Wertlos

26.09.2010 Haimo L. Handl

Es ist nicht wie früher, nicht wie vor 90 oder 80 Jahren, als die Krisen zielgerichtet in die Katastrofen mündeten. Es geht uns ja nicht schlecht. Aber vielleicht ist gerade das mit ein Teil des Problems, weil fast niemand eine Gefahr sieht, weil es bei bloßen Bekundungen, seichten Appellen, kosmetischen Korrekturen, publikumswirksamen Alibiaktionen bleibt, während das mörderische, ausbeuterische, zynische Programm lückenloser, ertragreicher, unwiderstehlicher denn je durchgeführt wird.


Es ist nicht nur eine Frage der Moral. Oder der manchmal bemühten Ethik. Die gegenwärtigen Krisen und, vor allem, die völlig inadäquaten Bewältigungsverfahren stellen ein Problem der Vernunft dar: der Raubbau, an Ressourcen und Menschen, die man börsengerecht «Humankapital» nennt, die profitable Kapitalvernichtung, schwächt gesellschaftliche Systeme in einer Weise, die schlussendlich in Kriege mündet, weil anders keine radikale Änderung erreicht werden kann, da mit der herrschenden Rechtspraxis keine Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden können, weil keine Institutionen da sind, die nicht nur theoretisch, sondern praktisch, konkret, Verantwortung einfordern und entsprechende Handlungen setzen.

Der Staat verliert immer mehr seine ursprüngliche Schutzfunktion, gibt immer weniger den «vernünftigen» Rahmen für ein Kräfteverhältnis, das kriegsvermeidend einen Verkehr verschiedener Klassenmitglieder gewährleistet. «Den Staat» gibt es nicht; die vielen verschiedenen Staaten haben unterschiedliche Macht. Aber auch die sogenannten Großmächte sind durch einen neuen Grad von Interdependenz angreifbarer, ungeschützter geworden. Die Versuche rücksichtsloser unilateraler Machtpolitik der USA können als letzte Kraftanstrengung verstanden werden, die die Großmacht für Rückzugsgefechte in einer sich verändernden Welt liefert, um so viel wie möglich noch zu gewinnen, unter Kontrolle zu bringen. Dass das Kriegsfeld primär im Ressourcenbereich liegt, am globalen Markt, liegt auf der Hand.

Es gibt viele Studien, Analysen, Warnungen. Doch schlimmste Krisen führten in den vergangenen Jahren zu keinen entsprechenden Änderungen. Im Gegenteil, die Umverteilung von unten nach oben nahm zu und wird jetzt ausgebaut: Sozialausgaben werden gekürzt, Bildungskosten privatisiert, die Lebensarbeitszeit verlängert, obwohl es keine entsprechenden Arbeitsplätze gibt, weshalb diese Verlängerung einen Diebstahl darstellt. Die Integrationsbereitschaft weiter Immigrationsgruppen ist in vielen Ländern gering oder nicht gegeben, was die Toleranz der heimischen Bevölkerungen strapaziert und Abwehrmaßnahmen unterstützt. Die Trennung von Staat und Kirche wird unterminiert und eine schleichende Resakralisierung, vor allem durch den Islam, lässt sich immer weniger leugnen.

Dem stehen Forderungen nach forcierter Integration von Fremden gegenüber, von besonderen Bildungsaufgaben. Immer noch predigt man, dass es einem gut gehe, wenn es der Wirtschaft gut gehe. Immer wird mantrahaft versichert, wir lebten in einem Rechtsstaat, die EU sei rechtsstaatlich organisiert, wir sollten Vertrauen haben usw.

Doch die Praxis sieht anders aus. Allzuviel scheint das Ergebnis von spezifischen Rechtsbeugungen, von hoher Kriminalität, die für die meisten Spezialisten und Manager, für fast alle beteiligten Politiker, folgenlos bleibt. Verantwortung gibt es nicht. Kein Manager, der Milliardenverluste erwirkte, wurde belangt, niemand musste mit seinem Privatvermögen geradestehen. Im Gegenteil: Die Boni für Banker wurden erhöht, Spitzenmanager verdienen mehr als früher, während die Anzahl der wirtschaftlichen Unterschichtlicher steigt und der Staat sich von wichtigen Sozial- und Bildungsaufgaben zurückzieht.

Es findet keine fundierte Auseinandersetzung statt. Un- oder halbgebildete Politiker treffen auf engstirnige Profitjäger, die sich trefflich in ihrem bornierten Wertefeld verstehen, aber nicht in der Lage sind, weiter als ihr primäres Wirkungsfeld und die damit verbundenen Pfründe zu sehen und zu denken. Dieser Kurzsichtigkeit entspricht auch eine neue Art von ahistorischem Denken und asozialem Verhalten, das aber im jeweiligen Einzelfall durch bestellte, gekaufte Expertisen gestützt und legitimiert wird. Eine eigentümliche Farisäerkaste besorgt diese Pseudolegitimation. Die Massen, längst schon eintrainiert ins Nichtdenken und dummblöde, konsumhungrige Fressverhalten Ungebildeter, schluckt. Zwar gibt es mehr und mehr Verdauungsprobleme, und manche kotzen gar, aber es rührt sich kein Aufstand, schon gar nicht ein Widerstand. Wertediskussion? Wo, im Fernsehen gar? Mit wem? Mit Ihnen und welchen Politikern? Mit welchen Experten? Und wenn es «runde Tische» gibt und dergleichen, was folgt? Spezielle Finanzsteuern? Vermögensbesteuerung? Kontrolle der Finanzbewegungen, auch hinsichtlich der mafiotischen Geldverschiebungen? Vernünftige Energiepolitik? Sozialer Wohnbau? Fundierte Bildung?

Die Ohnmacht, die immer mehr verspüren, wächst in dem Grade, wie die Macher disproportional mehr gewinnen. Der Zynismus steigt, die Verachtung wächst, das Bestreben, sich ebenfalls «seinen Teil» zu holen, fördert Asozialität, engen Egoismus, rüde Abwehr, neurotisches Verhalten. Die Unteren sind da nicht anders als die Oberen. Nur wirkt es sich dort anders aus. Sie sind als Verlierer, als Zahler festgelegt und erfüllen mit ihrem Mittun das Programm. Dieses ist nicht in einem Masterplan festgelegt. Es ergibt sich als realistischer Ausdruck der herrschenden Verhältnisse. Es ist die praktizierte Orientierungslosigkeit, die zu einer dramatischen Wertelosigkeit führte, in der das Unrecht des Stärkeren sich als Recht gibt - und gewinnt.

Der Abbau von Bürgerechten, die Intensivierung von Polizeidenken und -handeln, die in mehr und mehr Verboten (Rauchen!) Ausdruck finden und vielen Gelegenheit bieten, selbst als kleiner Polizist zu denunzieren, «wachsam» zu sein, bilden eine Art von Blockwartmentalität, die hilft, die Bunkermentalität zu kaschieren, die allgemeine Lebenslüge umzudeuten. Die Unterhaltungsindustrie färbt das alles gekonnt ein. Langsam gewöhnt man sich an die totale Überwachung und traut sich nicht mehr zu widersprechen. In so einem Klima kann kein kritischer Gedanke frei debattiert werden. Deshalb findet auch keine Wertedebatte statt, die den Namen verdiente. Deshalb auch keine Erörterung der Orientierungen. Darum ein gefährlicher Zustand von ressentimentgeladenen Unteren und bös-zynisch ausbeutenden Profiteuren oben.

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