Gleichheitsextremismus

29.08.2010 Haimo L. Handl

Die Französische Revolution, Wiege der modernen, republikanischen Welt, war nicht nur gewalttätig und blutrünstig, sondern auch im Geistigen, Kulturellen ein Versuch des großen Reinemachens, der tabula rasa, der extremen Purification.


Wie bei allem Extremismus kippte das Unternehmen in einen beispiellosen Terror. Der treibende Motor dafür war ein Gleichheitsideal, ein Gleichheitsdenken, das keine Abweichung dulden wollte, alles auszumerzen gedachte, was diesem Ideal widersprach. Daran ist die Revolution schlussendlich gescheitert, wiewohl die inzwischen erfolgten Veränderungen tiefgreifend waren.

Erlöserreligionen ähneln oft solch intoleranten, hasserfüllten, machtperversen Gelüsten: sie dulden keine Abweichler, keine Individualisten, keine Eigenheiten. Diese Kehrseite der Aufklärung, die nicht zuletzt Horkheimer und Adorno in ihrer «Dialektik der Aufklärung» reflektiert hatten, zeigt sich immer wieder in modernen Programmen, die vorgeben, emanzipatorisch zu sein. So überrascht es nicht, dass, nachdem die Sozialdemokratie europaweit abgedankt hat, weil sie ihre ursprünglichen eigenen Werte nicht mehr kennt und beachtet, ökologisch ausgerichtete Gruppen und Parteien an Terrain gewannen, obwohl (oder weil!) sie Züge einer hysterischen, schier sektiererischen Kleingeisterei an den Tag legen, die politisch in einem überzogenen Gleichheitsdenken zu bedenklichen Praxen führt, die am Ende in Intoleranz und mehr Überwachung und Kontrolle münden.

Dass die Konservativen nicht lange abseits stehen und in diesem Wettlauf miteifern, beweist den gemeinsamen Ungeist, den allgemeinen Ausdruck von Macht und Herrschaft. Noch nie, seit den Tagen der Aufklärung und Etablierung der Bürgerrechte, seit dem «Wiederaufbau» nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde so selbstverständlich, so einheitlich, legitimiert, ein Abbau von eben diesen Errungenschaften der Bürgerrechte durchgesetzt, wie heute. Mit der steigenden Überwachung und Kontrolle, mit der wuchernd wachsenden Zahl von Verboten steigt auch die Intoleranz, wächst das Denunziationsverhalten, erwacht der kleine Polizist in vielen, re-etabliert sich eine dummböse Blockwartmentalität, gräbt sich das Misstrauen ein: jeder ist ein Täter, bis seine Unschuld bewiesen ist. Beweislasten werden umgekehrt.

Wie zum Hohn gibt es Gesetze, die im Schutzmantel des vorgeblichen Religionsschutzes bei Strafe verbieten, allgemeine Kritik an Religionen zu üben, die «hate speech» verfolgen. Zu den vielen Denkverboten, die fast schon mittelalterlichen Umfang erreichen und Spiegelbild einer zutiefst orientierungslos, unfreien, verängstigten Gesellschaft sind, gesellen sich Verfolgungen jener, die Geschichtslügen vertreten oder verbreiten: in vielen Ländern wegen des Holocaust, in einigen wegen des Genozids an den Armeniern, in einigen wegen Ungläubigkeit oder Andersgläubigkeit usw.

Dieses Undenken zeigt sich ganz fatal im Bildungsbereich, in der Kultur. Von besonderen Begabungen oder Talenten zu sprechen, wird tabuisiert. Gleichheit wird gefordert. Meist bleibt es nicht nur bei den «Chancen», sondern man fokussiert auf die Erfüllung.

Den Beleg solch hochverstiegenen Gleichheitsdenkens stellt eine Publikation des Autorenpaares Kate Pickett und Richard Wilkinson, «The Spirit Level», aus dem Jahr 2009 dar, die auf deutsch unter dem vielsagenden Titel «Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind.» erschien. Darin wird behauptet, dass es weniger um den eigentlichen Mangel gehe, sondern um die Relation zum Anderen, der mehr habe. Es gäbe also das Fänomen, dass, wenn einer eigentlich viel hat, er trotzdem an Stress und Unglück leidet, weil er ungleich ist, wenn der Andere viel mehr hat. Nur eine Gleichheit könne Gerechtigkeit schaffen und verbürgen, und nur in dieser sei Glück möglich.

Die hausbackene, etwas verworrene «Filosofie» dieser Kurzdenker erfüllt genau die Aufgabe unserer täuschenden, betrügerischen Gesellschaften: Es werden erstens Glücksversprechungen gegeben, und es werden Bedingungen genannt, unter denen diese möglich sein sollen. Beides ist Humbug. Glück lässt sich weder verordnen noch sichern. Zweitens stimmt die These der Gleichheit als Voraussetzung dazu nicht. Denn wie erklärte man dann bestätigte, oft berichtete Glückserfahrungen von Menschen, die sich der Ungleichheit bewusst waren und sind? Es hätte auch noch nie Glück gegeben, weil wir bislang keine volle Gleichheitsgesellschaft kennen, obwohl viele Versuche, von den Nazis über die Stalinisten, aber auch Mao und Pol Pot, und wie all die fanatischen Führer hießen, erfolgt waren.

Die Autoren sprechen auch nicht von einer Gleichheit der Chancen, sondern von einer der Ergebnisse. Der Unterschied sei der Krankmacher, sei das Falsche. Würde das politisch umgesetzt, begänne der perverseste Terror seit 1789.

Dass es mit der Gleichheit allerdings nicht immer weit her ist, bewiesen die Autoren, als sie vor kurzem verlautbarten, dass sie nur noch auf solche Kritik reagieren werden, that «take place in peer-reviewed journals». Das heißt, auf kritische Artikel in Zeitungen und Zeitschriften gehen sie gar nicht ein. Sie verlangen als Qualitätsausweis und Legitimationsgrundlage eine anerkannte Zeitschrift, die ein Begutachtungsverfahren befolgt, um sich überhaupt mit dem Text auseinanderzusetzen. Diese Frechheit demaskiert nicht nur ein feiges Ausweichen, sondern einen Widerspruch zu ihrem eigenen Programm. Offensichtlich stört das nicht, denn der positiven Rezensionen dieses Machwerks sind nicht wenige.

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