Broch und Anhänger

08.05.2011 Haimo L. Handl

Heuer wird des 125. Geburtstages und des 60. Todestages von Hermann Broch gedacht. Eine Theatergruppe organisiert ein Antifestival und sagt: «Anläßlich des 125. Geburtstages (zugleich 60. Todestag) des österreichischen Dichters Hermann Broch veranstaltet »Bluatschwitzblackbox« ein Antifestival zu seinen Ehren: Streit um Broch».


Ich wundere mich. Broch wurde am 1. 11. 1886 geboren und verstarb am 30. Mai 1951. Sein Geburtstag ist nicht zugleich sein Todestag. - Wieso auch «Antifestival»? Darum: «»Antifestival« deshalb, weil es in Sachen Broch tatsächlich nichts zu feiern gibt.»

Also, eine Gruppe lukriert Fördergelder für Gedenkfeiern, die keine sein sollen, die, im Gegenteil, ein «Antifestival» seien. Und das, obwohl es nichts zu feiern gäbe. Gegen welches Fest und Festival ist dieses Gegenfestival gedacht?

Der Titel «Streit um Broch» schafft einen Bedeutungszusammenhang, der nicht existiert. Würde um Broch gestritten, wäre er bekannt bzw. bekannter, was aber nicht der Fall ist, wie die Veranstalter selber in ihrem Text auch feststellen. Also wollen sie einen Streit inszenieren.

Doch dann folgt die Chuzpe. Es heißt: «Sein bis zum Äußersten angestrengtes Bemühen galt den Ursprüngen und Vorraussetzungen jeglichen Faschismus.» Brochs Bemühen galt dem Faschismus. Aha. Ich dachte immer, es galt dem Widerstand gegen den Faschismus. Es galt der Demokratie, der Freiheit.

Die Bluatschwitzblackboxer meinen das Gegenteil von dem, was sie schreiben. Aber warum denken und schreiben sie so?

Es wird dann doch klar: «Sein Ziel war eine internationale Verantwortung für die Grundlagen der Demokratie. Deren größten Feinde sah er in der unreflektierten Hinnahme des Wertezerfalls, im Aufgehen der Kunst in Kitsch und Ästhetizismus, sowie im Sieg des Positivismus über jede Wahrheitssuche innerhalb der Philosophie.»
In vielen Schriften äußerte Broch sein Engagement für die Demokratie, nicht nur für ihre Grundlagen. Und beim Wertezerfall war er sensibler als die Blackboxer. Er hätte auch eine reflektierte Hinnahme dessen abgelehnt. Denn ob der Wertezerfall unreflektiert oder reflektiert erfolgt ist müßig, gemessen am Negativen des Wertezerfalls. - Vielleicht schwitzen die Organisatoren zuviel Blut?

Weiters heißt es: «Trotzdem Hermann Broch seither unbestritten zur anerkannten Weltliteratur gehört, wird sein Werk mit einer kurzen Unterbrechung in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kaum noch gelesen.»

Es ist nicht ersichtlich, worauf sich «seither» bezieht. Immerhin wird betont, dass er nicht nur zur Weltliteratur gehöre, sondern besonders zur anerkannten. Aber trotzdem werde er kaum noch gelesen. Das ist freundlich. Impliziert es doch, dass er je gelesen wurde. Aber Broch hatte nie ein Massenpublikum erreicht. Das «noch» ist falsch, ebenso das «trotzdem», das «obwohl» lauten muss.

Zum Schluss ist zu lesen: «Mit einem polemischen »Volksstück« und drei pointierten Themenabenden wollen wir mit Bluatschwitzblackbox versuchen, eine Diskussion zu beleben, die noch gar nicht in unserer Gegenwart angekommen ist.»

Das müssen echte Künstler im Sinne von Magier sein. Sie wollen eine Diskussion beleben, die noch nicht angekommen ist. Die also irgendwo existiert, aber nicht hier, sondern in der Vergangenheit. Nein, in der Zukunft. Jedenfalls noch nicht in UNSERER Gegenwart angekommen. Vielleicht in einer anderen? In welcher aber?

Nun, sobald die Belebung erfolgreich gewesen sein wird, muss die Diskussion ja angenommen sein. Oder, korrekter, gebildet worden sein.

Hermann Broch hat Anderes verdient. Peinlich, dass Schwätzer fleddernd sich seiner bemächtigen und dabei ihr Getue als Ehrerweisung ausgeben und zugleich es als Anti hinstellen. (Bluatschwitzblackbox wird als Veranstalter genannt. Im letzten Absatz schreiben sie in einer Aufsplitterung «wir mit Bluatschwitzblackbox» - wir mit uns - wer ist nun «wir», dass diese wir mit Bluatschwitzblackbox etwas versuchen?)

In der Suhrkamp Literatur Zeitung vom Februar 1976, «Hermann Broch - Ein Autor, der gelesen werden sollte», schreibt Hartmut Steinecke zu Broch: «Da Broch die Literatur in ethischen Kategorien misst, ist konventionelles oder gar schlechtes Schreiben für ihn nicht nur ästhetisch minderwertig, sondern ethisch verwerflich: Kitsch ist für ihn »das Böse im Wertsystem der Kunst«.»

Dem wäre ein Satz von Paul Valéry hinzuzustellen: «Welche Schande, zu schreiben, wenn man nicht weiß, was Sprache, Wort, Metapher sind, Gedankenübergänge und Wechsel im Ton...»

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