechen? Ja, das Dunkle war übermächtig. Das Zersetzende. Nicht mal ihr Schreiben kam dagegen an, das Unglück war überragend.

Niemandem ist ob seiner Konstitution, geistigen oder körperlichen Schwäche, ein Vorwurf zu machen. Es gilt auch keine Forderung, man müsse dies oder jenes «aushalten». Aber die kleine Verschiebung von «ich bin zu schwach dafür» zu «es ist stärker» markiert nicht nur einen Positionswechsel, sondern auch ein spezifisches Verständnis von Eigenständigkeit bzw. Abhängigkeit, von Aktivität oder Passivität, von Tun und Leiden, von Machen und Opfersein.

Das Leben leben heißt, den Realitätsdruck aushalten. Das alleine ist schon eine enorme Leistung. Sie gilt für alle. Das Leben ist tödlich. Nur jene, die nicht geboren wurden, trifft kein Tod. Zu veranschlagen, welche äußeren Bedingungen jemanden wie zusetzen, ist schwierig. Gleiche Bedingungen wirken verschieden bzw. werden, je nach Konstitution und Temperament, verschieden wahrgenommen. Deshalb meine Reserviertheit gegen allzuschnelle Kausalerklärungen, weshalb jemand unglücklich war oder unterlag usw. Die Gesellschaft, die Anderen als Hauptgrund des Versagens, des Unglücklichseins zu nennen, mag zwar in Teilen durchaus stimmen, verdeckt aber den Eigenanteil. Und jeder Mensch, der eine mündige Person ist, hat diesen Anteil. Wenn er ihn nicht wahrnimmt oder leugnet, entäußert er sich seiner Persönlichkeit, seiner Würde, seiner Individualität.

Wir wissen nicht, wie frei der Freitod war, den jemand suchte. Nach Einschätzung unseres Selbsterhaltungstriebes bzw. der «Lebensvernunft» sehen wir im Suizid den dramatischsten Akt: Sich das Leben nehmen, heißt, die Normalität, die Gemeinschaft, die Vernünftigkeit aufgeben und verlassen. In diesem Finalakt wird der Egoismus, oft paradox zur geringen Ichstärke, exekutiert.

Wenn jemand schreibt und veröffentlicht, wendet sie oder er sich an ein Publikum. Schreiben ist kommunikativ. Gegen ein Unglück anschreiben bedeutet nicht nur einen Therapieversuch, sondern auch in Kontakt zu treten, wenn auch über Umwege. Vielleicht war das Brigitte Schwaiger nicht in jenem Ausmaß gelungen, das sie brauchte. Man schmäht niemanden, wenn man eine Niederlage, eine Schwäche feststellt oder betrauert. Umgekehrt müsste man all jene, die das Leben durch- und aushalten, der verstockten Stärke zeihen, einer gewissen Grobheit und Insensibilität. Oder wir sprechen allen, den einen wie den anderen, ihren Eigenanteil ab und reden nur noch von Schicksal im Sinne einer fremden Determiniertheit. Beides untergrabte unser Verständnis von Person und Würde.

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