Nur Kunst

10.04.2011 Haimo L. Handl

Die größte jemals im Ausland gezeigte deutsche Ausstellung «Die Kunst der Aufklärung» im renovierten, umgebauten und erweiterten chinesischen Nationalmuseum, mitten in der City von Beijing, wurde kürzlich mit viel Pomp eröffnet. Nach zehnjähriger Vorbereitung und deutschen Kosten von zehn Millionen Euro soll dort für ein Jahr die Ausstellung gezeigt werden.


Schon zur Eröffnung gab es einen Eklat, den die deutschen Vertreter in einem befremdlichen Kotau wegakklamierten: Tilman Spengler, bekannter Sinologe und Projektmitarbeiter, hatte kein Visum erhalten; seit seiner Laudatio für den Literaturnobelpreisträgter Liu Xiaobo eine Person non grata in China. Das schluckten die braven Deutschen ebenso wie das Recht, das sich die Chinesen vorbehielten, Gäste selbst einzuladen. Deshalb fehlt im Programm des Forums «Aufklärung im Dialog» der aufmückige, kritische Künstler Ai Weiwei. Nicht nur das, just nach der kurzen Rede des deutschen Außenministers Guido Westerwelle wurde Ai Weiwei auf dem Flughafen verhaftet. Jeder Kontakt zu ihm ist unterbunden.

Hier soll nicht auf das Ausstellungskonzept und seine Durchführung, auch nicht auf den Museumsumbau durch deutsche Architekten, die den Vertrag dafür 2004 erhielten, eingegangen werden. Das alles lässt sich in vielen Artikel nachlesen, ebenso die vielen kritischen Abwertungen als auch die bemühten Apologien zugunsten dieser «interkulturellen Großtat».

Was ich reflektieren möchte ist das öffentliche Bekenntnis seitens des deutschen Museumsdirektor Eissenhauer sowie abwertende Bemerkungen des Direktors der Dresdner Kunstsammlungen, Martin Roth, über den verhafteten Ai Weiwei sowie seine Ansicht, es gäbe in dieser Angelegenheit keinen Grund für einen öffentlichen Disput mit China.

Das Hauptargument Eissenhauers ist entwaffnend: Es handele sich NUR um Kunst. Keine Rede von Inhalten, von Traditionen und historischen, aufklärerischen Untergründen, auf deren Boden das wuchs, was wir in Europa Aufklärung nennen. Keine Rede von Zeugnissen und Ausdruck, auch in Kunstwerken, nicht nur der Epoche, sondern auch der Ideen.

Es wird vage und verschwommen pseudoargumentiert, wie der Titel der Ausstellung schon falsch oder irritierend ist, da es keine Kunst der Aufklärung gibt, aber Kunst aus dieser Epoche bzw. Kunst, die nur bzw. besonders im, nach und durch aufklärerisches Denken ihre Bedeutung erhält.

Das alles wird negiert, tabuisiert, um das riesige Unterfangen zu einer Dekorationsveranstaltung zu degradieren. Dafür brauchte man 10 Jahre und spendete 10 Millionen Euro? Kunst und Kultur als Mittel der Kulturpolitik seien nur «soft power». Aber gleich so weichgespült, unverbindlich, falsch neutral? Schrecklich, diese gegenwärtige deutsche Kulturpolitik! Es sollen keine Werte transportiert und vertreten werden. Im Gleichklang mit dem chinesischen Kurator wird die Kunst auf ihre Exponate, die Objekte und Artefakte, reduziert. Kunst sei zum Genießen da, meinte der chinesische Experte lächelnd. Ja, stimmen die Deutschen zu, es sei NUR Kunst.

Auf die Frage, ob die Deutschen von den Chinesen nicht gedemütigt worden seien, ob die Verhaftung von Ai Weiwei das Ausstellungsprojekt nicht ad absurdum führe, antwortete Martin Roth, offensichtlich genervt von vieler Kritik, die in Deutschland, anders als in China, noch öffentlich erlaubt ist, die Sache mit Ai Weiwei werde übertrieben, dessen künstlerische Bedeutung sei nicht herausragend, und zudem sei er bekannt dafür «draufzuhauen». Nett. Es sei zwar fürchterlich, dass er verhaftet wurde, aber das geschehe Hunderten anderen Künstlern auch, über die aber niemand spreche, weil sie keine Popstars sind. Ai Weiwei ist also doppelt schuldig: weiler draufhaut und weil er ein Popstar ist. Die Chinesen nennen ihn einen «Außenseiter», der chinesisches Recht verletze. Klingt ganz vernünftig deutsch.

Dass die Deutschen für solch skandalöse Aussagen gleich 10 Millionen hinblättern, mag doch verwundern. Dass sie damit das aufklärerische Erbe verraten, ist eine andere, traurige Sache.

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