Immerwieder immerfort

02.01.2011 Haimo L. Handl

Der Jahreswechsel wird in allen Kulturen rituell gefeiert. Auch moderne Gesellschaften pflegen ihn archaisch, mythisch. Noch in den kommerziellsten Umtrieben von Silvester- und Neujahrsveranstaltungen stecken uralte Vorstellungen. Als ob. Als ob es ernst zu nehmen wäre. Als ob man sich selber traue und vertraue. Als ob Zeit eine Göttin wäre, eine unheimliche Kraft. Als ob der Kalender magisch vorschriebe.


Je problematischer eine Situation, je schlechter ein Zustand, desto eher sind die meisten der Menschen geneigt, von Schicksal, Vorbestimmung oder fremden, höheren (göttlichen) Kräften zu reden, die verantwortlich gemacht werden können. Sie brauchen die Entlastung, die Erklärung. Unsinn ist nicht offen erträglich, also tauft man ihn als etwas Sinnvolles. Extrem Abweichendes ist auf Dauer unannehmbar, also blickt man es anders an, durch eine Brille, wenn man nicht in der Lage ist, es zu normieren, zu normalisieren.

Trotz des Regimes wissenschaftlichen Denkens sind die meisten noch in irrationalen, religiösen, dogmatischen Denkmustern daheim, die ihnen jene Sicherheiten bieten, die sie in den Realitäten nicht finden. Sicherheit über alles, auch über Freiheit. Freiheit ist offen, ist gefährlich, ist Mühsal. Ist eine Strafe Gottes nach dem Vertrieb aus dem Paradies. Sicherheit ist Geborgensein. Wer will das nicht? Und für alle Unfälle gibt es Gebete oder Flüche, gibt es Götter und Teufel, gibt es Schicksal.

Morde werden verurteilt, wenn sie sinnlos erscheinen. Massentöten, Kriege, ebenso. Allzuoft wird von sinnlosen Kriegen geredet, von sinnlosen Opfern. Als ob es sinnvolle gäbe! Tief sitzt in solchen Überzeugungen ein Irrglaube, ein Inhumanes. Das ehrenhafte Opfertum MUSS einen höheren Wert haben, der es «rechtfertigt»: daher werden Kriege geheiligt, werden Opfer als Mittel zum Fortschritt gesehen. Als Schicksal.

Trotzdem raffen sich viele auf, «eigene» Entscheidungen zu treffen. Man formuliert gute Vorsätze. Ziele. Aber man hat die Antwort parat, wenn man sie nicht erreicht. Es werden Wiederholungen erkannt. Als ob man aus dem Lauf der Zeit, dem Rad der Geschichte, nicht herauskäme. Als ob man wesentlich einer Bestimmung unterliege. Man ist gezwungen. Man ist Rädchen in der Maschinerie.

Ungeheure Anstrengungen werden unternommen, um den Freiraum menschlicher Selbstbestimmung zu desavouieren, abzusprechen. Alle folgen einem Programm, einem Plan, einem master plan. Trotzdem will man sich gewisser Handlungen erwehren. Pocht auf Eigenleistung und freien Willen. Auf Rechte und Pflichten. Im Gleichheitsprogramm gibt es Unterschiede. Recht ist nicht gleich Recht. Nur die Macht, das Vermögen ist wirksam. Zur moralischen Deckung wird ihre Sicht eingebettet in ein Übergeordnetes. Schicksal.

Viele von uns wanken zwischen verzweifelter Unterwerfung unter die Vorbestimmung oder fanatischer Erfüllung ihres vermeintlichen Auftrags und Versuchen, Felder von Verantwortlichkeit abzustecken, sie einzufordern, vor allem von anderen. In unseren Krisenzeiten haben deshalb Religionen wieder Hochkonjunktur. Einige fördern nicht Toleranz und Respekt, sondern wütendes Um-sich-Schlagen, Verfolgungen, als ob ihre Anhänger ihres Gottes Rache an den Ungläubigen zu vollziehen hätten. Sie handeln in höherem Auftrag. Von Abraham wurde von seinem Gott der Mord an seinem eigenen Kind verlangt, Mohammed verlangte in Allahs Namen die Mission mit dem Schwert: der Auftrag ist nicht verhandelbar, ist unbedingt. Ist inhuman, weil göttlich. Die Großen der Geschichte erscheinen, wie man sie braucht: als Halbgötter oder Teufel. Religionsstifter, eigentlich kranke Kreaturen, werden überhöht, Tyrannen, Despoten, Führer, je nach Lager, als Inbegriff des Bösen gehandelt, sogar in der Neuzeit: Lenin, Stalin, Hitler, Mao (um nur einige ganz prominente Erfüllungsgehilfen zu nennen). Es werden Rangreihen (rankings) erstellt; Pol Pot ist kleiner, Bush ebenso. Von den gegenwärtigen «Führern» redet man nicht. Aber auch nicht von denen, die mitmachen, mitlaufen, mitschreien, mitmorden.

Da loben wir unsere Zukunftsprogramme und feiern gute Vorsätze: Wir geben der Geschichte und der Gegenwart, die morgen schon Geschichte sein wird, Sinn. Die meisten meinen aber, sie fänden Sinn. Weil der Geschichte, dem Leben, eine ewige Wahrheit innewohne, die nur zu entdecken sei. Weil da draußen, irgendwo, höhere Werte existieren, die wir nur finden müssen. Aber die Geschichte ist nicht aktiv, genauso wenig wie die Zeit. Die Zeit macht nichts. Und Geschichte ist kein Agent, keine eigene Kraft. Der Humbug dieser Fehlsicht ist ein Entlastungskonstrukt, damit alles weitergehe, immer wieder, als ob ein nihilistisches Programm in göttlichem Auftrag sich erfülle, das man, entsprechend des modernen Standards, «vernünftig» garniert. Lebenslügen.

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