Grands sentiments

20.03.2011 Haimo L. Handl

Die durch das Erdbeben in Japan ausgelöste Nuklearkatastrofe zeigt nicht nur die eingeübte Täuschung auf, Atomenergie sei sicher und «friedlich», sondern auch die schiere Unmöglichkeit, mit der hausgemachten, konstruierten und programmierten Katastrofe adäquat umzugehen. Ganz gleich, wie man reagiert, es scheint immer falsch: zu verzweifelt, zu gefühlsduselig, zu moralisch, zu nüchtern, zu politisch oder ökonomisch räsonierend, zu borniert und dumm, zu abstrakt und selbstvergessen, zu wütend und zornig, zu leise.


Opfer, die das Überleben aus dem Tsunami geschafft haben, werden vor die Kameras gezerrt. Der überflüssige, peinliche Kommentar erklärt redundant, was hörbar, offensichtlich ist: Es fehlen die Worte. Sie fehlen nicht den vielen Schwätzern. Die sich gleichenden Meldungen, inflationär wiederholt, bewirken das Gegenteil von Information und Informiertheit. Sie stumpfen ab, sie beweisen eine trügerische Stetigkeit, sie wiegen in falschem Glauben. Sie führen sogar dazu, dass Enttäuschung sich bei einigen einstellt, weil das AKW immer noch nicht explodiert ist wie in Tschernobyl, weil der GAU noch kein SUPERGAU wurde, weil es nicht so schlimm scheint, wie es sein müsste, nach allem, was man sah und hörte.

Die Gier nach Neuem, nach neuester Information ist oft wie ein Drogenrausch, der nach stärkeren Reizen verlangt. Es verschieben sich die Wahrnehmungsbereiche, ihre Erkennbarkeit und die Fähigkeit der differenzierten Realitätenerkennung. Angst- und Wunschbilder, Zorn, Wut und Rachegefühle vermengen sich mit Kalkül und letzten Fetzen von Vernunft. Einerseits hat man es immer gewusst, andererseits verkraftet man die Wahrheit nicht, die simple Wahrheit der Unsicherheit, des möglichen Versagens. Viele sehen endlich die Strafe Gottes, frohlocken und wollen mehr, wollen den Untergang, um ins Himmelreich zu kommen. Aber die meisten schwächen ab. Ist ja weit weg. Man soll nicht übertreiben. Bei uns kann das nicht geschehen. Bei uns ist alles sicher. Bei uns in Europa gibt es keine Tsunamis, und die Erdbeben sind schwach. Dass Tschernobyl barst ohne Tsunami und Erdbeben, wird nicht weiter bedacht. War halt sowjetische Technik. Unsere ist besser. Auch unser Personal ist besser. Alles ist besser.

Umgekehrt sind die Menschen in unseren Breiten so mitleidend, so human, dass sie helfen wollen. Als ob Japan finanziell arm wäre, als ob Japan der Güter aus dem fernen Ausland bedürfte, die es, allein aus extremen Problemen der Logistik, nicht in seine Katastrofengebiete zu schaffen vermag. Aber all das gilt nicht: Es werden neben Geldsammlungen Handschuhe, Toilettenpapier und Benzinkocher versandt. Einige fragten, ob man nicht hektoliterweise Blut senden solle oder Decken oder Sprit. Die Dimensionen haben sich verschoben. Japan erlebt eine schreckliche Katastrofe, die zum schlimmeren Teil hausgemacht ist. Keine Sachspende ist nötig. Was nötig ist, kann durch Spenden nicht geliefert werden. Das zeigt, dass das Spenden als Entlastung der Spender wirkt. Sie meinen, sie müssten unbedingt helfen und überlegen nicht, welche Hilfe Hilfe sein könnte.

Man stelle sich vor: In der drittreichsten und potenten Weltwirtschaftsgesellschaft teilt sich das Leben momentan in drei Zonen: Katastrofenzone Nordjapan, Gefahrenzone Raum Tokyo, Normalzone Süden. Und bei uns meinen Leute, Japan sei wie in Zone 1 kaputt. Senden Kaugummi und Taschentücher. Ein absurdes Theater.

Dass mit Spezialisten geholfen wurde und wird, ist klar und dankenswert. Auch mit Spezialausrüstungen und dergleichen. Aber der mediale Hilfszirkus, der reflexartig anspringt und in der Medienweltarena durchläuft, ist peinlich.

Die Sprachlosigkeit der meisten Opfer korrespondiert zu jener, die den tiefen Betrug, die gemeine Täuschung verstehen und merken, dass noch so viel Information, noch so viel Analyse nicht hilft, die tödliche Politik und Wirtschaft, die sich in der «friedlichen Nutzung» der Atomenergie äußert, zu stoppen. Es sind Minderheiten die das Ding beim Namen nennen und fordern damit aufzuhören. Sie werden als Sentimentalisten, als Suderer, als Geängstigte der Moderne, als Technikfeinde, Maschinenstürmer hingestellt.

Gelobt werden die nüchternen Wissenschaftler und Manager sowie Politiker, die verantwortlich die Energieversorgung besorgen. Tonnenweise werden Belege für die unabdingbare Notwendigkeit der Nutzung atomarer Energie verbreitet. Aber die einfachen Rechnungen, die belegbar ausweisen, dass Atomenergie unverhältnismäßig teuer ist, unabhängig von der nachhaltigen Gefahr, werden negiert. So einfach ist das nicht. Aber das Nichteinfache der Macher, der Profiteure sei es? Ja, denn es verbürgt den Fortgang des Geschäfts.

Die meisten folgen einer falschen Angst. Viele geben sich mutig und sind nur dumm. Doch was sollen mehr Worte? Es fehlt weder an Wissen, noch an Informationen. Es fehlt an Vorstellungsvermögen und Verantwortlichkeit. Man schämt sich beinahe, immer noch auf Vernunft und vernünftige Kommunikation zu hoffen. Es scheint sich zu wiederholen. Man wird zum Außenseiter degradiert, der sich über die Vergeblichkeit des Denkens und Redens nicht mehr wundern darf und zugleich im Schweigen keine Ruhe findet.

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