Leselust

13.02.2011 Haimo L. Handl

Kürzlich wurde eine kleine Studie einer Umfrage von 400 Österreicherinnen und Österreichern zu ihrem Leseverhalten vorgestellt. Wenig überraschend waren die Antworten, dass ca. 34% als «Vielleser» gelten, weil sie in einem Jahr 10 oder mehr Bücher lesen, 45% aber zu den Lesemuffeln gehören, die nur ein oder maximal fünf Bücher lesen. Trotzdem gaben 62% an, Lesen täte gut. Wie gut? Wem? Für sie als Schwachleser? Ebenso wird festgehalten, dass die elektronischen Medien bei den Jugendlichen dominieren und die Bücher dagegen einfach nicht ankommen.


Es gibt in Österreich leider keine aktuellen Studien über den Bekanntheitsgrad und die Nutzung öffentlicher Bibliotheken und Büchereien. Über den Wandel ihres Angebots und ihrer Dienstleistungen. Sonst könnte man vermutlich zeigen, dass die Lage ähnlich trist ist wie in einigen anderen Ländern. Natürlich misst sich das am Hintergrund, der Tradition. In einem Land wie unserem, in dem Bibliotheken und Geistesleben für die breite Bevölkerung nie bedeutungsvoll waren, wären solche Zahlen von anderer Bedeutung als z. B. in Großbritannien, das auf einen ganz anderen Bildungshintergrund der Vergangenheit verweisen kann, vor welchem der Abstieg, der seit den 1980erjahren massiv einsetzte, viel dramatischer zu Buche schlägt.

Dort wie hier zeigen sich jedoch Gemeinsamkeiten der Unbildung und Verbildung, der fast schon krankhaften Orientierung auf Events und Animation, auf «social activities». Büchereien mutieren zu Sozialzentren und übertrumpfen sich mit immer mehr Angeboten und Aufgabenerfüllungen, die ihrem eigentlichen, ursprünglichen Programm fern liegen. Bücher reichen nicht mehr aus. Lesen ist sekundär. Es gelten moderne Informationsvermittlung, Gruppenaktivitäten. Es gilt lärmende Betriebsamkeit.

Vorbei die Zeit, als in einer Bibliothek, ja auch Bücherei, Stille herrschte, als man noch sich ins Lesen vertiefen konnte. Die Jugendlichen von heute sind selbstbewusst laut, lärmen: Sie wollen alle an ihrer Unbekümmertheit teilhaben lassen. Sie lachen und grölen, reden laut, auch wenn sie nicht rufen, rennen herum, verständigen sich über Nichtigkeiten. Viele haben es nicht gelernt, sich auf sich selbst zurückzuziehen (weil da nichts da ist?), sich zu konzentrieren, zu vertiefen. Die meisten vertragen Stille nicht.

Demgegenüber gibt es Sozialprogramme des Staates, des Landes, der Gemeinde. Man ist froh, wenn Jugendliche in eine Bücherei kommen, auch wenn sie dort meist nur elektronische Medien konsumieren oder für die Hausaufgaben Material suchen, das sie nicht im Internet abrufen konnten. Leseförderungen gibt es auch. Die alarmierenden Berichte der Wirtschaft, dass viele Lehrlinge nicht schreiben und lesen können, haben einige Politiker wachgerüttelt. Aber zwischen Entziffern können und Lesen liegen Welten! Viele Leseförderaktionen orientieren sich, als spaßige Gruppenveranstaltungen projektiert, am Event, an der Gaudi, an der oberflächlichen, unterhaltsamen Informationsvermittlung. Infotainment & Edutainment. Aber immer «tainment», Unterhaltung. Spaßkultur eben.

Dass Lesen eine hochkomplexe Kulturtechnik ist, die man lange, lange einübt, wird damit übersehen. Es wird so getan, als ob es eine kleine, einfache technische Aufgabe sei, die man mit ein bisschen Motivation schon erfüllen könne. Weshalb man versucht zu überreden, es schmackhaft zu machen. Aber Lesen ist mehr.

