Kavaliersdelikt und Intriganz

06.03.2011 Haimo L. Handl

Die Plagiatsaffäre des Schummelbarons zu Guttenberg hat schließlich zu dessen Rücktritt als Verteidigungsminister geführt. Viele bedauern das, vor allem die Kanzlerin, und sprechen von überzogenen Intrigen. Aber, es bleibt Fakt: Auch wenn übertrieben intrigant aufgedeckt und angeprangert wurde, die Vorwürfe haben sich als wahr und stichhaltig erwiesen. Das Fokussieren auf die Hintergründe der Aufdecker oder Ankläger soll nur den eigentlichen Kern, um den es geht, übertünchen.


Ähnliches wird in Österreich praktiziert. Was in Deutschland stramme CSUler und CDUler sind oder Aristokraten, Schön- und Gutmenschen, sind bei uns ähnliche Typen, jedoch bereichert durch Vertreter der Kunstszene. Peter Noever ist zurückgetreten. Die Vorwürfe, spät genug öffentlich gemacht, sind nicht als bloße Intrigen wegzuwischen. Die Faktenlage ist klar, Noever zog in letzter Minute die Konsequenz und zahlte über 200.000,00 Euro auf ein Treuhandkonto als Schadensersatz.

Und was leisten bekannte, herausragende Künstler und Vermittler? Sie mutmaßen bzw. behaupten Intrigen. Diesmal sind es die bösen Grünen. Der konservative Katholik, früher als Schweinigler und Blutficker etikettierte Hermann Nitsch, jetzt ein anerkannter Künstlerhalbgott mit kleinem Museum in Mistelbach, ortet parteipolitische Intrige. Er kennt sich ja aus. Und der mondäne Direktor der Albertina, Klaus-Albrecht Schröder, sieht in der Affäre «eine Intrige der Grünen mit dem Ziel, die Museumspolitik der Ministerin zu diskreditieren».

Die Herren, beide verwöhnt mit Aufmerksamkeit, Gloriolen und Finanzen, wollen sich kritisch zeigen. Aber sie demaskieren sich als Kollaborateure. Denn sie streuen Vermutungen in die Medien, die vom Eigentlichen ablenken sollen. Peter Noever hat sträflich gehandelt. Über das wahre Ausmaß wird eine Untersuchung, ein Gerichtsverfahren, Auskunft geben; Strafanzeige wurde erstattet. Keine Intrige hätte greifen können, wäre Noever, den man als erfolgreichen Macho sieht, der das verschlafene Museum wach geküsst habe, nicht unlauter, straffällig geworden.

Trotzdem schwätzen die Nitsch und Schröder von Intrigen. Sie kennen den Betrieb. Haben sie Angst, es könnte in der nun begonnenen Aufdeckerei Anderes zutage kommen? Auch wenn wir in naher Zukunft kein Austrian Wikileaks haben werden, das die Machenschaften des Verlierergewinners Schüssel mit seinen Leuten und denen der damaligen Freiheitlichen aufdeckt, bröckelt es für einige Günstlinge aus diesem Dunstkreis jetzt schon. Und dabei wird es, falls nicht stärker verhindernd interveniert wird, nicht bleiben. Auch in Kakanien kannn nicht alles, wie früher, unter sich bleiben. Partnerschaftlich, bewährt. Österreichisch eben. So rumort es wegen der Salzburger Olympiaaffäre, die sicher nicht nur eine wegen gemeiner Intrigen ist. So wird es um Grasser etwas enger, obwohl die wirklich großen Brocken noch gar nicht angetastet wurden (und nicht werden!). Aus der Abzockzeit der Schwarzblauen warten noch viele Verschiebereien, Begünstigungen und dergleichen, typisch für eine Klientelpolitik, auf ihre Aufdeckung. Intrigen?

Den Verdachtsmomenten ist nachzugehen. Bisheriger guter Ruf ist kein Blankoscheck. In London ist jetzt der Direktor der London School of Economics and Political Science, Sir Howard Davies, zurückgetreten, nachdem frühere Kritik an der Doktorarbeit des Ghadhafi-Sohns Saif al-islam aus dem Jahre 2008 nun zu einer Plagiatsprüfung wegen des Verdachts führt, sie sei von einem Ghostwriter geschrieben worden. Geld hat dieser Staatsterroristenclan ja genügend. Und interessanterweise, faktisch belegt und nicht intrigant gemutmaßt, akzeptierte die berühmte Londoner Universität ein Jahr nach der Promotion des berühmten Studenten eine Spende in der Höhe von 1,5 Millionen Pfund der Ghadhafi Intern. Charity & Development Foundation. Und zufällig zweigte sich Sir Davies 50.000,00 Pfund als Beratungshonorar ab für eine Beratung aus dem Jahr 2007. Jetzt nahm der nette Herr seinen Hut. Ein Intrigenopfer?

Mit der Logik unserer berühmten Verschwörungstheoretiker Nitsch und Schröder sicher. Mit der Logik der Fakten gerade das Gegenteil.

Wann werden wir in Österreich jene Fakten öffentlich vorliegen haben, die das Vertuschen, Nichthandeln, verunmöglichen? Auch wenn die Beweggründe für Aufdeckung Rachegelüste oder Wut sein mögen: wenn die Fakten stimmen, sollen sie gelten und entsprechend gewürdigt werden. Alles andere wäre Beugung, Unrecht.

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