Beschleunigungen

27.02.2011 Haimo L. Handl

Beschleunigung ist kein neuer Faktor der Lebenssteigerung, der Produktivitätserhöhung und der Profitmaximierung unsrer Zeit. Beschleunigung wirkte, als Maschinen systematisch eingesetzt wurden und Messinstrumente erfunden worden waren. Ohne leichte Chronometer wäre nicht nur die präzise Zeitmessung nicht durchführbar gewesen, sondern auch die drillhafte Ausrichtung und Einpeitschung der Sklaven nicht. Pünktlichkeit und Disziplin sind Begleiterscheinungen des Industrialisierungsterrors, dieses grausigen, blutgetränkten Bodens unseres Fortschritts.


Im Zuge sozialer, gesellschaftlicher Umwälzungen, provoziert und erzwungen vom technischen Fortschritt, übernahmen die Maschinen mehr und mehr Arbeit. Es sah aus, als ob der Einzelne Zeit gewänne. Doch es scheint, als ob der Geschwindigkeitswahn sich ins Psychische und Mentale übertragen habe. Auch dort, wo kein «Sachzwang» herrschte, regierte nervöse Unruhe. Der Wandel der Zeit und Verhältnisse drückte sich auch aus im Wandel der Begriffe, Werte und Orientierungen.

Autoritäten waren gestürzt, neue versuchten sich zu behaupten, Unsicherheit herrschte: es gab keine Beständigkeit mehr, keine (vermeintliche) Sicherheit. Es galt das Wort nichts mehr, es herrschte wachsendes Misstrauen. In den Städten wuchs die Anonymität, degradierte sich der Unterschichtler zum Bodensatz, zum billigen Menschenmaterial, das bald in den Kriegen als erstes zerschlissen werden sollte.

Der Fortschritt verführte auch. Die neuen Reisemöglichkeiten eröffneten nicht nur höhere Geschwindigkeiten, sondern damit auch die Überbrückung weiter Distanzen in kürzerer Zeit. Arbeitsrhythmen passten sich an. Akkorddenken kannte nur noch Mindestregenerationszeiten, scharf kalkuliert.

Man gönnte sich Urlaube, organisiert wie Arbeit, um den Rhythmus, in den man nun einmal sich gefunden hatte, nicht zu missen. Ein Heer von Servicepersonal, später Animateure genannt, berufsmäßige Verführer, Kuppler und Prostituierte, half, den Arbeitsrhythmus ins vermeintlich Private zu verlängern. Alles wurde Arbeit zur Mehrwertleistung. Nach Kalkül. Scharf bemessen.

Die Intervalle verkürzten sich, die negativen «Begleiterscheinungen» nahmen zu. Da zu viele zu gleichen Zeiten sich massenhaft bewegten, gab es riesige Staus, enorme Zeitverluste. Auch die Züge waren überfüllt. Man verlor Zeit und Geld. Das erhöhte den Stress. Der musste durch spezielle Angebote am Zielort abgebaut werden. Das verschaffte den Dienstleistern neue Arbeit, mehr Einkommen. Zugleich festigte es die Kundenbindung, verstärkte das Image des Landes und seiner herausragenden Firmen, die sich freundlich um die Kunden kümmerten.

Trotzdem konnte man eine zwar langsam, aber unaufhaltsam wachsende psychische Beschädigung weiter Teile der Wohlstandsgesellschaft nicht mehr länger leugnen. Anfänglich wurden die «Psycherln» als Simulanten oder übersensible, leicht reizbare Sonderfälle abgetan. Aber die Fälle nahmen zu. Das erlaubte endlich, nach dem Vorbild der USA, die vielfältigen psychologischen Dienstleistungen im Krankheitssystem zu verankern, zu professionalisieren. Sobald es einerseits nicht mehr anrüchig war, deprimiert zu sein oder fehlfunktionierend bzw. gar nicht mehr funktionierend (burnout), andererseits die bornierte Ausrichtung auf Experten den Therapeuten einen ungeheuren Vertrauensvorschuss lieferte, konnte eine neue Industrie sich etablieren. Sie war so erfolgreich, dass die Zahlen der Kranken und Bedürftigen enorm gestiegen ist. Dabei profitierten nicht nur die Therapeuten, sondern auch die Pharmaindustrie, die zwecks Zeitersparnis und Beschleunigung der Behandlungszeit, immer bessere Arzneien auf den Markt brachte.

Mehr und mehr Kinder klagen über Schulstress. Fast alle Eltern über Elternstress. Unternehmer über die schlechte Ausbildung und damit die verzögerte Einsatzmöglichkeit als produktiver, profitbringender Faktor. Erhöhte Nebenkosten zeigen sich. Die Kleinfamilien haben nicht die Mitglieder und den Platz für Pflege. Es bedarf einer neuen Berufsschicht. Viele Eltern haben nicht die elementarsten Kenntnisse für ihre Elternschaft. Das ruft nach Begleitung und fallweisen Interventionen seitens eigener Sozialeinrichtungen. Das wiederum schafft Konflikte mit der persönlichen Verantwortung. Wer darf was weshalb oder wer muss was wann? Hier kommt ein eigentümliches Gleichheitsdenken ins Spiel. Nachdem Begabungen und Talente noch nicht gleichwertig verteilbar sind, die Natur sozusagen unmoralisch ungerecht ihre Pfründe verteilt (und ein Züchtungsprogramm derzeit, bei uns zumindest, aus verschiedenen historischen Gründen tabu ist), müssen soziale Maßnahmen ausgleichen. Was die Eltern nicht schaffen oder erst gar nicht wollen, muss über staatliche Einrichtungen erwirkt werden: verpflichtende Vorschule, mehr psychologische Betreuung. Vor dem konsequenten Schritt staatlicher Schulen wie bei den Chinesen oder früher bei den Bolschewiki, scheut man sich noch. Aber eigentlich wäre man froh, man könnte den Eltern was vorschreiben. Alles zum Wohle der Kinder. Für unsere Zukunft.

