Le Nozze

01.05.2011 Haimo L. Handl

Der Meldung war nicht auszukommen. In den Weltnachrichten musste ich erfahren, dass der britische Prinz seine Braut geheiratet habe und dass nicht nur die beigeisterten britischen Monarchisten jubelten, weinten und kreischten, sondern an die zwei Milliarden Fernsehzuschauer eine eigentümliche Gemeinschaft bildeten, um dieses Spektakel zu verfolgen. Eine quasi-religiöse Erfahrung als Ersatz für die Bitternis des harten Daseins, ein Opiat, wie Religion, um selbstvergessen für Augenblicke vermeintlich höhere Weihen zu empfangen und in einem Himmel zu schweben.


Die Zeiten lehren einen vieles, so auch die weltweite Durchschlagskraft von Substituten, Scheinhaftem, Dummem und Pseudo. Die wuchernde Religiosität, die geistige Depraviertheit der Massen im Westen, im Osten, im Süden und im Norden scheint eine allzubereite Gemeinde abzugeben und zu nähren, die nach Überhöhtem giert, weil sie sich Labung, Höherstellung, Außergewöhnliches, Freude verspricht.

Wie arm muss das Leben sein, wenn massenhaft solch einem obsoleten Zirkus zugesprochen wird! Sogar auf den ersten Blick vernünftige Leute üben sich in Begeisterung, kollaborieren. Dass Geschäftemacher die Chancen ergreifen, ist verständlich, wenn auch nicht zu begrüßen. Sie machen mit, sie schlachten aus, sie geifern als Mitläufer. Welche Fernsehstation hätte es sich gestattet vernünftig zu bleiben? Welche Zeitung hätte einen nicht mit unsäglich dummen, peinlichen Stories versorgt? Es gelang mir, nicht einen Artikel, nicht eine Sendung dazu mir zuzuführen. Mir reichten die Meldungen, die unüberhörbar waren.

Schon vor Jahren wurde spekuliert, dass das Fernsehen zur Ersatzreligion geworden sei. Seit der Etablierung des Internet und der interaktiven Vernetzungen hat sich die weltweite Pseudogemeinschaft ausgeweitet und gestärkt. Quantität wurde zur Qualität, und fast niemand will prüfen, wie es denn um diese Qualität steht. Mitmachen, Dabeisein wird vorexerziert, exerziert. Es verwischen sich die Grenzen zwischen Präsentation und Repräsentation. Die Vorgaukelung, es sei, wie es sei als «es ist, wie es ist», scheint durchzugreifen. Wer nicht mitmacht, weiß nichts, hat sich exkommuniziert, gehört nicht dazu, ist vielleicht ein Feind.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen politischer, gesellschaftlicher Resignation, höchstentwickelter Korruption mit ihrem Zynismus, menschenverachtender Realpolitik und einer Wirtschaft, die ein Programm verfolgt, das immer deutlicher die Verdinglichung, von der heute fast niemand mehr spricht, praktiziert, die nicht einmal die Experten der Entindividualisierung, die Faschisten (rechte wie linke), so effizient und effektiv durchzuführen vermochten (nun, sie hatten noch nicht die technischen Einrichtungen, die heute zur Verfügung stehen).

Je weniger der Mensch als Person, als Individuum gilt, und zwar hier und jetzt, in DIESER Welt, desto eher nimmt er Offerten der Vertröstung an: dort und dann! Im Himmel folgt die Belohnung, dort herrscht Gerechtigkeit, dort wartet das ewige Leben. Die Verzückungen, die der fanatische Moslem für seine Taten erwarten darf, ähneln frühen Überzeugungen von christlichen Märtyrern, die für ihren Gotteslohn alles taten, alles aufgaben, die in der radikalen Lebensverneinung ihr Lebensziel sahen. Ähnliche lebensfeindliche Abwendungen und Konzentrationen auf die Aufhebungen der üblen Realitätseinwirkungen, die Sucht nach dem Nirwana, leitete und leitet Millionen. Immer unterliegt solcher Um- oder Verkehrung eine tiefe Angst und Frustration, eine Lebensfeindlichkeit, eine Misanthropie. Menschenhasser, die alles ihrem Ziel opfern, sind abscheulich. Eigentlich Verbrecher. Sie finden allzuzleicht Unterstützung, Achtung durch fellow travellers.

Das ist die Kehrseite jener Erhöhungssucht, die im Mythischen, im Religiösen oder Quasireligiösen das Heil sucht und seine Wonnen. Jetzt ist's ein Prinzenspektakel eines Königshauses, morgen was? Welchen Helden und Halbgöttern wollen sie zujubeln, wem sich unterwerfen?

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