Moon

04.01.2011 Walter Gasperi

Als einziger Bewohner einer Raumstation muss Sam Bell, unterstützt von einem Computer, auf dem Mond Selene für die reibungslose Produktion von Helium-3 sorgen, das die wichtigste Energiequelle für die Erde ist. – Mit fünf Millionen Dollar hat Duncan Jones einen kleinen, kammerspielartigen Science-Fiction-Film gedreht, der durch die ästhetische und erzählerische Konsequenz besticht und eine grandiose Einmannshow von Sam Rockwell bietet.


Nach drei Jahren Dienst auf dem Mond Selene steht Sam Bell (Sam Rockwell) kurz vor der Ablöse. Allein hat er diese Zeit verbracht, zu Frau Tess und Tochter Eve hat er nur über zeitverzögerte Videobotschaften Kontakt. Fürsorglich unterstützt wird er vom Computer Gerty, der ihm sogar die Haare schneidet. Doch dann treten - weniger im Betriebsablauf als vielmehr in Sams Bewusstsein - Störungen auf: Er beginnt unter Kopfschmerzen zu leiden und hat Visionen von einer jungen Frau. Abgelenkt durch eine solche Vision kommt es bei einer Inspektionsfahrt zu den riesigen Abbaumaschinen für Helium-3 schließlich zu einem Unfall.

Als Sam auf der Krankenstation erwacht, trifft er auf einen Klon von sich selbst, der körperlich fitter ist, während er selbst immer schwächer wird. Langsam verhärtet sich in dem Astronauten der Verdacht, dass er gar nicht abgelöst werden soll, sondern dass er ein Spielball der Konzernleitung ist. Und er beginnt die Raumstation genauer unter die Lupe zu nehmen...

Einen aktuellen Bezug setzt Duncan Jones mit dem Beginn: Ein Werbefilm des Konzerns Lunar informiert darüber, dass die Energiekrise, die durch die schwindenden fossilen Ressourcen entstanden ist, durch die Produktion von Helium-3 auf dem Mond Selene behoben wurde. 70% des globalen Energiebedarfs können laut Lunar-Werbung damit gedeckt werden.

Nach diesem Einstieg spielt der komplette Film auf dem Mond, genauer in und um die Raumstation. Einziger Akteur ist Sam Rockwell, der freilich bald doppelt auftritt. Eine Tour de Force liefert der Amerikaner, der in der konträren Doppelrolle 90 Minuten allein auf der Leinwand präsent ist. Einziger Partner, allerdings nur akustisch ist der Computer Gerty, dem Kevin Spacey eine sanfte und schmeichelnde Stimme verleiht. Selbst über Gefühlsregungen scheint er zu verfügen, drückt doch ein gelbes Smiley an seiner Oberfläche Freude oder Missstimmung aus. Unübersehbar ist diese Maschine von Stanley Kubricks Hal 9000 inspiriert, wird aber im entscheidenden Moment anders als dieser handeln.

An «2001 - A Space Odyssey» (1966-68) erinnert auch die Kommunikation mit der Familie über Videobotschaften. Emotionale Ferne und Kälte werden hier spürbar, die auch in der großartig designten Weltraumstation zum Ausdruck kommt. Kein Grün und Rot gibt es in dieser Welt, wie bei Kubrick dominiert das kalte aseptische Weiß und dennoch gibt es Details, die von menschlichen Aktivitäten zeugen, die in diesem durchtechnisierten und streng kontrollierten Umfeld seltsam und deplatziert wirken: Da bastelt Sam an einer Modellstadt und später wird er mit seinem Klon auf einem alten Tischtennistisch spielen.

Nicht weniger kalt als das Innen, aber gleichzeitig überwältigend schön, ist das Außen: die Mondlandschaft unter dem nächtlichen Himmel. Hier drehen Erntemaschinen ihre Runden, um Helium-3 zu produzieren, das per Trägerrakete in Tonnen auf die Erde befördert wird.

Ganz ohne Hektik und Special-Effects erzählt der 39-jährige Duncan Jones, ein Sohn von David Bowie, seine Geschichte, orientiert sich nicht nur an Kubricks Klassiker «2001», sondern in den Visionen Bells auch an Andrej Tarkowskis «Solaris» (1972) und in der melancholischen Evokation der Einsamkeit des Astronauten an anderen Klassikern wie Douglas Trumbulls «Silent Running» (1972) oder John Carpenters «Dark Star» (1974).

Zu epigonalem Zitatenkino verkommt «Moon» aber nie, denn Jones verwendet die Vorbilder nur als Anregungen, integriert die Einflüsse konsequent in seine filmische Welt und eine Story, bei der er die Vorbilder überraschend variiert. So schuf er einen sehr dichten und spannenden Genrefilm von beeindruckender ästhetischer und erzählerischer Geschlossenheit. Nicht negativ hat sich das kleine Budget von fünf Millionen Dollar ausgewirkt, sondern gerade aus der Reduktion entwickelt dieser ebenso kühle wie makellos schöne Science-Fiction-Film seine Stärke.

Einen größeren Kontrast als das einzelne Individuum und die unendliche Weite des Weltraums kann man sich kaum vorstellen. Die ganze Verlorenheit und Einsamkeit des Astronauten, von der schon Jones´ Vater David Bowie 1970 in seinem Song «Space Odditiy» anhand seines «Major Tom» erzählte, wird spürbar, wenn Bell in seinem Mondauto sitzt und die Kamera dieses mit einer Kreisfahrt in der Mondlandschaft isoliert.

Ohne dass philosophische Fragen explizit formuliert werden, entwickelt sich »Moon« in solchen Szenen in der endlosen Weite des Weltalls zum tiefmelancholischen Kammerspiel über die Ausgeliefertheit des Menschen an einen unsichtbar und ungreifbar bleibenden Schöpfer, der hier durch den Konzern vertreten wird Und wenn im Kontrast zu Bells Weckersong «I am the One and Only» Klons auftreten, stellt sich auch die Frage nach der Einzigartigkeit des Menschen. Zwingend verdichtet und weiterentwickelt wird dieser Aspekt zwar nicht, aber zweifellos kann Jones´famoses Debüt anregen, darüber nachzudenken.

Wird vom Filmforum Bregenz am Donnerstag, den 6.1. um 20 Uhr und am Samstag, den 8.1. um 22 Uhr im Metrokino Bregenz gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Moon»


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