Das umzingelte Gedächtnis

19.09.2010 Haimo L. Handl

Dieser Tage wurde bekannt, dass Oskar Pastior, gepriesener rumänisch-deutscher Autor, der 2006, kurz vor der Verleihung des Büchner-Preises an ihn verstarb, ein IM der rumänischen Securitate war. Der Münchner Wissenschaftler Stefan Sienerth hat den entsprechenden Beleg bei Recherchen in Bukarest gefunden, worüber er in einem Artikel mit dem Titel «Ich habe Angst vor unerfundenen Geschichten» (ein Satz Pastiors) in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift «Spiegelungen» (Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München - IKGS) berichtet.


Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. Herta Müller, die Nobelpreisträgerin für Literatur 2009, war eng mit Pastior befreundet. Nicht nur das, sie arbeiteten gemeinsam an dem Buch «Atemschaukel», das sie nach Pastiors Tod alleine fertig stellte und das den Ausschlag gab für den Nobelpreis. Ernst Wichner, Leiter des Berliner Literaturhauses und Herausgeber der Werke Pastiors, wirkte als Kokurator mit dem Literaturhaus München an der just tags zuvor in München eröffneten Ausstellung «Herta Müller - Der kalte Schmuck des Lebens» mit, in der allerdings diese neue Tatsache nicht mitgeteilt wird.

Offensichtlich war geplant, erst etwas später ausführlich auf die Entdeckung zu verweisen; Wichners längerer Artikel «Die späte Entdeckung des IM »Otto Stein« in der FAZ vom 18.9.10 folgt dem um zwei Tage früher erschienenen Aufdeckerartikel in der Süddeutschen Zeitung.

Wichner erläutert, dass nach Sienerths Bekanntmachung der verstörenden Nachricht die Oskar Pastior-Stiftung, der er ebenso wie Herta Müller angehört, beschloss, der Sache nachzugehen, weshalb er zwecks Klärung nach Bukarest fuhr. Der Beleg existiert, allerdings zeigt die Aktenlage bis auf eine Denunziation keine weiteren. Weshalb er diese neue Kenntnis nicht sofort in der aktuellen Herta Müller-Ausstellung zur Sprache brachte bzw. in die Dokumentation integrierte, ist noch nicht erklärt.

Die Betroffenen zeigen besonnene, einfühlsame, verständige Reaktionen. Es gibt keine nachträgliche Hexenjagd oder Pauschalverurteilung. Es wird differenziert bedacht, betrachtet, abgewogen, interpretiert. Man erfährt viel über den barbarischen Polizeistaat Rumänien, die schlimmen Praktiken des berüchtigten Geheimdienstes, das breitgefächerte Unwesen der Securitate. Das Meiste aus der Biografie Pastiors ist ja bekannt, jetzt folgen einige kleine Details. Sie widersprechen nicht dem Bild, sie komplettieren es. Pastior schuldlos schuldig. Rumänien ein linksfaschistischer Kerker, inhuman, despotisch, böse.

Herta Müller sagt, sie sei zuerst voller Wut gewesen, dann aber traurig. Natürlich würde sie Pastior, wenn er noch lebte, damit konfrontieren und Auskunft verlangen, aber nicht verurteilend, sondern in Anteilnahme. Ähnlich die Aussagen anderer, die Pastior schätzen. Der allgemeine Befund: Es gibt eine Verstörung, einen dunklen Fleck, aber es ändert sich nicht die Wertschätzung der Person und des gepriesenen Werks.

Das ist gut so. Bislang gab es noch keinen Fall solch besonnener Reaktion. Das macht Hoffnung. Es geht nicht darum, reflexartig abzuurteilen, es geht nicht darum, den Stab zu brechen. Es geht um ein differenziertes Urteil, soweit es möglich ist.

Was ich aus der Affäre wünschte, dass dieses humane, differenzierende Verhalten kein Einzelfall bliebe, sondern zur Übung würde. Wenn gleiches Maß für alle gälte. Das ist aber, gerade in Deutschland oder Österreich, zu bezweifeln.

Die Geschichte von Pastior lehrt, dass es Umstände gibt, die das Verhalten einer Person, auch oder besonders ihr Fehlverhalten, erklären, verstehbar machen, wenn schon nicht entschuldigen. Die Schuld wird nicht aus dem Kontext gerissen, isoliert fokussiert.

Dass Günter Grass mit 17 Jahren sich zur Waffen-SS beriefen ließ, wurde ihm angekreidet. Für viele Gutmenschler war er ein Nazimitläufer, ein Lügner, ein Verräter, ein Schwein. Vielen anderen prominenten Autoren aus seiner Generation widerfuhr die gleiche rigide Pauschalverdächtigung und Pauschalverurteilung. Keine Rede von Fairness, von Verstehenwollen. Oft nicht mal von genügender Aktenkenntnis. Ein kleines Detail reichte für die Hexenjagd.

Aber die Argumentsweise, die Pastiors Handlungen oder Unterlassungen erklären, aufgrund seines Charakters und der damaligen Lebensbedingungen sein Verhalten versuchen aufzuhellen, sind oder wären genauso auf andere anwendbar, die so leicht zur Beute des Kulturmobs der intoleranten, oft bösen Gutmenschler wurden und werden.

Vielleicht führt dieser »Fall" auch zu einer Neubewertung des Terrors der Tugendwächter. So, wie es nicht um einen Generalverdacht, eine Pauschalverurteilung gehen darf, soll umgekehrt nicht bagatellisiert oder entschuldigt werden. Aber zwischen diesen beiden Extremen gibt es das Feld einer besonnenen Bewertung, für die die meisten Reaktionen auf Pastior als Beispiel stehen.

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