Museales Werkzitat

03.10.2010 Haimo L. Handl

Kürzlich wurde bekannt, dass der Medienkünstler und Zampano Peter Weibel seit Jahren in seinem Lebenslauf auf seine Dissertation verweist, obwohl er nie eine eingereicht und daher approbiert erhalten hat, und dass Teile dieser nicht eingereichten Dissertation von einem Freund, einem Wiener Mathematiker, verfasst worden seien. Auf Anfrage betont Weibel, der Freund habe ihm nur bei Verständnisfragen geholfen. Es sei aber «das Recht eines Autors, auf eigene Werke hinzuweisen, auch wenn er sie nicht publiziert» habe.


Das ist überaus bedeutsam. Peter Weibel, der vom aufmüpfigen Avantgardekünstler zum geschäftstüchtigen Kulturverwalter avancierte und viele Veranstaltungen mit seinen Redeflüssen bespült, folgte in einem sensiblen Bereich doch stärker seiner Eitelkeit, seinem Geltungsbedürfnis, das trotz massenkultureller Bestätigung nicht geschmeichelt genug scheint, und verweist schlicht auf seine Dissertation.

Schnippisch betont er, ein Autor habe das Recht, auch auf unpublizierte Werke zu verweisen. Nun, bei gewissen Verweisen ist es anders als bei anderen. Von einer Dissertation, auf die man verweist, meint man mit Recht, dass sie vorgelegt und anerkannt wurde - und dass sie deshalb öffentlich zugänglich ist, weil gerade diese Art wissenschaftlicher Arbeit der Prüfung zugänglich sein muss.

Allein der Hinweis auf eine Dissertation impliziert die Existenz der wissenschaftlichen Arbeit, die, wie üblich, nicht abgelehnt worden und zumindest in den Pflichtexemplaren einsehbar ist. Nichts davon. Würde irgendwer angeben, er habe eine Dissertation eingereicht, aber nicht approbiert erhalten? Würde jemand eine Dissertation veröffentlichen und darauf hinweisen, sie sei nie eingereicht worden?

Für Weibel reicht es aus, sie geschrieben zu haben. Er sieht darin ein Werk, auf das er verweist. Obwohl es der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, obwohl es nie eingereicht wurde. Ein doppelter Schwindel.

Weibel gab nie an, er habe sie eingereicht. Er reklamierte nie einen Doktortitel. Er verwies nur auf sein Werk, auch das unveröffentlichte. Alles in Butter, nicht? Nicht ganz. Denn mit dieser Unlogik könnte jemand auf seine nichteingereichte Habilitationsschrift verweisen. Im allgemeinen Verkehr würde jeder annehmen, er habe sich habilitiert. Bei Nachprüfung müsste er sich anhören: «Ätsch, ich hab die Habil nur als Manuskript in meiner Schublade, ich habe sie nie eingereicht. Aber sie existiert, sie ist mein Werk.»

Dergestalt wächst der Werkbegriff: man verweist auf unveröffentlichte Werke, und gewinnt doch den Nimbus von ihnen sowie die Anerkenntnis der sich daraus ergebenen Implikationen. Gewieft und smart.

Im November vergangenen Jahres veranstaltete der Generalist und Vielschwätzer Bazon Brock für das ZKM (Zentrum für Kunst- und Medientechnologie, Karlsruhe, dessen Direktor Peter Weibel ist) ein Symposium in Berlin unter dem vielsagenden Titel «Musealisierung als Zivilisationsstrategie», bei dem neben Peter Sloterdijk und anderen auch Meister Weibel referierte. Im typischen Jargon der Heilsbringer und Besserwisser wurde erklärt, durch die «Musealisierung aller Kulturen der Welt» könne die Pazifizierung, die Befriedung, unterstützt und vorangetrieben werden. Es wurde die hochtrabende «Programmatische Deklaration der guten Absichten» verkündet. Das Museum als Utopie, als Verhinderung des Zusammenpralls der Kulturen (Zivilisationen). Wie? Durch erhöhte Professionalisierung. Eine neue Art von Betreuungskultur, geleitet von Experten. Es genügt nicht, wie bisher Kultur zu konsumieren. Mann muss lernen, es richtig zu tun. Man muss sich professionalisieren, ein Diplom erwerben, eine Ausbildung zum Diplom-Rezipienten absolvieren. Kurz: Höhere Kenntnisse erlangen und Verantwortung ausüben.

Im PKG - Portal Kunstgeschichte des VDG - Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, liest man: «Zur Ausbildung von Diplom- Patienten, Diplom- Rezipienten, Diplom-Konsumenten, Diplom-Bürgern und Diplom-Gläubigen.
Was ist ein Produzent ohne den urteilsfähigen Konsumenten, was vermag ein Arzt zu leisten ohne einen therapietreuen (!) Patienten, was der Künstler ohne einen verständnisfähigen Betrachter und Zuhörer, was richtet der Politiker aus ohne einen kritikfähigen Wähler, was nutzt die Predigt, wenn sie nur auf tumbe-taube Ohren stößt?»

Unsere Gesellschaften zeichnen sich durch eine immer perverser werdende Professionalisierung aus, die einerseits zur Infantilisierung, andererseits paradoxerweise zur Verantwortungslosigkeit beiträgt. Die Expertokratie wächst und die Verantwortungen schwinden, weil entsprechend der Arbeitsteilung, aufgesplittert in X Spezialistenbereiche, Verantwortungen nicht mehr personal festmachbar sind.

Die Schwätzer vom Dienst, Weibel und Brock, sekundiert vom TV-Filosofen Peter Sloterdijk und anderen, reden der Entfremdung und Verdinglichung das Wort; sie plädieren für The New Brave World.

Herr Weibel verweist dabei auf seine geschriebene, aber nie eingereichte Dissertation, weil es sich so gut ins Bild fügt. Das scheint die leichte Art der Professionalisierung zu sein, die neue Zivilisationsstrategie: Das Private wird öffentlich, aber nicht ganz, nur zitiert, nur so am Rande. Selber schuld, wer sich etwas Anderes denkt. Die Praxis der Als-ob-Typen.

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