Kriegsspiele

15.08.2010 Haimo L. Handl

Krieg war und ist «in», ein Faszinosum sondergleichen. Krieg wird nicht nur der Vater aller Dinge genannt, er liefert die größten Geschäfte und Profite, er erzwingt und animiert zu Hochleistungen in der wissenschaftlichen Forschung, er ist der Taktgeber technischer Entwicklungen. Seit je üben sich Gesellschaften, die etwas auf sich halten, in der Schulung adäquaten Kriegdenkens.


Die Sprache ist durchsetzt mit Ausdrücken und Begriffen aus den Kriegsbereichen. Unsere Bilderwelt verarmte, würde Krieg, und alles, was damit zusammenhängt, ausgeblendet werden. Doch Krieg und Kriege sind keine Naturgewalten. Sie sind humane, soziale Handlungen, die intendiert gesetzt werden. Viele Kriege werden als «Verteidigungen» begründet, legitimiert und begrüßt, neuerdings ist den religiösen, Gottesfürchtigen der «Heilige Krieg» recht, ihr Morden und Abschlachten in einen heiligen Mantel zu hüllen. Krieg ist, nicht zuletzt, die erwünschte Ausnahmesituation, wo bisheriges Recht und bisherige Ordnung nicht mehr gelten, wo plötzlich Verhaltensweisen, die zuvor verpönt oder unter Strafandrohung standen, akzeptiert und willkommen geheißen werden, ja sogar prämiert und mit Auszeichnungen belobigt werden.

Krieg sei die Ultima Ratio der Politik. Die Historie wird bemüht. In den Massenmedien und Massenunterhaltungsartikeln, Filme, Videos, Fernsehsendungen, elektronische «Spiele», im Internet, werden Kriegsübungen, Kriegsspiele professionell verkauft und gierig, oft schon süchtig, konsumiert. In manchen Bereichen äußern Sportarten sich wie Kriegsarten, wird der Sport zum Kampffeld.

Auf der anderen Seite gibt es eine Erinnerungspolitik, die anempfiehlt oder vorschreibt, wessen wie zu gedenken ist. Rituale werden gepflegt. Es gibt ja so viel zu gedenken. Manchmal auch zu feiern. Ganz selten zu betrauern. Vielerorts werden elende, blutige Schlachten als «historische» nachgestellt. Bei uns in Österreich vor allem an der March. Das ist eine Gaudi! Da kann man Geschichte fast hautnah erleben: wie sie aufmarschieren, die Soldaten, wie sie gehorsam ihr Tötungshandwerk absolvieren, wie sie Töten üben, bis sie selber draufgehen. In Frankreich gibt es ähnlichen Klamauk, auch in Italien und Spanien, und sogar die kühlen Engländer wissen stilgerecht Krieg zu inszenieren, wenn ihre Truppen nicht gerade in einem realen sich verausgaben.

Als ich in den USA lebte überraschte mich die folkloristisch verbrämte Kriegsgeilheit, die malerisch die Bürgerkriegsstätten pflegt und gekonnt Kämpfe re-inszeniert. Ein widerliches Spektakel, das vergessen lässt, wie tödlich die aktuelle, konkrete Kriegsmaschinerie läuft und läuft und läuft. Gut, bei uns ist es nicht so dramatisch. Aber die Geschichtspflege in dieser dumm klischierten Form tut ihr Übriges, falsche Bilder in die hohlen Köpfe Unterhaltungssüchtiger zu stopfen. Zudem geht es um lokale Wirtschaft und sanften Tourismus. Also her mit dem Schlachtentourismus!

In diesem Lichte versteht man, weshalb die Wehrsportertüchtigungen von Leuten wie Strache nie geahndet wurden. Sie trafen, zumindest hinter der Hand, auf tiefes Verstehen. Es ging ja um Ertüchtigung. Um das rechte Verhältnis zum Krieg. Die beste Verbindung zum Krieg läuft über den Sport. Na also!

Wenn die Israeli Defense Forces, also Verteidigungsarmee, als bestgeschulte Angriffsarmee tötet, ist darüber leichter, eufemistischer zu melden, wenn von der IDF geschrieben wird, vom andauernden Verteidigungskampf gegen Teufel und Terroristen. Eine ähnliche Sprache bemühen auf der Gegenseite die islamischen Unmenschen, die vor lauter moslemischem Geist, in ihrer Auslegung, Tod und Krieg verbreiten. Andererseits sind sie im Wesentlichen nicht unterschieden von den Kriegsherren in den weißen Westen, die den Vorteil höher entwickelter Technologie nutzen, um ihr Tötungswerk zu vollbringen.

Krieg gibt es auch in indirekten Formen. Er findet nicht nur am Feld statt, in den Tälern und Dörfern, auf den Meeren, in den urbanen Zentren. Krieg ist auch in den Köpfen, in der Kultur, in einigen Künsten, in vielen Wissenschaften. Vor allem in der Politik, die, soweit sie nicht konkrete Vorstufe zum eigentlichen Krieg ist, stets auf ihn hinarbeitet, auch wo sie das Gegenteil vermeldet. Wie sonst wären die vielen Friedenseinsätze zu erklären, die blutig, kriegerisch erfolgen, und die zu ungeahnten «Kollateralschäden» führen.

Nicht zuletzt die Wirtschaft und die Eigentumsrechte stellen einen Bestandteil von Krieg dar. Sie geben die Rahmen, die Rüstzeuge für die Verteilung oder Nichtverteilung. Sie diktieren Interventionen. Der kontrollierte Markt, das kontrollierte Finanzsystem sichert den Krieg, gewährleistet den Kriegsprofit.

Kein Krieg bricht einfach aus. Krieg ist keine Naturgewalt. Kriege werden gemacht. Auch von Europa, von vielen Staaten in der Union. Krieg ist nie unmodern geworden. Solange wir aber Kriegsspiele harmlos finden, dürfen wir nicht erwarten, dass das «große Spiel» verhindert werden kann. Denn das Denken und Fühlen duckt sich, schleift sich ein in dieser Dauerdressur, in diesem inhumanen Drill, der allzu viele sogar beglückt, weil er ihnen Sinn liefert.

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