Prioritäten

06.02.2011 Haimo L. Handl

In interessanten Zeiten, die immer unangenehme sind, wird es schwierig, für Kunst und Kultur Zeit und Aufmerksamkeit zu gewinnen, da Dringlichkeiten einen okkupieren oder, wenn man sich ihnen versagt, Schuldgefühle nisten und wachsen, man entziehe sich der Verantwortung.


Immer gibt es Wichtigeres. Mir ist ein altes Gleichnis eines Zenmeisters im Sinn, das von einem Mann berichtet, der einen Tempel bauen wollte. Doch da wurde seine Mutter krank und er half. Dann warteten unaufschiebbare Aufgaben; er half. Immer war akutes Eingreifen gefordert. Er stellte seinen Mann und half und werkte. Hat er versagt, weil er den Tempel nicht baute? Sein Werken und Wirken war der Tempel.

Vielerorts brodelt es, brechen Revolten sich Bahn, bringen alte Ordnungen ins Wanken. Auch in Europa und den USA liegt vieles im Argen. Doch dort sind die Mehrheiten noch bei der Stange gehalten, sind bequem in ihrer Abhängigkeit. Dort scheint, trotz übler Ausbeutung, raffiniert organisiertem Großbetrug, höchster Korruption, paralysierender Bürokratie kein Funke der Resistenz zu zünden. Dort zeigt sich ein befremdliches Einvernehmen mit den verbrecherischen Geschäftemachern. Weil die Grundversorgung noch funktioniert. Weil zu viele zu viel zu verlieren meinen, wenn sie sich erhebten.

Festspiele, Feiertage, Preise, Messen. Tourismus trotz Krise oder besonders wegen ihr. Der Markt floriert. Man lässt sich nicht abschrecken. Man will, was einem zusteht. Jeder für sich, alle gegen niemanden. So zementiert sich eine verlogene Gesellschaft und scheint unüberwindlich, unbesiegbar. Wann wird das Bild kippen, die Maske fallen und das System brechen?

Sollen wir weiter dümnmliche Helden von morgen heute schon beklatschen, soll die Bildungsmisere besonders an den Lehrern festgemacht werden, wie blöde Experten marktschreierisch reklamieren? Sollen dünne Romanchen hochaufgeputzt gepriesen werden, weil sie unterhalten? Sollen wir Managern danken für kleine Geldspenden, nachdem sie die großen Summen vorher eingeheimst haben? Sollen wir den Rechtsstaat, seine Justiz und lautere Polizei loben, weil Tierschützer endlich als Terroristen gejagt, gefangen, vernichtet werden? Sollen wir ob der Kabarettisten jubeln, die in staatlich subventionierten Einrichtungen ihre korrekte Kritik publikumsgerecht servieren? Sollen wir von Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre, der Kunst, schwätzen, während die ganz simple Freiheit enger und enger gefasst wird, und die Mehrheit in einer perversen Blockwartmentalität frohlockt Polizei spielen zu dürfen? Sollen wir den Fortschritt akklamieren, wenn nächstens wieder Zahnpastatuben im Flughandgepäck mitgeführt werden dürfen, falls noch präzisere Scanner die Totaldurchleuchtung bewerkstelligen? Sollen wir uns froh fühlen, weil das Private im Öffentlichen aufgeht? Sollen wir Stars bedauern und als Opfer beklagen, wenn die Medien, deren Liebkind sie für einige Zeit waren, plötzlich Flecken auf ihren weißen Westen monieren? Sollen wir uns im Opferkult bewähren, weil wir doch alle Sünder sind und die anderen die Täter? Oder beugen wir uns freiwillig als Täter und üben Selbstkritik und Selbstbestrafung?

Sollen wir die Bibliotheken säubern, damit die armen Schüler nicht unnötig belastet werden? Sollen wir Deutsch als Fremdsprache einführen und zum Pflichtprogramm machen, damit wir niemanden vor den Kopf stoßen? Sollen wir den Föderalismus abschaffen, weil er zu aufwändig ist, zu viel kostet? Aber sollten wir nicht gleich die Demokratie abschaffen, weil ein aufgeklärter Absolutismus so billig ist, wie kein anderes System? Sollten wir nicht die Reste von Bürgerrechten einsparen, weil sie missbraucht werden und stören?

Wann wird endlich, wie das Rauchen, auch der Alkoholkonsum verboten, der Fleischgenuss? Wann werden die Fast Food Buden geschlossen? Wann die Würstel- und Kebabstände? Wann übernehmen die anderen europäischen Staaten das vorbildliche Medienerziehungsprogramm der Ungarn, damit die Volksmentalität gesund und ausgewogen zu sich findet? Wann wird endlich aufgeräumt, gereinigt?
Ich fürchte, viele Stallknechte stehen schon bereit und wollen beweisen, dass sie den Stall ausmisten können. Sie haben ihre Vorbilder und Vorgeschichten. Und das Volk liebt solche Geschichten. Es schwelgt darin. Ein Funke kann zünden. Fragt sich nur, welche Lunte.

Wie der Zenschüler frage ich mich, wann ich ohne schlechtes Gewissen wieder von Gedichten oder Prosa reden, von Kunst und Kultur schwärmen darf, ob denn das Wichtigere als Dringliches nicht bald zurücktritt.

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