Gewaltexzesse als Erziehungsmittel

14.11.2010 Haimo L. Handl

In dem Welt-Interview (9. November 2010) äußert sich Uwe Boll, Filmemacher, über seinen Film «Auschwitz», der ganz brutal, nah und höchst «realitätsgerecht» die Gewalt und das Töten, den Tod, abbildet und all dies als Beitrag zur allgemeinen deutschen Verantwortung sieht.


Er spricht zwar nicht von Kollektivschuld, aber von Kollektivverantwortung. Nur, wie ist das eine vom andern zu trennen? Jener, der verantwortlich ist, muss Rechenschaft geben über Erfolg (positiv) und Versagen (negativ, Schuld). Wie kann es Verantwortung geben jenseits der beiden Felder positiv/negativ, Leistung/Versagen, Erfolg/Schuld? Boll spricht sogar von individueller Verantwortung «gegenüber Menschen jüdischen Glaubens, gegenüber dem Staat Israel und allen wegen ihres Glaubens oder ihrer Meinung politisch verfolgten Menschen».

  • Aber die Juden wurden von den Nazis nicht wegen ihres Glaubens gejagt und ermordet, sondern wegen ihrer Rasse; sie waren als unwertes Leben deklariert.
  • Weshalb INDIVIDUELLE Verantwortung für etwas, das vor jemandes Zeit war oder, falls aus seiner Zeit, ohne sein direktes Zutun? Verantwortung für die anderen?
  • Weshalb die Fokussierung der Verantwortungsbereiche auf den jüdischen Glauben, den Staat Israel und dann alle wegen ihres Glaubens oder ihrer Meinung Verfolgten?

In einer Demokratie deckte die Beachtung der Allgemeinen Menschenrechte und der europäischen Werteskala oder des deutschen Grundgesetzes mehr, als Boll fordert. Wird dem gefolgt, wiederholt sich kein Nazismus, kein Holocaust. Es bedarf keiner Sonderpolitik, keiner Sonderaufgaben.

Die Sondierung ist Ausdruck eines Schuldkomplexes, eines Unvermögens, mit der Gegenwart und seinem/ihrem Vergangenheitswissen zurande zu kommen. Aus Schwäche und Angst wird eine vordergründig nobel aussehende Forderung postuliert, die nur politisch korrekt klingt, aber unehrlich und unreif ist. Und böse, grausam, gewaltversessen. (Wie etliche Untersuchungen zeigten, dass Antisemiten auf ihr Hassobjekt eigene Ängste oder schuldbeladene Wünsche projizierten, muss man heute fragen, wie hoch und intensiv der Projektionsanteil jener (Gut)Menschen ist, die derart wüste Gewaltfantasien pflegen bzw. im Namen von Vergangenheitsbewältigungen etc. gewalttätige Rachevorstellungen und Ressentiments unterhalten.)

Es gibt keine besondere Verantwortung gegenüber jemanden oder etwas. Es gibt eine allgemeine Verantwortung für eigenes Handeln bzw. sich nach bestimmten Werten zu verhalten. Diese Werte werden aber von Mächtigen, auch und besonders im «Westen», der sie am lautstärksten bekundet und einfordert, gebrochen. Z. B. durch Kriege und kriminelles Weltwirtschaften. Durch Folter und gezieltes Töten. Durch Hatzen, Verleumdungen und Stigmatisierungen, durch Denk- und Berufsverbote.

Boll will durch heftigste, schockierendste Darstellungen zum Bewahren der Erinnerung, zum Nichtvergessen beitragen. Als ob jene, die das Grauen, auch das filmisch dargestellte, nicht aushalten, schuldig wären, vergessen wollten etc. Eine freche Kaschierung eines eigenen, genuinen Sadismus, der sich ein aufklärerisches Mäntelchen gibt und hehre Gründe für sein Blutdrama nennt.

Boll: «Das Ungeheuerliche wird absolut realistisch gezeigt. Wenn die Hälfte der Welt überhaupt nichts mehr über den Holocaust weiß und andere ihn verleugnen, dann muss es auch ein Dokument geben, was das Töten zeigt. Nur dann kann man auch sicher sein, dass Aussagen wie »Niemals vergessen« und »Nie wieder« Bestand haben.»

Nein, falsch.

Boll weiter: «Es geht nicht nur um Abschreckung, sondern darum, etwas mit den Mitteln eines Films physisch (!) erlebbar zu machen. (...) Wir können doch so ein Thema nicht durch die rosa Brille zeigen – Da darf auch der Zuschauer die Augen nicht verschließen.»

Boll weiter: „Es geht nicht nur um Abschreckung, sondern darum, etwas mit den Mitteln eines Films physisch (!) erlebbar zu machen. (…) Wir können doch so ein Thema nicht durch die rosa Brille zeigen – Da darf auch der Zuschauer die Augen nicht verschließen.“

Abschreckung verhindert Verstehen. Abschreckung ist Ausdruck von Macht- und Gewaltverhältnissen. Wenn diese Logik stimmte, müsste man das echte, reale physische Erleben nicht auf die Filmwahrnehmung reduzieren, sondern durch reale Wiederholung der Massaker, der Foltern und Ermordungen, der Vergasungen und Massenerschießungen hervorrufen: durch einen neuen Holocaust, an dem nicht nur medial teilgenommen, sondern der real in Echtzeit „erlebt – erlitten“ wird. Erst dann könnte das Böse, das Grauen, nicht nur als Zuschauer gesehen werden, sondern als Teilhaber und Teilnehmer verspürt werden.

Da wirkliches Verstehen nur aufgrund eigener Erfahrungen möglich ist, müssten also z. B. die Deutschen zwecks individueller Verantwortung ihrer Missetaten einem Holocaust ausgesetzt werden. Der Gipfel des Verstehens wäre das qualvolle Sterben und Verrecken. Generell müssten aber alle dieser Verstehensmöglichkeit und –qualität zugeführt werden. Das Privileg darf nicht auf die Tätererben beschränkt bleiben. Daher: Neuer Weltkrieg, neuer Holocaust zwecks Purifikation und Verstehen. Krieg für Frieden! (Schon Robespierre betonte die Notwendigkeit des Terrors für die Demokratie (La Grande Terreur), für den pursuit of happyness. Und die Kader der Braun- und Schwarzhemden bzw. der Roten folgten lernwillig nach. Die Amerikaner bewiesen 1945 höchste Pragmatik mit ihren Atombombenabwürfen, und heute äußert sich der frühere Präsident George W. Bush über die Richtigkeit seiner Kriege und der Folteranwendungen, weil sie Schlimmeres verhindert hätten. Alles geschah zum Wohle der Nation, für den Weltfrieden.)

Das Ressentiment, die untilgbare Rache, befriedigt sich erst in den exzessiven Untaten, im Morden. Bislang wurde das kaschiert. Aber solange im Namen von „Niemals vergessen“ die Ressentimentpflege, jetzt mit Verbindungen mit „individueller Verantwortung jedes Deutschen“ etc. hochgetrieben wird mit Zumutungen dieser Art von „Erinnerungsarbeit“, darf von einem Lernen aus der Geschichte nicht gesprochen werden. Hier geht’s einerseits um das Geschäft, andererseits um Ressentiments und Gewalt.

Leute wie Boll sind Täuscher, Sadisten, die ihre Gewaltfantasien noch medial äußern. Man muss wahrscheinlich froh sein, dass sie für ihre Gewaltneigungen und Perversionen noch Medien finden. Wer weiß, was sie sonst anstellten? Immerhin hätte eine Künstlerkarriere vielleicht den Führer verhindert.

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