Das Toleranzgrenzwertige

21.11.2010 Haimo L. Handl

Kürzlich war in der «Presse» von einem Skandal im ORF zu lesen. Nicht vom üblichen, an den sich alle gewöhnt zu haben scheinen, und der Ausdruck unserer Kultur und Machtverhältnisse ist. Nein, ein fauxpas, ein «grenzwertiger Gag», regte die Israelische Kultusgemeinde und die ÖBB auf, so dass die im Redaktionellen auf Korrektheit bedachte ORF-Führung sofort einschritt und sauberen Tisch machte.


In einer noch nicht ausgestrahlten aber bereits abgenommenen Sendung von «Willkommen Österreich», der allseits beliebten ORF-Comedy-Sendung von Stermann und Grissemann, machte ersterer einen Witz, der die IKG empörte, aber auch die ÖBB. Bemerkenswert ist nicht nur die Grenzüberschreitung durch das Komikerduo, sondern die schnelle Querinformation, die eine Vorzensur ermöglichte: es blieb genügend Zeit, der Empörung Rechnung zu tragen und die inkriminierte Stelle aus dem sendebereiten Material zu schneiden. Die Kontrolle funktioniert also bestens!

Da der Witz nicht ausgestrahlt wurde, soll er, obwohl geschmacklos, hier aus der PRESSE zitiert werden: «US-Anwälte verklagen die ÖBB, weil sie den ÖBB vorwerfen, sie seien beteiligt gewesen an der Deportation von Juden: Liebe US-Anwälte, das glaube ich nicht. Wären die Juden mit den ÖBB gefahren, wären sie heute noch nicht in Auschwitz», lautet der Witz. Nachsatz von Co-Moderator Christoph Grissemann: «Man muss dazusagen: kein Thema, das man verblödeln darf.»

Herr Ariel Muzicant war empört, Herr Michael Wimmer, ÖBB-Sprecher, ebenso. Auch die ORF-Chefriege. Alle waren empört. Und schritten ein. Die Willkommenssendung wurde gereinigt.

In einem ganzseitigen Interview der letzten Ausgabe der Grünen Paradezeitung PLANET (sie wurde jetzt eingestellt! - Die Grünen arbeiten wie die früheren Roten) mit Dirk Grissemann, antwortete er auf die Frage «Gibt es etwas, was Sie hier in Österreich stört?»: «Wenn man lange hier lebt, wird man sehr abgestumpft und man hat sich hinsichtlich der österreichischen Politik schon an wahnwitzig viel gewöhnt und rechnet immer mit dem Schlimmsten. (...) Das Problem ist, dass Österreich nicht streng genug ist. Das betrifft nicht nur die Politik sondern auch Gesellschaft und Wirtschaft. Die Menschen dürfen hier viel zu viele Dinge machen und sagen, ohne dass sie deshalb Konsequenzen fürchten müssen. Das finde ich unfassbar.»

Soweit Grissemann. Seine Aussage könnte leicht als Witz oder übliche Übertreibung missverstanden werden. Wie immer es sei, jetzt hat er einen Anflug des Gegenteils erfahren: Sein Ko-Moderator hat einen «grenzwertigen Witz» platziert, der zu konkreten Aktionen führte und in öffentlicher Empörung resultierte, und zwar in anderer Qualität, als bisher. Denn die ÖBB und IKG sind nicht irgendwer. Das ist das andere Österreich im anderen Wien. Da hört der Spaß auf. Opferkultur darf nicht gestört werden, auch durch blöde Witze nicht. Das müssen auch Ster- und Grissemanns lernen. Werden sie's?

Vor Jahren war da Gerhard Haderer vorsichtiger. Er handelte sich zwar mit seinem witzigen Jesusbuch in Griechenland (ja, Griechenland, schon vor dem Bankrott ein hardliner) eine Blasphemieklage ein; das Urteil wurde aber korrigiert, und er ging frei aus. In einem Interview erklärte der Satiriker, dass er z. B. Mohamed natürlich nie karikieren würde. Er hätte hinzufügen können, Israelis oder Juden auch nicht. Das gehört sich nicht. Beim Christengott ist das eher möglich. Da darf man Tapferkeit zeigen.

Wenn die Erkenntnis Grissemanns ein Witz gewesen sein soll, war sie schwach. Wenn sie ernst gemeint war, ist sie noch schwächer. Bei uns gilt immer noch «Na, dürfen's denn das?» - und es wird agiert und reagiert. Es gibt Konsequenzen und Folgen. Nur nicht immer solche, wie sie sich der kleine Max vorstellt. Einerseits ist fast alles, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, verboten. Andererseits ist schier alles hoffnungslos, aber nicht ernst. (Man erinnere sich zB an den kürzlichen Tschetschenen-Prozess, an diverse riesige Korruptionsfälle einerseits und an die Tierschützer-Affäre als «terroristische Vereinigung» andererseits.)

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