Verbindliche Identitäten

13.03.2011 Haimo L. Handl

Kürzlich las ich die Klage eines Musikredakteurs, dass es heute immer schwieriger werde, aufgrund der Stimme auf die Ethnie des Interpreten zu schließen. Schwarze klingen nicht mehr wie Schwarze, das heißt, ihr Stimmbild weist nicht mehr die Gruppencharakteristika auf, die wir kennen, die wir relativ sicher zuschreiben können. Das wiederum kann nur bedeuten, dass der individuelle Stimmausdruck den kollektiven überwiegt.


Es ist wie mit den Sprachen und Sprechweisen: Wenn jemand akzentfrei spricht, und es sich nur mehr zuordnen lässt: korrektes Französisch, nicht aber, welche Region etc., kann das einerseits als hohe Qualität verbucht werden, andererseits als Verlust der Eigenheit, der Lokalfärbung.

Bühnendeutsch war früher das Mittel, um die Lokal- und Dialektfärbungen zu überwinden zugunsten eines Deutsch, das überall gleich gut in bester Qualität verstanden werden konnte. Heute scheint der Herkunftsausweis gefordert.

Ähnlich wie der Musiker, dessen Hautfarbe schon in der Stimme abgebildet sein muss, soll man auch hören, von wo (räumlich und sozial) einer kommt. Recht widersprüchlich in Zeiten sonst ungehemmter Globalisierung, wird also auf Merkmale gesetzt, die man vor gar nicht langer Zeit den Rassisten und Determinierungsjüngern anlastete und kritisierte.

Ist ein hochwertiger Roman doch nicht so gut, wenn er nicht sofort einem nationalen Hintergrund zuzuordnen ist? Muss ein Japaner japanisch schreiben und ein Österreicher österreichisch, im Sinne von unverwechselbarem Kolorit bzw. eigentümlicher Stofffärbung? Was, wenn ein Österreicher wie ein Japaner schreibt und ein Chinese wie ein Amerikaner? Welche Kriterien gelten verbindlicher? Weshalb?

Kultürlich fließen in die Sprache eines Autors jene Werte ein, in deren Feldern und Umfeldern er sich hauptsächlich und über Dauer bewegt. Die Umwelt ist die Welt und die formt. Aber nicht fix und direkt und gleichwertig. Die Wertschätzung des Individuellen kollidiert gerade im Kulturbetrieb relativ rasch mit altertümlichen Kollektivvorstellungen. Die Erwartungen, eine Inderin, eine Chilenin habe anders zu schreiben als eine Finnin oder Britin, gründen auf wenig hinterfragten, aber fragwürdigen Prämissen. Das geht weit über die alte, leidige Frage von Nationalliteraturen hinaus.

Wir leben in Zeiten, in denen, bei uns zumindest, die Staaten extrem dereguliert wurden, die Großkollektive wenig gelten, das Individuelle stark betont wird. Im Gegensatz dazu unterwerfen sich viele Individuen und lassen es zu, dass ihre Leistung primär unter dem Nationaletikett subsummiert werden. Sie selbst als Person sind zweitrangig. Im Sport ist das «normal» - und alle freuen sich am Riesengeschäft.

Fast möchte man meinen, auch in anderen Kulturbereichen soll dieser Nationalchauvinismus etabliert, gefestigt und ausgebaut werden. Zwar betont man das Individuelle, aber nur ganz spezifisch. Generell rangiert die Nation, das Kollektiv vorne an erster Stelle. Es scheint den Kurzdenkern die Orientierung zu erleichtern. Sie kommunizieren mit Metonymen und leisten sich den falschen Luxus, diese nicht mehr zurückzuführen. Die klischierte Kommunikation betrügt, aber der Betrug ist ertragreich.

Dieser Haltung kommt die Industrie, vor allem die Bewusstseinsindustrie, mit ihren pseudoindividuellen Produkten entgegen. Mit Dienstleistungen, die das Individuelle scheinbar ansprechen: Sie, ja Sie ganz persönlich, kochen als Chefköchin Ihr ganz persönliches Menu mit dem neuen Produkt von Mexi oder Knoxi. Oder: Wer nicht selbst Persönlichkeit genug ist, der darf sich Düfte verpassen, die ihn zum Anziehungsmagnet verwandeln, als ob er eine charismatische Persönlichkeit wäre, als ob er Ausstrahlung hätte. Doch, er kriegt sie, seine ganz persönliche, halt von Ixe oder Uxe. Was soll's, so lange die Schwachen, Dummen und Unteren als kaufkräftige Konsumenten das Feld bestimmen, formt die Industrie die Nivellierung und Ausrichtung in einen neuen Kollektivismus, der schlimmer ist als einer der früheren, weil kaschiert, verdeckt. Das genuin Eigene kann sich ohne kollektiven Ausweis nur sehr schwer behaupten. Bald wird es außer Konkurrenz laufen und dann weg sein.

Die Naturwissenschaften sind noch der einzige Bereich, wo das Nationale oder Ethnische keine Faktoren darstellt. Mathematik, Physik, Biologie oder Chemie werden nach denselben Kriterien betrieben, ganz gleich, ob von Indern, Deutschen, Amerikanern oder Japanern.

Wenn der negative Trend aus den Kulturen (Religion, Literatur, Musik, Sport) an Intensität zunimmt, könnte bald auch in den Naturwissenschaften wieder das Ideologische, Rassische, Ethnische, Nationale zum Faktor werden, was einen schrecklichen Rückfall bedeutete.

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