Schullesen

07.11.2010 Haimo L. Handl

Unsere Lesekultur liegt im Argen. Auch an höheren Schulen lesen viele nicht gerne. Die Klassikerpflege wird vielerorts als überflüssig, störend, belastend, unnütz angesehen. Sie lohne nicht, sie bringe nichts. Sie interessiert nicht. Es gibt im österreichischen Lehrplan keinen verpflichtenden Literaturkanon, sondern nur Empfehlungen. Lehrer sollen innerhalb eines Rahmens gestalten, wovon sie meinen, dass es Jugendliche interessiere.


Aber wie können Jugendliche wissen, was sie interessiert, wenn sie es nicht kennen? Man müsse sie dort abholen, wo sie seien, heißt es von wackeren Pädagogen, die jede Vorschreibung, Er-Ziehung als unzumutbaren Druck sehen. Aber wo sind sie und wie sind sie dorthin gekommen? Ganz aus eigenem Interesse?

Dem allgemeinen Desinteresse der Jungen entspricht die Werteverunsicherung vieler Lehrer und vor allem die Orientierungslosigkeit der Bildungspolitik. Es herrscht keine Einigkeit über den Sinn von «unnützem Wissen», von humanistischer Bildung schlechthin. Wozu Literatur? In der Qualitätszeitung Die Presse las ich über den Literaturkanon bei uns: «Die verstaubten Bestseller: Seit Generationen lesen wir die immer gleichen ‚Klassiker' im Deutschunterricht. Zu Recht?»

Nun, eine widersprüchliche Aussage in einer rhetorischen Frage. Wenn etwas verstaubt ist, liegt es nicht am Verstaubten, sondern an den Besitzern, die es nicht pflegen. Gebrauch schützt vor Verstauben! Aber die nächste Aussage erstaunt:. Wer ist «wir»? Meint die Journalistin die stets nachkommenden Generationen von Jugendlichen, die mit für sie neuen Klassikern konfrontiert werden, meint sie ihresgleichen, die immer wieder Klassiker lesen? Aber weshalb wären sie dann verstaubt? Nachdem man Klassiker nicht kürt wie «Helden von morgen» oder sonst eine peinliche Auswahl der Konsumtrottelgesellschaft, ist ihre Menge stark begrenzt. Wie soll man sie erweitern? Ihr Lamento geht gegen die Klassikerlektüre per se. Dass sie immer gleich sei, macht ihren Klassikerstatus aus. Der Befund ist so dumm wie das Jammern über die Historie. Wollen Frau Journalistin eine andere Historie? - Völlig außer Acht bleibt bei dieser bornierten Sicht, dass die immer gleichen Klassiker immer wieder sich neuen Interpretationen öffnen. Aber das hat sie vielleicht nicht in Wikipedia gefunden.

Denn die brave, um die strapazierten Schüler besorgte Journalistin fragt, nachdem sie aufgezählt hat, was alles an Lektüre am Lehrplan steht bzw. wie einige beherzte Vermittler (Lehrer) Zugänge versuchen zu schaffen: «Das sind wichtige Botschaften - aber kann man die nicht besser im Internet-Lexikon Wikipedia nachlesen und, anstatt Versmaße zu zählen, sich gezielt auf das ‚richtige Leben' vorbereiten?»

Entwaffnend, diese so selbtbescheidende Vernünftigkeit von Halbbildung und zeitgenössischem Utilitarismus. «Wozu brauchma dös»? heißt es bei den sich direkter, basisnah Ausdrückenden. Im Internetzeitalter kann ich den Kern der Botschaft doch vom Netz holen, weshalb also mehr lesen? Dort finden die Mehrheiten auch die Daten für ihr Geschichtswissen, ihre politische, wirtschaftliche und soziale Bildung. Man muss kein Zyniker sein um zu behaupten, dass gerade deshalb die Lage so trist scheint, das Regime der Dummen und Halbgebildeten so umfassend, weitreichend, abschottend, prekär ist. Das «richtige Leben» eben.

Das Nutzendenken führt drastisch vor Augen, dass der Mensch eigentlich nicht viel braucht. Viele meinen zwar, im Gegenteil, es öffne die Chancen für mehr Konsum und Bequemlichkeit. Das ist nur die eine Seite. Die andere schreibt ganz klar vor: Nur direkt Verwertbares gilt. Keine Überflüssigkeiten, nichts ohne Mehrwert. Dass mit diesem logischen Denken die Würde selbst ins Hintertreffen gerät und der Mensch seine Wertminderung mit dem Alter oder durch Krankheit bzw., igittigitt, durch Einkommenseinbussen, (Jobverlust) «erfährt», ist bitter, wird dann aber wieder nur bejammert, aber nicht begriffen. Es müssen einfach Mittel her, um den «Lebensstandard» zu halten, das heißt, um nutzvoll konsumieren zu können.

Einige Junge holen die Traditionspflege nach. Sie werden entweder esoterisch, gothic oder nationalistisch. Die dort offerierten Gehalte scheinen direkt lebensnah, obwohl uralt, verbraucht und, je nach Bildungsgrad und Kenntnissen, verkommen, abergläubisch, verblödet, irreführend.

Dem Zug der Zeit entsprechend, wird auch an Schulen Transkulturalität gelehrt und geübt, zumindest in der Weise, wie die Verantwortlichen es verstehen. Aber da die meisten nicht einmal die eigene Kultur verstehen, keine Zeit und keine Lust finden, sich mit der unnützen Tradition, den verstaubten Klassikern abzugeben, fragt sich, wie solch Unbedarfte, Ignorante, Bequeme je das modische Programm erfassen, «das Andere kennen zu lernen und Fremdes aufzuspüren» (aus dem Projekt «Transkulturelle Literaturdidaktik in der Schulpraxis» der Alpen-Adria-Universität).

Viele, die ihre Muttersprache nur restringiert sozialisiert haben, kein Interesse an der eigenen Kultur aufbringen, sollen plötzlich Fremdes sich aneignen? Das erwünschte Kennenlernen geschieht wohl auf dem Niveau von Games und Facebook sowie einem Kurzblick ins vielbeschworene Wikipedia. Oder eine jener vielen Seiten, wo man Deutungen und Kurzzusammenfassungen kopieren kann, die einem die eigene Lektüre ersparen. Digestkultur als Unkultur, als geübte Ignoranz und Dummheit. Das «richtige Leben» eben.

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