German Angst

03.04.2011 Haimo L. Handl

Die Reaktionen der Deutschen auf die Atomkatastrofe in Japan hat viele erstaunt. Berufene Vernünftige schelten die Deutschen Unvernünftige und malen das Zerrbild der fälschlich sich zu Tode Geängstigten, der Furchtsamen, machen sich lustig über deutsche Bedenken. Einer, der immer für Zivilcourage und Empathie eintritt, macht sich blöde lustig über diese Deutschen, die sich über eine so weit entfernte Katastrofe aufregen, als ob sie bei ihnen selbst sich ereignet hätte.


Es scheint, jede Reaktion würde genüsslich kritisiert, verzerrt, abgewertet werden: nehmen die Deutschen nicht an einem Krieg teil, sind sie Verräter eines Bündnisses und Feiglinge oder Schwächlinge. Nehmen sie teil, sind sie unverbesserliche Kriegsbegeisterte, und der Hitlerschatten wird beleuchtet. Reagieren weite Teile der Bevölkerung auch auf eine entfernte Katastrofe und stellen eigene Forderungen, sind sie verängstigte Trottel.

Man hätte keines Fukushimas bedurft, um die Fragwürdigkeit der Sicherheitsrechnungen und der Budgetierungen zu bemerken; der «billige Strom aus der Steckdose» durch Atomkraftwerke ist schlimmer als eine Milchmädchenrechnung, weil eine wesentliche Täuschung. Die Kosten sind enorm höher als weisgemacht. Das Nichtberücksichtigen der «Nebenkosten» ist nicht nur betrügerisch, es ist politisch fahrlässig.

Die Krisenmanagements in allen bisherigen kleinen und größeren GAUs haben eindrücklich die erschreckende Unfähigkeit «adäquater» Reaktion unter Beweis gestellt. Weiters wurde deutlich, dass «natürlich» niemand die Verantwortung übernehmen konnte (wie auch). Trotzdem schwätzen Fahrlässige, perverse Nichtgeängstigte, als ob Angst haben ein Mangel, eine Abnormität sei, obwohl die Furcht- und Angstlosen, eben weil sie blind zu sein scheinen, höchst gefährlich waren und sind, und dies x-fach dramatisch bewiesen.

Angst vor Atomkatastrofen ist nicht gleichzusetzen mit Angst vor einem Brückeinsturz oder höheren Inflationsraten oder dem nächsten schwarzen Freitag. Denn die nukleare Katastrofe weist ein Spezifikum auf, das allen anderen Katastrofen fehlt. Deshalb ist die Gleichsetzung entweder ein übler Betrug oder eine bodenlose Dummheit.

Es fällt auf, dass fast niemand, vor allem die munteren furchtlosen Schwätzer nicht, Werke und Autoren nennen, die im deutschen Sprachraum beispielhaft kritisch zu diesem Problemkomplex geäußert haben: Robert Jungk (1913-1994; «Der Atomstaat» 1977), Günther Anders (1902-1992; «Die Antiquiertheit des Menschen» 1956, «Hiroshima ist überall» ) und Karl Jaspers (1883-1969; «Die Atombombe und die Zukunft des Menschen» 1956/1957).

Schon früh, in den Fünfzigerjahren, waren kritische Stimmen zu hören. Die Überlegungen und Warnungen richteten sich nicht nur auf einen drohenden Atomkrieg, sondern die gesamte Komplexität der Situation, in der Nuklearenergie vermeintlich «friedlich», als auch kriegerisch verwendet werden konnte. Immerhin hatten die Amerikaner zwei Atombomben eingesetzt und damit das Zeitalter der höchstentwickelten Massenvernichtung eingeleitet, immerhin funktionierte im darauffolgenden Rüstungswettlauf das Konzept des «Gleichgewichts des Schreckens» nicht sehr reibungslos. Die Gefahr von Fehlern, mit nachhaltigeren Folgen als beim sonstigen Bombenhagel, war gegeben. Viele wussten das, trotz aller Vernebelungsmanöver der Regierungen und der Industrie.

Neben dem Kriegsaspekt zeigte aber die Forcierung der Atomindustrie schon früh die Bahnen, die in eine schlimme Abhängigkeit führen mussten, obwohl immer damit geworben wurde, dass Atomstrom «frei mache» und umweltsicher etc. sei.

Jeder, der ernsthaft diese Aspekte beleuchtete und kritisierte, wurde angegriffen, manchmal «fertig gemacht». So hatte der überaus verantwortliche, integre und gescheite Filosof Karl Jaspers zwar mit seinen zeitkritischen, politischen Schriften oft starken Widerhall und Erfolg, vermochte aber nicht, die politische Lage im emanzipatorischen Sinn zu beeinflussen. Günther Anders lieferte eine vehemente Kulturkritik und eine spezifische an der Atompolitik; er überlegte radikal auch die Frage der Legitimität von Attentaten auf Atomkraftwerkbetreiber, was eine heftige Diskussion auslöste. Robert Jungk, der Jüngste der drei von mir genannten Autoren war als Zukunftsforscher und Empfänger des Alternativen Nobelpreises (1986) bekannt geworden. Sein Buch «Der Atomstaat» löste damals einige Debatten aus; heute ist er vergessen, ähnlich wie Anders oder Jaspers.

Im Jahr 1978 war im «morgen», der niederösterreichischen Kulturzeitschrift, von Rolf Rothmayer, damals Redakteur der PRESSE und Wissenschaftsjournalist, der Beitrag «Kernenergie und Fortschritt» zu lesen, welcher die Ängstlichen als Angsthasen vor der Zukunft denunzierte, indem er schlicht behauptete, bei dieser Bewegung handele es sich um «Angst nicht nur vor der Atomkraft, sondern vor der Zukunft überhaupt.» Man stelle sich vor: Robert Jungk, der sich mit Zukunftsfragen beschäftigte, schon 1964 in Wien ein Institut für Zukunftsfragen gründete, soll verächtlich abgetan werden als Zukunftsgeängstigter? Mehr noch! Der feine Wissenschaftsjournalist reiht ihn in die vorderen führenden Ränge der Rückschrittlichen ein: «Als Menetekel der modernen Zeit zeichnen Eiferer wie Robert Jungk das Gespenst des Atomstaates an die Wand. Zeloten von der äußersten Rechten bis zur extremen Linken folgen ihm in den Zielen, wenn auch mit völlig verschiedenen Motiven. Halbwahrheiten, unbewiesene und schon lange widerlegte Behauptungen bilden die Basis eines Gedankengebäudes, das ein übertriebenes Schreckensbild darstellt».

Heute versichern uns Experten, dass alles sicher sei, alles unter Kontrolle. Japan sei weit weg, es bestehe keine Gefahr, und auch Japan selbst werde sich rasch erholen. Auch wenn die Endlagerung als Endlösung noch nicht gesichert ist, wird so getan, als sei das nur ein kurzes, zeitliches Problem; vorderhand wird zwischengelagert. Irgendwas muss ja geschehen. Und es geschieht.

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