Eltern sind Wähler. Viele Eltern sind überfordert. Aber sie sind immer noch Wähler. Und Kunden. Und Arbeitende. Ähnlich wie in der Arbeitssituation braucht es ein Schulungs- und Kontrollwesen, das sie korrekt lenkt. Und das ihnen auf keine Fall offene Forderungen stellt, ihre persönliche Verantwortung anspricht. Immerhin ist es ein Grundrecht, Eltern werden zu dürfen. Also konzentriert sich die Kritik auf die Lehrerschaft und Schule. Die stellen zwar auch Wähler dar, aber weniger. Und sie sind seit der Autoritätskrise prädestiniert als Sündenböcke. Denn sie sind hauptschuldig.

Was hat das mit Geschwindigkeit und Beschleunigung zu tun? Sehr viel. Das allgemein hohe Tempo beeinflusst fast alle Tätigkeiten. Und, über Dauer gepflegt, auch Einstellungen und Wertorientierungen. Das drückt sich in der Verbindlichkeit oder Unverbindlichkeit aus, in der Sorgfalt oder ihrem Gegenteil, in der einfachen, reduzierten Sprache, die leicht und schnell übers Smartphone getwittert wird. Das engt den Blick aufs vermeintlich Wesentliche. Das erlaubt keine Elaborationen, keine Komplexitäten. Diese derart ausgerichtete Kultur fällt zurück auf das einfache Niveau von «ja, ja» versus «nein, nein». Immer mehr Nuancen, Graduierungen, Abstufungen, Schattierungen gehen verloren, werden übersehen, missachtet. Denn es kostete zuviel Zeit. Wozu, wenn es einfacher geht. Vor allem schneller. Time is money.

Die Kurzsprech führt zu Kurzdenk bzw. Kurzdenk verlangt nach Kurzsprech. Das schafft klare Verhältnisse. So vertieft sich die Abneigung gegen die wenigen Intellektuellen, die sich noch trauen als solche aufzutreten. So verhilft das massenhafte Parieren populistischen Politikern. So erstarken Kirchen, besonders intolerante, deren einfache Traditionen mit ihren kruden Rechtsvorstellungen den geplagten, gestressten Pseudomodernen Sicherheit bieten. So wie früher, als bei uns Blut und Boden das liefern sollte, was die Moderne weggenommen hatte. Mit dem Unterschied, dass heute viele Gutmenschler diesen neuen Vereinfachern zusprechen, weil ihr Wischi-Waschi-Kulturverständnis das diktiert: wir sind ja so multikulturell.

Reifung braucht Zeit. Der Winzer, der das abkürzt, manipuliert chemisch, um in kürzer Zeit ein ähnliches Ergebnis zu erzielen. Im Sport bedarf es meist langen Trainings. Der Sportler, der das abkürzt, dopes. Und jene, die sich schnell einen wissenschaftlichen Titel holen, kaufen halt die Arbeit. Immer liegt dahinter das Bedürfnis, mit weniger Aufwand (an Mittel, Zeit, Energie) das Ziel zu erreichen. Der Betrug wird just durch die allgemeine Orientierung gefördert. Wen überrascht es, dass die Jungen nicht zu überzeugen sind, Wissen oder Qualifikation, als höhere oder bessere Bildung, sei Bedingungen und Voraussetzung für Erfolg? Sind doch die führenden Manager nicht gerade Bildungsgrößen bzw. oft und öfter in kriminelle Machenschaften verwickelt, die offenbar zu ihrer Profitmaximierung dazugehörten. Bei den Politikern sieht es noch desaströser aus. Hier scheint die Un- bzw. maximal Halbbildung eine Vorbedingung für Erfolg zu sein.

Wir warten nicht ab, bis die Früchte und das Gemüse bei uns wächst Wir ordern aus dem Süden. Man will ja jetzt Brombeeren oder Trauben. Die Gentechnik hilft, ganze Pflanzenfabriken unabhängig der Böden und Klimazonen zu betreiben. Kostet zwar ein bisschen mehr Energie, ist aber erfolgreich, deckt mehr und mehr Bedarf.

Den Klimaveränderungen wird mutig mit neuester Technik begegnet: man stellt riesige Schneekanonen auf und verbraucht Wasser und Strom im Ausmaß mittlerer Städte. Wir haben es ja. Energieverschendung? Nein, es hält das Wintertourismusgeschäft am Laufen.

Die Einübung in die Beschleunigung erfolgt bei den Jüngeren auch über Daueraussetzen an Industrielärm, der, rhythmisiert, als Musik gehört wird. Das schädigt nicht nur das Hörvermögen, sondern richtet auch mental ab: sie üben sich ein in jene zuckenden Wesen, die nächstens wieder zerschlissen werden, weil's so profitabel ist (für andere).

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