Der Schnee

26.12.2010 Haimo L. Handl

Liebe Mama, ich sitze hier am Flughafen CDG in Paris fest. Mit tausenden anderen Passagieren. Der Winter ist schuld, der überraschende Schnee. Der Flughafen ist nicht nur nicht ausgerüstet und gewappnet für einen wettersicheren Dienst. Es musste auch eine Halle evakuiert werden wegen Einsturzgefahr des Daches. Aber das Ganze hat etwas Interessantes. Plötzlich komme ich in Gesellschaft, zu der ich sonst keinen Zugang hätte. Es mischen sich die Gruppen und Klassen. Ich höre Dinge, die mir sonst fremd geblieben wären.


Einer erwähnt einen geheimen Bericht, wie die Flughafenbetreiber in Paris, Frankfurt und London, dort am schlimmsten, Geld einsparen, Passagiere gängeln, um sie länger in den Malls zu halten, und hoffen, der Schnee und das Eis würden nicht so schlimm werden. Deshalb haben sie keine ausreichenden Lager an Enteisungsmittel angelegt. Der Maschinenpark ist viel zu klein. Nur die Landebahnen und Gebäude sind groß genug über übermächtig. Weil sie nicht zur Verantwortung gezogen werden, haben sie immer schon so verantwortungslos gearbeitet. Wegen der meist passablen Wetterbedingungen ist das bisher nicht so dramatisch aufgefallen. Jetzt sucht die Staatspolizei nach dem oder den Informanten. Es ist zwar nicht so extrem wie Assange mit seinem Wikileaks, aber seit ihm stieg die Nervosität vor Enthüllungen. Die Polizei macht Razzien und eröffnet einen Cyberwar.

In Deutschland wehrt sich die Deutsche Bahn gegen Verleumder und Enthüller unwahrer Tatsachen. Es stimme nicht, dass viele moderne Züge nicht funktionierende Klimaanlagen, Heizungen und fehlfunktionierende automatische Türen hätten. Das seien nur Einzelfälle, und meist auf Sabotage terroristischer Elemente zurückzuführen. Dass viele Züge jetzt nicht fahren könnten, läge am Schnee. Und am Personal, das, von den Gewerkschaften unterstützt, mehr Lohn will für weniger Arbeit.

In England protestieren Tausende nach einem Aufruf der Times gegen das Wetter und verlangen von der EU eine Wetterzulage, weil es abnorm sei, dass auf der Insel plötzlich kontinentale Bedingungen herrschten. Namhafte Kreise nehmen den Flughafenbetreiber Heathrow in Schutz und rufen nach Strafverfolgung jener Journalisten, die geheime Berichte und Enthüllungen über deren Misswirtschaft veröffentlichten.

Das ist auch der Grund, weshalb nach ersten offiziellen Protesten und Besorgnisäußerungen seitens der EU gegen die ungarische Regierung wegen ihrer Zensurmaßnahmen insgeheim Verständnis gezeigt wird. Bald wird man solche Maßnahmen auch in England, Frankreich und Deutschland brauchen. Italien hat sich über das Berlusconimediennetzwerk ja schon seit Jahren abgesichert.

Ja, eine Nacht und zwei Tage in der Flughafenhalle bescheren nicht nur Flüchtlingseindrücke, sondern auch besondere Erkenntnisse. Wir sind hier gut versorgt. Anders als Maria & Josef haben wir es fast lustig. Auf den vielen Monitoren werden uns fröhliche Werbesendungen und Filmchen vorgeführt. Und die Restaurants, Cafés und Imbissstuben haben keine Nachschubprobleme. Nur das mit dem Gepäck ist lästig. Sogar ins WC muss ich es mitschleppen, weil nichts unbeaufsichtigt herumstehen darf. Na ja, ist ja verständlich, bei der Terrorgefahr.

Jetzt bieten eine Trachtenkapelle und ein Kirchenchor ihre Auftritte; eine stimmungsvolle Weihnachtsfeier, verbunden mit der Hoffnung, doch noch in den nächsten Stunden wegkommen zu können, um wenigstens Silvester am gewünschten Ziel feiern zu können. Das wird sicher möglich sein, versichern uns die Sprecher des Flughafens. Es werde alles unternommen, um die Situation zu entschärfen. Sobald die Enteisung gelingt, geht's wieder ab in die Lüfte. Ahoi!

Liebe Mama, ich bin so glücklich, dass ich gratis einen Abenteuerurlaub schon vor meinen Ferien genießen durfte und freue mich aufs Neue Jahr. Alles Liebe, Deine Angela (+ Heinrich, mein neuer Schwarm, den ich hier kennenlernen durfte. Dufte!).

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