Po zakonu - Nach dem Gesetz

Lev Kulešovs Adaption von Jack Londons Erzählung «The Unexspected» zählt zu den Meisterwerken des Stummfilms. Nach einem Doppelmord in den abgeschiedenen Weiten des Yukon überwältigt ein Ehepaar den Mörder und beschließt ihn dem Gesetz auszuliefern. Doch in der Abgeschiedenheit zieht sich der Winter lange hin. In der Edition Filmmuseum ist dieser packende sowjetische Western aus dem Jahre 1926 auf DVD erschienen.
Ein Hund, vier Männer und eine Frau am Ufer des Yukon. Die Goldgier hat sie hierher gebracht. In einer kleinen Blockhütte haben sie sich eingerichtet. Schon beschließen sie abzureisen, da die Goldsuche erfolglos blieb. Da wird der Ire Jack, der eigentlich nur der Diener der anderen ist, fündig. Begeisterung bricht aus, doch bei Jack wächst bald der Ärger, hat er das Gold doch gefunden, muss aber trotzdem immer noch die Drecksarbeit verrichten und wird nicht am Gewinn beteiligt. So greift er zum Gewehr, kann zwei Gefährten töten, doch Fred Nelson und dessen Frau Edith überwältigen ihn.
Fred möchte ihn töten, doch die streng religiöse Edith drängt ihren Mann den Mörder dem Gesetz zu übergeben. Das aber ist im arktischen Winter weit weg und so fesseln sie Jack und halten ihn in der Hütte gefangen. Doch die Zeit zieht sich hin. Bei eisigem Sturm werden die Leichen der beiden Ermordeten begraben, dann kommt die Schneeschmelze, die die Hütte halb überflutet, schließlich der Frühling. Mehrfach bittet Jack darum doch getötet zu werden, doch Edith erinnert an das Gesetz, bis schließlich auch sie nachgibt. Dem Iren Jack wird im Namen der Königin Victoria der Prozess gemacht und anschließend wird er an einem Baum aufgehängt.
An Stroheims zwei Jahre zuvor entstandenen «Greed» (1924) lässt dieser «Western», der als Monolith in der sowjetischen Filmlandschaft der 1920er Jahre steht, in der Beschreibung der Gier des Quintetts ebenso denken wie durch Alaska als Schauplatz und den Goldrausch von 1896/98 als geschichtlichem Hintergrund an Chaplins «Gold Rush» (1925). Im Gegensatz zur ausführlichen Handlung, die sich bei Chaplin und Stroheim findet, drängt Kulešov aber permanent nach Prägnanz und Verknappung.
Meisterhaft ist «Po zakonu – Nach dem Gesetz» (1926) zunächst einmal in der Engführung des Raumes, in der Beschränkung auf einen abgeschiedenen Landstreifen am Yukon, einen huit clos. Zwischen grandiosen Totalen der weiten Landschaft, in der immer wieder Stürme toben und in deren Öde und Härte sich quasi die Härte der Menschen spiegelt, und engen Innenszenen, in denen expressive Großaufnahmen dominieren, pendelt der Film. Auf ein Minimum reduziert ist aber nicht nur der Ort der Handlung, sondern sind auch die Handlung selbst und die Figuren.
Mit wenigen Einstellungen wird das Goldgräber-Quintett am Beginn vorgestellt, wird vor allem die Religiosität der Frau mit einer Bibel oder einem Gebetsbuch immer wieder herausgestrichen. Geht es zunächst nur um die Goldsuche, so geht es nach dem Mord nur um Bewachung des Verbrechers. Keine Hintergründe erfährt man, keine Neben- und Vorgeschichten gibt es. Gerade in dieser Konzentration auf das Notwendige entwickelt «Po zakonu» Dichte und durchschlagende Kraft, die durch die neue elektronische Musik des oberösterreichischen Musikers Franz Reisecker noch verstärkt werden.
In starkem Kontrast zu diesem existentiellen Drama über Verbrechen und Strafe, über die Fragwürdigkeit von Rechtssprechung, die ja eine Tat nie rückgängig machen kann, steht das 18-minütige Fragment von «Vaša znakomaja» («Ihre Bekannte», 1927), das sich ebenfalls auf der DVD findet. Im Gegensatz zur Einöde von «Po zakonu» stehen hier Großstadtbilder am Beginn, wird ohne Überblick zu bieten mit Detailaufnahmen ein Eindruck von der Hektik des Großstadtlebens vermittelt, ehe von einer Journalistin erzählt wird, die sich in den Falschen verliebt und ihren Job verliert.
Ausschnitt aus «Po zakonu»
