Wichtigkeiten

24.10.2010 Haimo L. Handl

Anfang Oktober war in einer Qualitätszeitung von der «Verhöhnung der Rektoren» zu lesen samt dem Untertitel «Die Pensionen sind der Regierung wichtiger als die Zukunft der Universitäten». Ein folgenreicher Tatbestand, wenn er stimmt. Spielt die Regierung die Pensionisten gegen die Hochschulbildungseinrichtungen aus? Kassieren die Rentner auf Kosten der Hochbildung?


So klingt es. Ist es so? Nein. Mit so einer Logik lässt sich alles gegenrechnen, auf- und abbewerten. Retteten stagnierende Pensionszahlungen oder gar Kürzungen das Bildungsbudget? Daran ist zu zweifeln. Weshalb die provokante Pseudologik? Mit Neid operieren? Die armen Wissenschaftler und noch ärmeren Studenten werden auf Kosten der Alten, der Störenden, der Unproduktiven, kurz gehalten, abgewürgt! Als ob die Pensionisten ungebührlich und nur aus wahlpolitischem Kalkül ihre Zahlungen erhielten. Ohne Unterschied, um welche Pensionisten, Pensionshöhen usw. es sich handelt. Es sind nur wenige, die hohe Pensionen erhalten, ganz wenige sind privilegiert wie ehemalige Regierungsmitglieder, deren Pensionen höher sind, neben laufendem Einkommen, als die Durchschnittsgehälter regulärer Werktätiger.

Die Bildungspolitik liegt im Argen. Die Hochschulfinanzierung ist ungenügend. Aber es ist fatal, wenn man die Pensionisten zum Sündenbock macht. Hier wird populistisch angeheizt, wie früher schon. Fehlt nur noch der offene Ausspruch, dass man sich Programme zu ihrer Entledigung, Entsorgung, überlegen soll; nachdem, trotz Jammern über ungesunden Lebenswandel, die Lebenserwartung sehr hoch ist, kann man sich die Kosten ja ausrechnen. Von der Regulärversorgung bis zum Pflegenotstand werden uns Horrorzahlen vorgelegt. Noch fehlt die Conclusio, dass man den Kern des Problems, die Alten selbst, angeht. Wann wird sich das geändert haben?

Einerseits bedauert man die Armutsfalle, andererseits wird so getan, als ob die Pensionisten zu viel erhalten und uns derart auf der Tasche liegen, dass die Universitäten darunter leiden müssen. Das ist skandalös.

Die Sanierung der Universitäten, die Reform des Hochschulwesens, kann nicht über die Pensionsreformen erreicht werden. Sie bedarf eigener konsequenter Schritte. Hier wird abgelenkt und einer miesen Sündenbockpolitik das Wort gegeben. Der Satz unterstellt, dass der Zukunft keine Chance gegeben wird. Das heisst, die Pensionisten sollen keine Zukunft haben, sind als Unproduktive nur ein störender Kostenfaktor, sterben (hoffentlich) eh bald. Aber die Universitäten, die brauchen Zukunft. Wenn deren Angehörige eines Tages selbst Pensionisten sein werden, fällt das gleiche Verdikt auf sie: ihr verhöhnt mit euren Ansprüchen die Rektoren, die Studierenden, die produktive Jugend, die Leistungsfähigkeit, die Zukunft. Klar brauchen die Bildungseinrichtungen eine Zukunftsorientierung. Wir alle brauchen sie. Müssen daher aber die Alten abgeschrieben werden, in einem Ausgedinge so sparsam wie möglich «toleriert» werden?

Gibt es eine Reihung der Einsparungen? Wo besonders, wo weniger? Ließ sich die Politik davon leiten, als sie die Banken rettete, als die Auto-Abwrackprämie verteilt wurde, als sündteure Rüstungsgeschäfte getätigt wurden? Umgekehrt: keine neue Steuern, vor allem nicht, wenn es ums Vermögen geht. Die Wirtschaft leidet Schaden, wenn die Reichen weniger reich wären durch eine entsprechende Vermögensbesteuerung.

Haben verantwortliche Wirtschaftstreibende und Professoren einmal eine Gegenüberstellung von Bevorteilungen der Reichen versus Universitäten vorgenommen? Nein. Aber die Pensionisten stellen die Verhöhnung dar.

Bezüglich der Finanzelite herrscht eine eigentümliche Zurückhaltung. Eine untertänige Hofierung. Bezüglich der Sozial- und Pensionsausgaben eine Ablehnung, die bedenklich stimmen muss, zumal wenig Konkretes gegen Korruption und Misswirtschaft unternommen wird. Haben Sie mal die Milliarden, die «verbraucht», verludert, verlustet wurden, gegen Pensions- oder Sozialleistungen verglichen und aufgerechnet?

Die derart verhöhnten Rektoren haben bis heute kein brauchbares Konzept zur Universitätsreform vorgestellt. Es blieb bei kleinen Schritten. Es bleib bei der bornierten Beobachtung der «PISA-Filosofie». Die Universitäten selbst haben über Jahrzehnte am Niedergang ihrer Bedeutung, ihres Niveaus gearbeitet. Die niedere Qualität ist in den wenigstens Fällen nur der Budgetierung zuzuschreiben. Unser Bildungsnotstand, inklusive der der Hochschulen, rührt auch aus einem Kurzdenken und einer Orientierungslosigkeit her. Aus einer falschen Joborientierung, aus einer kritiklosen Unterwerfung unter den Primat der Ökonomie, wofür PISA etc. ja eingerichtet worden waren. Es ist zu vermuten, dass auch bei wesentlich höherer Finanzierung das Hochschulniveau nicht gestiegen wäre und nicht stiege, da der «Geist» sich nicht geändert hat.

Mit den herrschenden Auffassungen über Bildung lässt sich nur die unternehmerfreundliche Verschulung steigern. Welche Gegenmodelle lieferten die Universitäten? Welche kritischen Stimmen konnten wir vernehmen von Experten, Professoren und Journalisten? Mehrheitlich solche, wie die zitierte, der populistischen Sündenbockstrategie. Ein Jammerspiel, auf dem Rücken der Alten. Eine Frechheit.

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