Schlag sie tot

27.03.2011 Haimo L. Handl

Kürzlich fand ich in einem Youtube-Video eines Puppenspielers, der zum Text und zur Musik von Georg Kreislers «Schlag sie tot» spielte, folgenden Warnhinweis: «Mit Erschrecken und Erheiterung musste ich feststellen, dass dieses Video, das Sie gerade sehen, auf einschlägig-rechtsradikalen Channels als Favorit gepostet wird. Erschreckend, weil solche Channels hier geduldet werden, erheiternd, weil dieses Video, bei dem es sich um bitterböse Satire handelt, ernst genommen wird, somit diese Channels karikiert.»


Der Künstler wollte sich als politisch korrekt beweisen und seine lautere Intention sicherstellen. Der Text von Kreisler (1922 in Wien geboren) ist wirklich hart; so heißt es unter anderem:

Wenn dich kleine Kinder stören, schlag sie tot,
auch wenn sie dir selbst gehören, schlag sie tot,
triffst du einen Judenbengel, spiele seinen Todesengel,
schlag ihn einfach mausetot.

Das wirkt in Zeiten der vielen Vater- und Muttermörder (Väter und Mütter, die Mörder sind) besonders aktuell und könnte, kultürlich, als Aufruf zu Straftaten verstanden werden. Die scharfen Attacken steigern sich; das Lied ist hörenswert! So heißt es am Schluss:

Laß uns wieder Kriege führen, schlag sie tot,
ganze Völker dezimieren, schlag sie tot,
erst wenn sie im Grab verschwinden, wirst du dran Gefallen finden,
also schlag sie mausetot.

Könnte als Anmerkung zu den laufenden Kriegen verstanden werden oder als Programm für simple Vernichtungspolitik. Der Puppenspieler, der das Video in seinen Youtubekanal stellte, beklagt, dass rechtsextreme Seiten dort geduldet würden, und dass die Satire ernst genommen, also missverstanden werde.

Liegt die korrekte Rezeption von Satire im Nicht-Ernstnehmen? Ist nicht gerade das volle Verständnis ein Ernstnehmen, aber ein satirisches? Satire bedingt, wie jede Botschaft, jeder Kommunikationsakt, einen spezifischen Kontext. Der Rezipient muss bestimmte Vorkenntnisse mitbringen, um die Botschaft sinngemäß deuten zu können. Man kann aus Unkenntnis sinnentfremdet interpretieren, wie auch aus böser Absicht.

Dass jemand die Satire entgegen ihrer Intention anders verwendet, also missverwendet, hebt nicht ihren eigentlichen Sinn auf, sondern zeigt, dass durch Veränderung oder Verschiebung des Kontextes der Sinngehalt verdreht, verändert, verwandelt werden kann. (Davon lebt ein Teil des Regietheaters!)

Wollte man der korrekten Logik folgen, müssten nicht nur rechtsextreme Seiten und Kinderpornografie verboten werden, sondern auch Satiren, weil die fehlende Eindeutigkeit bzw. die leichte Kontextänderung sofort den Sinn ins Inakzeptable verkehrt. Der Beweis ist ja die unerwünschte Verwendung durch Rechtsradikale und Nazis hier, durch unsaubere Ungläubige dort.

Es handelt sich jedoch nur um die Kehrseite freier Kommunikation. Ich kann nicht eine freie haben und zugleich rigide einfordern, der Kontext dürfe nicht verändert werden. Das bedingte und verlangte nach Exekution der festgelegten Deutungshoheit, nach Zensur. Ein sauberes Netz, eine reine Medienlandschaft verlangte nach strengen Wächtern und Reinigern, und die dürften nie nur das Einzelprodukt ansehen, sondern immer auch die Kontexte. Die Verbote müssten sich gegen jede Veränderung des Kontextes richten. Damit würde aber jeder eigenen Interpretation bzw., im Extremfall, Interpretation überhaupt verunmöglicht werden. Es träte eine Art Sakralisierung von Texten ein, die jeder Interpretation, aber auch jeder Kritik damit enthoben wären.

So, wie man es nicht verhindern konnte und kann, dass z. B. Musik von Bach oder Mozart «missverwendet» wurde und wird (für Propaganda politischer und wirtschaftlicher Art) oder von Nazis und anderen Unmenschen gehört, belobigt oder gespielt wurde, so kann man in einer freien Gesellschaft Musik von Komponisten hören, die politisch im feindlichen Lager gewesen sind, die Rassisten oder eklige Patriarchen waren usw. Wollte man hier einer strengen moralischen Linie folgen, müsste eine Kommunikationspolizei dauernd Jagd machen nach Sündern, die Verbotenes hören, sehen, lesen. Die große und breite Purifikation setzte wieder ein, in den Medien, den Bibliotheken, den Theatern und Opernhäuser, im Fernsehen, bei den Internetprovidern.

Das gängige Kurzdenken, die unbedachte Schnelligkeit vorurteilender Etikettierung, fördert diese Unsicherheit und reduziert die Freiheit des Rezipienten - und bald die des Produzenten. Das Regime der politischen Korrektheit ist nicht einfach korrekt, sondern intolerant. Dabei ginge es nicht darum, dass das eine gegen das andere geschützt oder unterstützt werden müsste, sondern eher um eine bessere Bildung, wodurch die Erkennbarkeiten und Zuordnungsmöglichkeiten erweitert und vertieft würden. Die Angst, das Publikum sei dazu nicht fähig, demaskiert die Erziehungssorgen der Korrekten als Minderachtung des Volkes, der Masse, die nach Kadern verlangt, die die Deutungshoheit durchsetzen - zum Wohle aller. Genau das aber ist strikt zurückzuweisen.

Wenn man nicht mehr fragt, wer macht was womit wozu, sondern allein der Besitz, ja die bloße Rezeption schon strafbar ist, dann gibt es keine freie Kommunikation mehr. Wenn jemand als Neonazi verurteilt werden kann, weil in seiner Bibliothek «Mein Kampf» steht, wenn ein anderer in einem anderen Land wegen des Besitzes einer Bibel verurteilt wird, wiederum in einem anderen Land wegen Pornografika, dann wirkt immer ein und derselbe Mechanismus: Die Anmaßung des Regimes, das vorschreibt, was erlaubt ist und was nicht. Haben ist nicht Sein. Sein und Haben ist nicht Verhalten. Einstellung liegt vor Verhalten. Einen Detailaspekt stellvertretend fürs Ganze zu nehmen, um die Verfolgung zu legitimieren, ist einer freien Gesellschaft unwürdig, ist diktatorisch und kurzsichtig. Es generiert nur double think, group think und newspeak.

Was unterscheidet Kreislers böse Lieder von schlimmen Karikaturen, die auch viele Westler, wenn sie z. B. gegen Mohammed gerichtet sind, verurteilen? Eine Karikatur, die zahm ist, ist eine beschädigte, schwache oder gar keine. Es scheint, als ob Neutralität und Unverbindlichkeit gefordert werden um ja nicht anzuecken. Aber Karikatur so gut wie Satire muss anecken, will böse sein, das macht ihr Wesen aus. Sollen nur noch «verbürgte Satiren» verbürgter Satiriker geduldet werden? Und wie soll ihre unerwünschte Rezeption oder Interpretation unterbunden werden? Es ist ein Kreuz mit der Freiheit. Auch in der Satire.

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