Katastrofenpolitik

05.12.2010 Haimo L. Handl

Der Titel ist zweideutig und deshalb eindeutig. Katastrofenpolitik meint eine aufgrund von Katastrofen: die Art, wie der Katastrofe begegnet wird. Die andere Bedeutung meint die katastrofale Politik. Die Katastrofenpolitiken, die beides sind, mehren sich.


Jüngste Beispiele liefern die Cholera in Haiti und der Waldbrand in Haifa. In Haiti sind 11 Monate seit dem verheerenden Erdbeben vergangen. Die Hilfe war und ist ungenügend. Der Staat selbst, schlecht organisiert, hoch korrupt, ineffizient und ineffektiv in allen lebenswichtigen Einrichtungen, außer für die Bereicherung gewisser Clans und Geschäftemacher, hat aber auch nicht die Hilfe erhalten, nach der die Katastrofe verlangte. Jetzt rafft die Cholera viele Menschen hinweg, weil die Wasserversorgung immer noch nicht funktioniert, viele Menschen wie Hunde in Behelfsverschlägen dahinvegetieren.

Der Nachbar USA hat Hilfe geschickt. Aber sie hilft nicht wirklich. Andere haben Hilfen gesandt, doch sie helfen nicht wirklich, nur partiell. Den Menschen fehlt das Wichtigste zum Überleben. Von einem Aufbau des zerstörten Landes ganz zu schweigen.

Das erstaunt, weiß man doch, welche modernen Mittel die Industriestaaten haben. Zum Beispiel hinsichtlich der Wasseraufbereitung, der medizinischen Notfallversorgung, der Schulung usw. Da müssen also andere Faktoren mitspielen. Haiti war schon vor dem Erdbeben als verarmtes, ausgebeutetes Land kein Paradies in der Karibik. Jetzt ist es seit dem Jänner 2010 die Hölle. Trotz der Hilfen. Aus den Medien war Haiti verschwunden, bis eben die Cholerafälle ein unübersehbares Ausmaß annahmen.

In Israel wütet ein Waldbrand. Das Land mit der stärksten und modernsten Armee der Region leistet sich eine schlecht ausgerüstete Feuerwehr. Das Geld floss primär in die Rüstung, in die Tötungsmaschinerie. Allermodernstes Kriegsgerät, die stärkste Luftwaffe weit und breit, Kampfhubschrauber, alles, was das Herz eines Militärs höher schlagen lässt, ist vorhanden, wird eingesetzt. Aber just das taugt nicht zum Löschen des Brandes. Pech, wenn der Brand eigenes Land versengt. Und dieses Land muss ausländische Hilfe anfordern: Löschflugzeuge, Helikopter.

Eine Ironie? Israel, ein sehr reiches Land, modern organisiert, mächtig. Zufällig, so nebenbei, ganz unfreiwillig, zeigt der Waldbrand eine Verwundbarkeit sondergleichen auf. Die gebunkerte Gesellschaft, die sich mit Mauern umgibt, mit tödlicher Luft- und Seekontrolle, die kriegerisch die Region bestimmt, muss ausländisch Hilfe erbitten. Der Staat, der Hilfsschiffe für Gaza kaperte, der den Zugang zu den Palästinensern verwehrt und rigide Ghettos kontrolliert, erhält Hilfe auf dem Luft- und Seeweg. Wegen einer Naturkatastrofe, von der schon viele Stimmen meinen, sie sei auf Sabotage bzw. Terrorakte arabischstämmiger Israelis zurückzuführen. Das heißt, neben der Brandkatastrofe bereitet sich eine innenpolitische neuer Dimension vor. Sucht man Sündenböcke, wird das Unglück instrumentalisiert werden? Doch die israelische Katastrofenpolitik ist eine von Biedermännern als Brandstiftern. Jetzt brennt's wirklich im eigenen Land, aber nicht militärisch. Deshalb taugt keine Wehr. Wird es zu denken geben?

Haiti erhält wenig Hilfe. Haiti ist unwichtig. Israel ist wichtig. Israel erhält seit seiner Installierung von den USA die höchste Auslandsfinanzierung überhaupt. Fast alles fließt in die Armee. Jetzt erhält es effiziente Hilfe, also zusätzlich zivile. Die Palästinenser haben im Vergleich seit je wenig Hilfe erhalten. Und ein Teil der Hilfe wurde von Israel systematisch zerstört. Und der Westen, vor allem die EU als größtem Hilfeleister, haben zugesehen. Katastrofe ist nicht gleich Katastrofe, und Hilfe ist nicht gleich Hilfe. Das ist wieder einmal klargestellt.

Das heißt nicht, dass ich jemanden eine Katastrofe gönne. Auch den Israelis nicht. Der wesentliche Unterschied aber ist, dass ich auch den anderen keine wünsche. Doch die Katastrofen, wie in Haiti oder in Gaza, werden offensichtlich hingenommen. Das soll nicht kaschiert und verdeckt werden.

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