Der Tod des Autors und der Literatur

28.11.2010 Haimo L. Handl

Der humane, freundliche Autor mutet dem reifen Leser nicht mehr zu sich zu unterwerfen. Er muss nicht mehr einer Geschichte folgen, muss nicht mehr versuchen, vorgegebene Texte zu verstehen und zu deuten. Ihm wird bloß ein Gerüst offeriert, innerhalb dessen er selbst SEINE eigene Geschichte, nach seinen Bedürfnissen, Kenntnissen und Wünschen entwickeln kann. Nichts ist voll vorgegeben, das meiste ist offen. Die Freiheit und die Würde des Lesers werden geachtet, er wird in kein enges Korsett gezwungen, kein geschlossener Handlungsablauf nimmt gefangen. Es wird auf die Erzählung, die Geschichte, verzichtet, es erfolgt keine Täuschung mehr.


Die Sätze stellen das Nötigste dar, berichten, erzählen aber nicht mehr schlüssig und bündig, bieten keine Täuschung, keinen Schein mehr. Der emanzipierte Leser kann selbst hineinlesen und herauslesen, was er möchte und vermag.

Die Geschichtenerzähler gehören dem Denken des 19. Jahrhunderts an. Es gibt keine Ganzheit. Es gibt kein authentisches, volles Leben. Jede Erzählung davon ist eine Lüge. Wir wollen keine Lügen mehr! Berichte, Rapporte, Dokumentationen, die dürfen noch sein. Fiktionale Literatur wird nur als Ausgangsmaterial geschätzt, ohne Einengungen und Vergewaltigungen durch Autoren, die einem IHRE Geschichte aufzwingen wollen.

In einer offenen, fortschrittlichen Gesellschaft braucht es keine Literatur mehr. Der Autor ist schon lange tot. Die Erbstücke gehören entsorgt. Das Scheingeschäft der Literaturpflege ist obsolet geworden. Hinweg damit! Jeder, der denk- und sprechfähig ist, ist sein eigener Autor. Was in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts schon erahnt und kühn gefordert wurde, muss die letzte Umsetzung erfahren: keine Autoren, keine Literatur. Nach dem Tod der Literatur keine Totenpflege, kein Ahnenkult, keine Devotionalienschau. Der Zukunft gehört unser Trachten und Sinnen. Das Alte ist tot. Die Toten dürfen keine Herrschaft über die Lebenden haben.

Jeder schreibt für sich, jeder spricht für sich. Gespräche nur im Wirklichen. Kein Nacherzählen, kein Erzählen überhaupt, keine gekünstelte Rede. Das Fiktionale ist Täuschung. Lug und Trug. Jeder hat eigene Träume, niemand braucht fremde. Zuhören rechtfertigt sich durch den Realitätsgrad und Nutzen. Nichts Nutzloses darf uns belasten. Wir wollen keine Verschwendung mit Unnützen uns gestatten. Wir wollen besonnene, umwelt- und energiebewusste Realisten sein, die der Vergeudung der Ressourcen, auch im Geistigen, endlich Einhalt gebieten. Wir wollen ökonomisch und vernünftig sein.

So, oder ähnlich, äußern sich die Schmalspurdenker des gesunden Menschenverstandes, der modernen Utilitaristen. Die Zurichtung des Individuums in den kalkulier- und kontrollierbaren Nutzenfaktor verstärkt sich mit jedem Tag. So hat vor X Jahren ein Hans Magnus Enzensberger frech vom Tod des Autors geschwätzt, um heute, als gealterter Romancier, seine Literatur belobigen zu lassen. So haben linke Progressive für den Sieg der Vernunft gekämpft, um nach dem Zusammenbruch des Realkommunismus nicht mehr weiterdenken zu können. So wirken die Massenabspeisungen durch den Kommerz, der eine Konsumsklaverei als Freiheit vorgaukelt und damit das Profitregime ausbaut. So fleddern die Meister des Regietheaters die Vorlagen, und niemand fragt, weshalb sie überhaupt welcher bedürfen und nicht gleich selbst die Freiheit zum eigenen Wort ergreifen. Das Täuschungsgeschäft, im Namen der Authentizität, läuft gut geschmiert. Der Autor ist tot, die Literatur ist tot, es leben die Verweser.

Es ist kein Widerspruch, dass gleichzeitig streamlined stories, Fantasy-Produkte und vor allem Stoffe des Horror-, Krimi- und Thriller-Genres den Markt überschwemmen. Irgendwie wollen viele sich doch abspeisen.

