Musealisierung

24.04.2011 Haimo L. Handl

Das Absterben, das Artensterben, wird vielfach und vielerorts vehement beklagt. Das Absterben von Sprachen wird als unermesslicher Verlust gesehen. Anstrengungen sollten unternommen werden, heißt es von Gutmeinenden, zu bewahren.


Doch Leben ist Bewegung, ist Entwicklung. Hätte sich alles erhalten, was ursprünglich war, gäbe es keinen Ursprung, weil dieser nur im Kontrast zum Gewordenen, dank einer Entwicklung, lesbar ist. Es wäre eine unmögliche Statik. Ein Hirngespinst. So ist die Welt im Kosmos nicht geworden. Dass sie wurde, was sie ist und wie sie uns erscheint, geschah nur in Veränderung, Aufkommen und Niedergang, Leben und Tod.

Das lässt sich für das, was wir Natur nennen, feststellen, als auch für die Menschen. Und ihre Kulturen. Auch für Sprachen. Haben Sprachen einen Eigenwert? Oder sind sie nicht primär Mittel, Werkzeuge zur Kommunikation, wie sie eine Kultur entwickelte und weiter entwickelt? Wenn eine Sprache stirbt, weil keine Sprachgemeinschaft sie am Leben erhält, ist das zu bedauern? Wenn eine Sprachgemeinschaft über längere Dauer eine andere Sprache annahm, sollte man das beklagen? Taugt denn die übernommene und aktiv gepflegte und damit weiterentwickelte Sprache weniger?

Wem geht es ab, dass wir nicht mehr Alt- oder Mittelhochdeutsch reden? Sollten die Briten reden, wie ihre Vorfahren vor den Normannen sprachen? Mit der Veränderung von Gesellschaften verändern sich auch Sprachen. Nach welchen Gründen sollen solche Veränderungen hintangehalten werden?

Der überzogene Wunsch nach Dauer hat etwas Kindisches. Der kindische Untergrund fand und findet kultürlich Eingang in Wünsche und Sehnsüchte auch Nichtkindischer. Es ist eine Widersprüchlichkeit, die auch dem aufgeklärten Denken nicht fremd ist. Einerseits Leben, Dynamik, Entwicklung, andererseits Bewahren, Belassen, Stetigkeit. Fausts Wunsch nach Verlängerung des Augenblicks ebenso, wie die Sehnsucht nach dem zeitlosen, ewigen Paradies als dem Ort des Immerwährenden. Doch das ist geträumt, ist jenseitig, ist unweltlich.

Gerade in der sich beschleunigenden Globalisierung wachsen Ängste. Mit ihnen Trugbilder ehemaliger Ganzheit oder Einheitlichkeit der «guten alten Zeit», des Garten Edens, der bewahrten authentischen Ordnung, des überschaubaren Verstehens. Aber nie hatte der Mensch das Paradies, nie konnte er das Ganze haben oder erkennen. Es waren und sind immer Sehnsüchte, Wünsche, Fantasien - Hilfen zur Minderung des Realitätsdrucks.

Auch ohne menschliches Zutun hat die «Natur» Arten ausgesiebt, abgelebt. Der Mensch und seine Erzeugnisse, seine Kulturen und Zivilisationen ebenso. Sollten wir Städte mit Stadtmauern haben, ohne Kanalisation und Elektrizität? Sollten wir auf die Neuen Medien verzichten und den hohen Lebensstandard? Sollten wir über Rousseau hinaus zurück zur Natur (zu welcher)?

Für wen sollten Sprachen, die kaum einer spricht, erhalten werden? Dass sie erfasst und archiviert werden, mag ja angehen. Aber sie «künstlich» erhalten, wäre so untauglich und verlogen, wie die Pseudopflege von Brauchtum, ein Unding, das nur einem kulturellen Missverständnis entspricht. Denn entweder wird ein Brauch gepflegt, weil er Brauch ist, also Übung, oder er ist historisch, museal. Nimmt man ihn aber nicht museal, pervertiert man ihn zum verlogenen Als-ob.

Jene, die die Abnahme der Sprachenvielfalt bedauern, mögen überlegen, wonach sie bewerten. Nach einem vermeintlichen Eigenwert? Wie wäre der zu argumentieren? Nach moralischen Gesichtspunkten? Man sagt, mit Sprachen gingen Kulturen verloren, spezifische Wahrnehmungsweisen der Welt. Schon. Aber der Kulturwandel ist ganz normal. Das Gegenteil wäre eine Anomalie, eine beängstigende.

Mich erinnert das an Bemühungen, «bedrohte Völker» zu konservieren, sie in Quarantäne zu halten, damit sie bleiben können, was sie sind. Was, wenn Angehörige solcher Völker, da sie nun mal mit ihrer Außenwelt in Kontakt kamen, sich verändern wollen? Soll ihnen das verboten werden im Namen ihrer Authentizität? Welch eine freche Anmaßung! Was würden wir Mitteleuropäer sagen, wenn man uns die gegenwärtigen Kulturen als Unkultur abspräche, weil unsere Vorfahren sich christianisieren ließen. Weil die frühere gesellschaftliche Organisation die «eigentliche», echte, authentische gewesen sei.

Es ist kein Zufall, dass in Zeiten der gesteigerten Unübersichtlichkeit, der wachsenden Orientierungslosigkeit gerade jene Vertreter Zulauf erhalten, die auf vermeintlich Authentisches, Sicheres rekurrieren; das Erstarken der Rechten, der Blut-und-Boden-Typen, der heimattreuen Vereinfacher und Brauchtumspfleger, der neuen Mythologen, die es auch im kommunistischen Bereich gab und wieder gibt, der religiösen Fundamentalisten, stellen dies besorgniserregend unter Beweis.

Modernität, recht verstanden, schließt Traditionspflege nicht aus. Es kommt auf die Verhältnisse, die Maße an. Ein Bedenken der «Dialektik der Aufklärung» könnte bzw. sollte in die Erkenntnis münden, dass wir nicht einfach «zurück gehen», sondern noch mehr Aufklärung, nämlich erweiterte, vonnöten haben.

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