Elternsprache

05.09.2010 Haimo L. Handl

Am 28. August wurden wieder die Goethe-Medaillen verliehen, diesmal an die ungarische Philosophin Agnes Heller, den libanesischen Lyriker und Übersetzer Fuad Rifka und an den amerikanischen Exilforscher John Spalek. Die Auszeichnung wird vom Goethe-Institut seit 1955 jährlich vergeben für Verdienste um die deutsche Sprache im Ausland.


Deutsch wird in der EU von rund 110 Millionen Menschen gesprochen und ist damit die größte Sprachgemeinschaft. Aus historischen, politischen Gründen jedoch rangiert Deutsch nur als größere Sprache neben anderen. In den neuen Mitgliedsstaaten aus dem Osten wird Deutsch, das dort früher oft als erste Fremdsprache unterrichtet wurde, nun als zweite Fremdsprache betrachtet; erste wurde Englisch.

In Tschechien zeigt sich das besonders drastisch: die Wirtschaftsverflechtungen mit den Nachbarn Deutschland und Österreich sind stark, vor allem kommen viele Touristen aus diesen Ländern. Aber die jungen Tschechen sprechen nur ein bisschen Englisch. Deutsch sprechen immer weniger, zumal auch im Unterricht als erste Fremdsprache jetzt Englisch gelehrt wird. Und das, obwohl viele Arbeitnehmer in deutschsprachigen Betrieben eine Anstellung suchen, und nicht in englischsprachigen.

Deutsch gilt als schwierig. Sogar für Einheimische, für Mutter-Vater-Sprachler (in der EU laufen Bestrebungen für geschlechtsneutrale Bezeichnungen, weshalb bald die alte, übliche Bezeichnung «Muttersprache» obsolet geworden sein wird. Da «Vater» schon fürs Vaterland reserviert ist, wird man vielleicht von der Elternsprache reden).

In Deutschland und Österreich zeigt sich ein eigentümlicher Trend: ein immer stärker werdender Teil der Elite wird anglofon und kommuniziert vermehrt in Englisch. EU-Projekte werden gleich in Englisch verfasst, weil deren Bearbeitung dann zügiger erfolgt. Deutsch ist ja so schwer und Deutsch gilt in der Union nicht viel. Im Management redet man wie zu früheren Zeiten, als die Oberschicht französisch parlierte, Englisch. Die Mittelschicht bemüht sich immerhin mit Denglisch.

Im Forschungsbereich publizieren Spezialisten lieber gleich auf Englisch, um sich mühsame und langwierige Übersetzungsarbeiten zu ersparen. Auch erhöht man sich die Chancen wahrgenommen zu werden im amerikanisch dominierten Markt. Deutsch ist ein Hindernis, eine Belastung. Deutsch ist eine Hürde, eine Barriere. Warum bei Deutsch bleiben?

Die Abnahme des Sprachvermögens der breiten Schichten sowie die Abkehr von Deutsch als Verkehrssprache seitens der Eliten erwirkt eine fatale Schwächung, die sich im regulären Spracherwerb und Sprachunterricht äußert, die grell in den Massenmedien zutage tritt, die man im Radio und Fernsehen hören muss. Das Schlimme ist, dass diese Schwächung, der langsame Verfall, nur wenigen auffällt. Das noch Schlimmere ist, dass nichts Adäquates dagegen unternommen wird. Sprachpolitik wird zu schnell als nationalistische verpönt. Sprachpflege hört früh auf und beschränkt sich auf das vermeintlich Notwendigste.

Ein Großteil der Eliten ist nicht gebildet, wie man früher den Begriff verstand, sondern spezialisiert. Sie haben hohe Kenntnisse in einem gewissen Bereich. Sie bedürfen keiner gehobenen Sprache. Nach ihrem Nutzendenken rechnet Sprachpflege nicht. Sie kümmert nichts, was nicht direkt mit ihrem Fachbereich, ihrer Expertise zu tun hat. Sie sind Halbgebildete, die eine Elite bilden über der Masse der Ungebildeten. Die wenigen Gebildeten, die es noch gibt, werden neglektiert.

Die gehobene Sprache wird in den Massenmedien nicht gepflegt. Sie wäre nicht lesbar. Die Lesbarkeitsmessungen richten sich vor allem nach amerikanischen Modellen, die gleich nach dem Zweiten Weltkrieg kreiert wurden. Die USA bestimmen das Forschungsfeld. Ihre Werkzeuge und Projekte bestimmen den Markt. Das wirkt sich auf jene aus, die sich willig diesen Standards unterwerfen. Die PISA-Studien beweisen das.

Es geht bei alledem nicht um eine Abwertung anderer Sprachen. Auch nicht darum, dass man nicht mehrere Sprachen lernen und gebrauchen soll. Es geht um die Bedeutung und Wertschätzung der Muttersprache als wesentlicher Teil der eigenen Kultur. Keine Meisterschaft in der eigenen Sprache ver- oder behindert den Erwerb einer anderen. Im Gegenteil: Je gebildeter, je wissender, je erfahrener eine Person ist, desto leichter wird sie eine andere Sprache verstehen und verwenden.

Die Muttersprache kann als eine Art von Seismograf gesehen werden, der anzeigt, wie es um die Kultur steht und läuft.

Zwei Sätze, zum Abschluss und zum «Drüberstreuen», vom Altmeister, zu dessen Geburtstag die Goethe-Medaillen verliehen werden:

«Es war schon bei den Römern, wenn sie was Tüchtiges sagen wollten, sagten sie's griechisch. Warum wir nicht französisch?»

«Die Gewalt einer Sprache ist nicht, daß sie das Fremde abweist, sondern daß sie es verschlingt.»

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