Der Autor als Nicht-Autor, der seinen literarischen Tod zwar nicht aufs Banner schreibt und sehr wohl als Künstler, ja Artist auftritt, ist ein Fänomen, das insbesondere in der sogenannten Avantgarde zu beobachten ist. Hier verstehen sich einige als Autoren, obwohl sie inhaltsleere, vage, formale Spielereien liefern, sprachlich manchmal an einem perversen Ideal einer bedeutungsfreien, sinnleeren Sprache orientiert. Solche Künstler pochen auf ihre Autorenschaft, sagen aber nichts, das sich festmachen ließe. Weder semantisch, noch von irgendeiner Botschaft her. Also nie auch gesellschaftlich oder gar politisch deutbar.

Der Widerspruch, dass solche Artisten, die zwar unterhalten und ergötzen, gepriesen werden, obwohl - oder weil sie nichts Konkretes sagen - gegenüber Autoren, die entweder offen als Nichtautoren fürs Eigentliche, das eben keine Literatur sei, kämpfen bzw. für jene, die die gängige Leichtkost liefern an strukturierten Geschichtchen für den Alltag, erstaunt.

Es zeigt sich eine verworrene Lage: Einerseits Autoren, die das Gängige liefern, das leicht Konsumierbare, the streamlined, all das, was sich in x TV-Serien und ähnlichem Filterprogrammen zur Wattierung und Einlullung der Massen eignet. Für diese Spezies existiert die Fragestellung der Literatur nicht. Sie stellt die geschäftstüchtigste Branche der Profession dar und genießt die weiteste Verbreitung und Beachtung.

Dann haben wir jene, die schreiben, sich aber nicht als Autoren verstanden und verstehen, die in einem Zwiespalt leben, meist aus ideologischen Gründen, und die, je nach der Zeit und ihren Bedingungen, mehr oder weniger rigide nach bestimmten Aufgaben oder Nutzformen der Autor- bzw. Nichtautorschaft, dessen, was man sonst Literatur nennt, rufen. Eine eigentümliche Schicht von Wortarbeitern, die besonders unter politisch brisanten Bedingungen Hochkonjunktur hat.

Weiters gibt es immer noch Autoren, die sich als Autoren verstehen, deren Werke noch «Botschaften» enthalten. Nur wenige erwirken breite Aufmerksamkeit, die dann aber wirkungsvoll, besonders Seitens der Kritik bzw. jener Organisationen, die offiziös Werke und Persönlichkeiten auspreisen.

Und schließlich die Avantgardisten, wovon eine Gruppe eher von Ihresgleichen und professionellen Kritikern geschätzt wird, die andere aber publikumswirksam als Bajazzos, Sprachartisten, Wortjongleure sich am Markt behauptet. Da geht es überhaupt nicht mehr um Botschaften, um Engagement und dergleichen, sondern nur noch um Artisterei, Spiel und Spaß. Hier lockt die Unverbindlichkeit, die eine Leichtigkeit liefert, deren sich dann auch die Gebildeteren erfreuen mögen, ohne sich mit den niederen Massen der Konsumenten assoziieren zu müssen. Die hohe Artistik bietet gleich einen Bildungsausweis.

Es geht um nichts Inhaltliches. Das Bedeutungsvolle kann jeder nach Bedarf aus der Form ziehen. Es ist, besonders in schwierigen Zeiten, in Gesellschaften, wo es riskant sein könnte, seine Meinung zu sagen oder zu «vertreten», das weite Feld der ungefährlichen Unverbindlichkeit. Ist ja nur Spaß. Ist ja nur Kunst. Wie im Biedermeier, als unter strengen polizeistaatlichen Regeln viele ins Unverbindliche, Spaßhafte, Lustige auswichen (man erinnere sich an Grillparzer und den Strauss-Klan, um zwei gegensätzliche Positionen zu markieren).

Wie anders versteht sich da ein Autor nach der Auffassung Kafkas (oder x anderer gewichtiger Schriftsteller, die etwas zu sagen hatten und es taten!), der von einem Buch forderte, es müsse eine Axt sein, die das in uns Gefrorene aufbreche, gegenüber den Spielern und Artisten, wie Oskar Pastior, aber auch viele andere konkrete Poeten, nicht zuletzt Jandl, die meist Inhaltsleeres liefern, sich in die extreme Formalistik retten.

Es gibt also noch Autoren und es gibt noch Literaturen. Trotz allem.

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