Pseudoheimat

23.01.2011 Haimo L. Handl

Es pflegen mehr Leute untereinander Kontakt als je zuvor. Die elektronische Kommunikation macht es möglich. Das Regime der Virtualität hat den Lebensraum erweitert, die Welt ist zum Dorf geworden, aber anders, als man sich das früher dachte. Man kennt viele, und die Qualität einer Persönlichkeit misst sich an der Anzahl ihrer Kontakte. Es gilt der Netzwerkfaktor. Es gilt die Quantität.


Trotzdem mangelt dem Sozialwesen Wesentliches. Psychische Krankheiten nehmen zu. Eine eigentümliche Orientierungslosigkeit belastet gerade Angehörige der Wohlstandsgesellschaften. Der permanente Austausch scheint zwar süchtig zu machen, aber nicht wirklich zu befriedigen. Eine Art Pseudoprofessionalisierung gestaltet die Selbstdarstellung zum harten Marketingkampf. Das Verstehen von Privatheit und Öffentlichkeit hat sich verändert, allerdings in einer ungesunden Weise, weil es Auswirkungen hat, wenn ich das Private ins Öffentliche stülpe.

Menschen sind Gemeinwesen. Kontakte sind nicht nur besondere Verkehrbedingungen, sondern Bindungen. Ist das Feld des Sozialen «professionalisiert» und mehrheitlich virtuell, mangelt es rasch an dem, was echte Bindungen erwirken können. An Humanem, Sozialem. An Liebe (viele trauen sich kaum mehr, das Wort in diesem Zusammenhang in das Denkfeld zu nehmen, es auszusprechen).

Professionalisierung richtet sich nach ökonomischen Werten. Plötzlich werden Zeitbudgets, Zwecke und Nutzen berechenbare Posten. Werden fürs Kalkül messbare Faktoren. Fordern, als Sachzwänge, als neue Logik erfolgreichen Selbstmanagements, ein besonders strategisches und taktisches Verhalten.

Wie aber speist jemand, der sich als Arbeitender, als Professioneller, derart ausgibt, verausgabt, seine direkte, nahe Umgebung, jenen Bereich, in dem Bindung gilt, die sich real, konkret bewährt? Jeder, der früher Brieffreundschaften pflegte, erfuhr, dass diese anders sein mussten als jene, die er in Nähe, in Präsenz, im direkten Austausch erfahren konnte und durfte. Es war eine andere Dimension, wenn nicht Ersatz. Ersatz kann positiv und förderlich sein. Bleibt aber, was er ist. Ersatz bedingt das zu Ersetzende. Fehlt dieses oder ist es zu dürftig, kippt alles.

(Es ist wie bei der Nahrung: Gewisse Zusatzstoffe, Vitamine, sind als Ergänzung, wenn klug dosiert, förderlich. Sie ersetzen aber nicht die Hauptnahrung. Kippt das Verhältnis, wird's fatal.)

Im Seelischen und Geistigen kann die Virtualität das Eigentliche ebenfalls nicht ersetzen. Mag der Ausgebrannte, Abgestumpfte, Dumme es auch nicht wissentlich merken, er schwächt und kränkt sich. Das verschafft einer ganzen Armada von Therapeuten Aufträge, macht ihn aber nicht glücklicher, stärker, lebensfroher. Er ist wie ein Kranker, ein Süchtiger, der seine Dosis erhöhen muss, der seinem Ziel immer verbissener, verzweifelter nachrennt. Und dauernd nach effektiver Behandlung ruft seitens der Experten, der Therapeuten. Das schafft neue Abhängigkeiten. Das wirkt sich auf das gesellschaftliche Leben aus. Wir sind tagtäglich damit konfrontiert.

Die Welt sei grenzenlos. Es gäbe keine Fremde. Wir sind alle eins. Der übersteigerte Gleichheitsappell fordert seine Opfer. Der Irrweg dumm verwegener Apostel und ihrer Jünger, der Schafe in der Herde, führt zu einer perversen Leere, die virtuell nicht konvertiert, nicht aufgefüllt werden kann. Alte Rezepturen bieten sich vielen wieder an, Religionen, Parteien mit einem Extremprogramm, sektiererische Gruppen, die echte Gemeinschaft versprechen. Heimat.

Aber es sind für eine offene Gesellschaft untaugliche, gefährliche Ersatzeinrichtungen und Dienste. Sie sind der Emanzipation abträglich bzw. hinderlich. Sie führen zurück, obwohl modernst kommuniziert. Es müsste doch auffallen: trotz besserer Voraussetzungen als früher, bester technischer Einrichtungen und weltweiter, grenzenloser Kommunikationsmöglichkeiten sinkt das Bildungsniveau, hadern wir mit den Ergebnissen der Bildungsforschung (PISA) und beklagen eine wachsende Asozialität.
Was fehlt?

«Die Socialisten begehren für möglichst Viele ein Wohlleben herzustellen. Wenn die dauernde Heimat dieses Wohllebens, der vollkommene Staat, wirklich erreicht wäre, so würde durch dieses Wohlleben der Erdboden, aus dem der grosse Intellect und überhaupt das mächtige Individuum wächst, zerstört sein: ich meine die starke Energie. Die Menschheit würde zu matt geworden sein, wenn dieser Staat erreicht ist, um den Genius noch erzeugen zu können. (...) Der Staat ist eine kluge Veranstaltung zum Schutz der Individuen gegen einander: übertreibt man seine Veredelung, so wird zuletzt das Individuum durch ihn geschwächt, ja aufgelöst, - also der ursprüngliche Zweck des Staates am gründlichsten vereitelt.» (Friedrich Nietzsche)

Fehlt der funktionierende Staat? Nicht nur. Es fehlen die Gemeinschaften, die Bindungen, die Heimat ermöglichen und verbürgen. Es fehlt jenes Zuhause, das einen froh werden lässt, auch wenn die Arbeit mühsam ist. Das einen sich selbst werden lässt, ohne die andern deshalb zu ignorieren oder abzutun, abzuwerten. Weil, einer sozialen Vernunft folgend, die Richtigkeit des Austauschs nicht nur theoretisch gewusst, sondern praktisch geübt wird. Aber nicht nur virtuell.

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