Für mich ist die Umwandlung der Büchereien in lärmige Sozialzentren ein Symptom der verfehlten Bildungsmaßnahmen, der verratenen Kulturerfüllung. Auch in der Bildung richten wir uns nicht mehr auf die heranwachsende Persönlichkeit, ihre Bildung, sondern auf Vermittlung von Fertigkeiten. Es geht vornehmlich um «skills», um die gezielte Aufgabenerfüllung in der Wirtschaft. Da braucht es kein sich Vertiefen, keine solitäre Beschäftigung. Da braucht es Teamwork.

Aber gutes, intensives Lesen ist nun einmal selbstbezogen, solitär. Es ist keine soziale Aktivität in der Gruppe. Nach dem egoistischen, selbsttätigen Lesen kann in der Gruppe kommuniziert werden. Das gemeinsame Lesen in der Gruppe ist davon unterschieden; aber auch das wird nicht mehr so gepflegt, dass es die Teilnehmer anspricht.

Lesen ist Arbeit. Da für die meisten Arbeit eine negative Bedeutung hat bzw. nur mit Mühsal und Last assoziiert wird, empfinden sie lesen als Belastung, als lästig. Jedenfalls kein Spaß. Also lernt man nur soviel, als man unter Druck muss. Man wird nicht zum Leser. Es reicht, wenn man entziffern kann.

Viele jener, die mehr als zu entziffern vermögen, sind dennoch keine Leser. Lesen bedingt einen wachen Geist, ein hohes Vorstellungsvermögen, eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Alles Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft kaum gepflegt, wenig geschätzt werden. Trotz anderslautender Politik! Trotz Lesefördermaßnahmen. Die Politik, besonders im Bildungsbereich, ist verlogen - und kurzsichtig.

Manche sehen im Hypertext übers Internet die neue Lesekultur sich entwickeln. Was früher im Buch Fußnoten waren, sind heute Verweise (Querverweise, obwohl sie nicht nur quer verweisen), die nicht nur schriftliche Anmerkungen und Ausführungen sind, sondern neben Textkorpora Filme, Musikaufführungen, schematische Darstellungen liefern. Die den primären Text gezielt erweitern, die die Textebenen vervielfachen. Solch eine «Lektüre» verlangt aber noch mehr Arbeit. Und, vermute ich, sie wird umso mühsamer, als so ein Hypertextarbeiter unbedarft ist, wenig weiß.

Wenn die Nennung eines Mythos, einer geschichtlichen Figur, einer Type oder eines Charakters nicht gekannt wird, hilft der Verweis nur dann, wenn er sinnvoll in ein Wissensgefüge integriert werden kann. Es muss auch an diesem Gefüge gearbeitet werden, weil die Informationseinheiten erst durch die Verbindung Bedeutung gewinnen. Können die Verbindungen nicht oder nur sehr oberflächlich hergestellt werden, sammelt man Daten, schafft aber kein Wissen. Es wird tatsächlich mühselig. Es kann sich keine Leselust einstellen.

Auf eine Problematik, die trotz modernster Medien das Problem nicht löst, es sogar steigert, weist der Joyce-Forscher Fritz Senn: «Es trifft zwar zu, dass man heute einen gewissen humanistischen Bildungshintergrund oder auch die Vertrautheit mit biblischen und religiösen Themen nicht mehr unbedingt voraussetzen kann; ab er das Erste wäre ja eigentlich, dass sich die Leser einfach einmal im Werk umsehen. Da stellt sich dann das Problem, das wir - oder zumindest die sich gebildet Wähnenden - es nicht aushalten können, wenn wir etwas nicht verstehen. Dabei ist das Nichtverstehen ja nicht die Ausnahme, sondern die Norm im Leben. Da gilt es, mit etwas Geduld erst einmal auf dem aufzubauen, was man weiß.» Jedoch: «Heute hat ja eigentlich niemand Zeit». («Zuschauen, wie die Sprache denkt», NZZ 29.1.2011)

Zeit für Lesen, Vertiefen, Denken. Leselust ist nicht simpel Spaß. In der Spaßkultur gelten andere Maßstäbe. Da hilft auch Hypertext und Internet nicht unbedingt weiter, weshalb viele, trotz modernster Medien, un- oder halbgebildet bleiben.

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