Koma

29.03.2011 Walter Gasperi

Was schwelt unter der kleinbürgerlichen Idylle? Alles scheint intakt im Leben des Taxifahrers Hans, der gerade 50 wird. Doch Hans steigt aus diesem geordneten Leben aus. – Im besten Sinne sperrig ist Ludwig Wüsts Film, wortkarg und fragmentarisch, aber gerade in der irritierenden Erzählweise lange nachwirkend.


Der in Bayern geborene Ludwig Wüst lebt seit 1987 in Wien, arbeitete als Autor, Regisseur und Schauspieler an Theater und Oper. 1999 begann er sich dann auch intensiver mit Film zu beschäftigen, und nach einem kurzen und drei mittellangen Filmen entstand 2009 ohne Förderungen und mit minimalem Budget sein erster langer Spielfilm. Technische Perfektion kann man folglich kaum erwarten, manchmal unscharf und alles andere als sorgfältig ausgeleuchtet sind die Einstellungen, aber gerade durch dieses Rohe und Unperfekte entwickelt «Koma» in Kombination mit Wüsts radikaler Erzählweise eine lange nachwirkende verstörende Kraft.

Zunächst könnte man meinen, dass Wüst eine heile Welt schildert. Ein Paar sitzt ruhig auf einer Parkbank, doch gleich werden diese Bilder auch schon durch ein Video unterbrochen, in der eine Frau in einer sadistischen Sexszene mit einem Stock brutal geprügelt wird. Immer wieder unterbrechen Bilder dieses Videos, bei dem der Täter nie klar zu erkennen ist, die eigentliche Handlung. Auf dieser Ebene verabschiedet sich Taxifahrer Hans am Morgen seines 50. Geburtstags von seiner Frau. Mit ihr und dem halbwüchsigen Sohn Daniel wohnt er in einem Einfamilienhaus in einer Kleinstadt in der Nähe von Wien.

In der Abwesenheit des Mannes bereitet die Frau eine Gartenparty vor. Nachbarn, Verwandte und Bekannte kommen, nur der Jubilar bleibt aus. Doch nicht die Arbeit hält ihn von der Heimkehr ab, keine Kunden hat er, sondern fährt an einen Fluss, denkt nach und raucht. Im titelgebenden Koma scheint sich Hans zu befinden, ohne Orientierung und ohne Antrieb, gefangen in einem Leben, das nur noch Fassade ist.

Als er spätabends doch nach Hause kommt, ist das Fest längst vorüber. Emotionslos mampft er ein übrig gebliebenes Kuchenstück, öffnet lustlos die Geschenke, unter die versehentlich eine vom Sohn gebrannte DVD des Sex-Videos geraten ist. Den Kontakt mit der Frau vermeidet er, bereitet einen Selbstmordversuch vor, gibt diesen Gedanken dann aber doch auf, und verlässt nach einer kurzen Konfrontation mit dem Sohn Haus und Familie, um die Frau im Video zu suchen.

Ist schon die Geschichte ziemlich extrem, ist es die formale Umsetzung noch umso mehr. Das kleinbürgerlich-vorstädtische Milieu und die ausführliche, quasidokumentarische Schilderung des Gartenfests erinnert an Ulrich Seidl, die Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne, sowie mit der Rolle der Medien an Michael Haneke.

An Meisterschaft kommt Wüst an diese freilich nicht heran, doch dafür übertrifft er sie an Radikalität. Wenig wird hier nur geredet, erfahrbar werden aber in den sehr langen Einstellungen die Risse in der kleinbürgerlichen Idylle. Da spürt man in der Statik der Bilder die innere Erstarrung der Figuren, in der Dialogarmut die Entfremdung und Kommunikationslosigkeit, in den aus der Horizontalen gekippten Bilder die Desorientierung, das Aus-dem-Lot-Geraten des Lebens, und in der fragmentarischen Erzählweise die Zerrissenheit von Hans.

Leichte Kost ist «Koma» sicher nicht, kein Feelgood-Movie, sondern ein sperriger und roher Film, verstörend weit über das Ende hinaus, bei dem der rohen Gewalt des Videos Zärtlichkeit und Fürsorge gegenübergestellt werden und trotz der großen Schuld, die Hans einst auf sich geladen hat, Erlösung und Trost möglich scheinen. – Mögen muss man dieses Langfilmdebüt sicherlich nicht, aber so schnell vergessen wird man es auch nicht und gewiss ist auch, dass «Koma» in seiner Radikalität in der österreichischen Filmlandschaft ziemlich singulär dasteht.

Läuft am Dienstag, den 29.3. um 20.30 Uhr im Spielboden Dornbirn

Trailer zu «Koma»

Spielboden Dornbirn
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A-6850 Dornbirn
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