Wissen wissen

16.01.2011 Haimo L. Handl

Wissen ist in aller Munde bzw. Augen. Wird gehandelt, bearbeitet oder, neudeutsch ausgedrückt, gemanaged (gemenetscht). Wissen ist Speicherstoff, den man abruft, so wie einige früher Wissen in Büchern suchten und sich vielleicht wunderten, dass auch lange Lektüre alleine nicht ausreicht, um Wissen zu erlangen. Wissen ist für einige Faktisches, für andere die Verbindung von Daten mit Erfahrungen. Manche nennen Verstehen Wissen.


Im 18. Jahrhundert, als die berühmt gewordenen Enzyklopädisten das Wissen, das wir heute das explizite nennen, in Büchern sammelten, kamen sie bald darauf, dass der jeweilige Wissensstand nie und nimmer erfassbar ist, ihr Unternehmen immer der Entwicklung nachhinkt. Einige verzweifelten darob.

Heute ist es den Wissensdurstigen (die Metafer des Dursts ist für Wissenshunger geläufiger als Hunger) das Internet und die damit abrufbaren Datenbänke die globale Enzyklopädie. Ist durch die Menge die Qualität des Wissens gestiegen? Die Frage ist schon etwas falsch bzw. missverständlich gestellt, denn es gibt kein Wissen an sich, sondern nur eines, das Wissende kennen und gebrauchen. Es ist wie mit der Sprache. Wo keine Sprecher, existiert keine Sprache. Denn die gespeicherten Zeichen werden erst dann zur Sprache, wenn Sprecher sie gebrauchen (hoffentlich korrekt nach dem jeweiligen System, der spezifischen Struktur und Grammatik).

Wissen wird nicht entdeckt und gefunden, sondern generiert. Wissen ist ein Resultat, kein Ding an sich (das es nicht gibt, denn jedes Ding, das wahrgenommen werden kann, ist nicht mehr ein Ding als solches oder an sich, sondern schon zeichenvermittelt, um überhaupt wahrgenommen werden zu können).

Die derzeit beeindruckendste Enzyklopädie ist Wikipedia. Viele verwechseln aber abrufbare Daten mit Wissen. Als ob es so einfach wäre. In meiner Lehrzeit versuchte ich Studenten den Unterschied praktisch zu verdeutlichen: Was unterscheidet ein Geschichtswerk, eine historische Interpretation, von einem Geschichtsatlas oder einer historischen Faktensammlung? Die Zusammenschau und Deutung, die Erklärung, welche weit über die Fakten hinausgeht. Würden Fakten genügen, reichten Atlanten und Statistiken aus. Aber der Interessierte muss mehr kennen als Fakten. Er muss Zusammenhänge herstellen, Übersichten konstruieren, Sinn schaffen. Fakten sind nur das Rohmaterial.

Sprachen lehren Ähnliches. Es genügt nicht, Grammatikregeln und Vokabeln zu pauken, um eine fremde Sprache sich anzueignen. So ist es mit allem Wissen, das nicht nur eine Anhäufung von Daten ist. Es bedarf schon einer gewissen Daten- oder Informationsverarbeitung, damit aus Daten Wissensteile werden, die dann in den eigenen Wissensbestand übernommen werden und damit eine neue, eigene Qualität gewinnen.

Das ist nichts Neues. Was heute Unbedarfte vielleicht verwundert, wussten Gebildete schon lange und wissen heute noch einige. Die Relativität des Wissens, der Zusammenhang mit dem Nichtwissen (ein Unwort für Wissensmanager!), war nicht nur Sokrates oder Nietzsche bekannt, sondern auch dem kritischen Rationalisten Popper, den viele leichtfertig als bürgerlichen Positivisten abtun. Würden viele Experten der elektronischen Kommunikation oder des knowledge management nicht nur ein borniertes Fachwissen haben, sondern das, was man früher Bildung nannte, hätten sie ein erweitertes Denkfeld, ein vertieftes (oder erhöhtes) Wissen. Das würde viele Fragen, auch rhetorische, entbehrlich werden lassen.

Wissen wir zuviel? Macht Wikipedia dumm? Solcherlei Ausweis von Nichtwissen oder kaschiertem Halbwissen tummelt sich sogar in Qualitätsmedien. Früher warnten Kirchen vor der sündigen Rationalität. Später folgten ihnen einige Parteien, denen denkende Individuen eine Gefahr erschienen. Die Weltgründungsmythen sind tief mit der Erkenntnisschuld beladen. Die Wissbegier hat die Menschen aus dem Paradies vertrieben.

Umgekehrt wurde Wissen als Macht erkannt. Auch das hat seine Tradition. Die verzweifelten Zensurbemühungen auch moderner Staaten, die verfehlten, peinlichen Anmaßungen und Forderungen nach Deutungshoheit beweisen, welche Gefahr von Wissen ausgehen kann. Die Problematik von Wikileaks liegt für einige Staaten, insbesondere die freiste demokratische Führungsmacht USA, nicht so sehr in den Daten als solchen, sondern darin, dass immer mehr Personen damit bestimmtes Wissen erzeugen, Interpretationen kreieren können. Bliebe es nur bei den Daten, würde das instrumentalisierte Vergessen sie schon entsorgen.

Die Angst der westlichen Machthaber, der Geschäftemacher, ist ähnlich jener der hinterwäldlerischen Religiösen, der bornierten Fundamentalisten. Beide fürchten Wissende. Denn Gebildete, Wissende, werden sich, wegen ihres Wissens, emanzipieren. Das stört den Betrieb, den des kapitalistischen Geschäfts ebenso, wie den der fundamentalistisch orientierten Unmodernen. (Dass die diktatorischen Regime, die weder rein kapitalistisch, noch religiös organisiert sein brauchen, ebenfalls Wissende verfolgen, rundet das Bild nur ab.)

Wenn einige Pädagogen Einrichtungen wie Wikipedia, die jetzt ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, beargwöhnen, verwechseln sie Rohstofflieferant und Rohstoffe mit den Möglichkeiten, die der Einzelne nach seinen Bedürfnissen anwenden kann. Wer nichts oder wenig weiß, wird auch durch noch so viele Datenmengen kaum mehr wissen. Das liegt aber nicht an den Daten, sondern an ihrem Gebrauch. Das Schimpfen auf Wikipedia erübrigt die Kritik an den Nutzern.

Zwei Zitate des deutschen Aufklärers, Aforistikers, Mathematikers und Physikers Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) mögen zwei scheinbar entgegengesetzte Positionen illustrieren:

«Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.»

«Nichts erklärt Lesen und Studieren besser, als Essen und Verdauen. Der philosophische eigentliche Leser häuft nicht bloß in seinem Gedächtnis an, wie der Fresser im Magen, da hingegen der Gedächtnis-Kopf mehr einem vollen Magen, als einen starken und gesunden Körper bekömmt, bei jenem wird alles was er liest und brauchbar findet, dem System und dem inneren Körper, wenn ich so sagen darf, zugeführt, dieses hierhin und das andere dorthin, und das Ganze bekommt Stärke.»

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