CP-Culture

15.05.2011 Haimo L. Handl

Fast möchte es scheinen, wir fänden uns in der Situation CP-Culture vs. PC-Culture, die Copy & Paste Culture versus der Politischen Korrektheit. Aber bei genauerem Hinsehen decken sich viele Haltungen der vordergründigen Korrektheit mit den unsauberen der leichtfertigen Kopiererei, dem letzthin doch ruchbar gewordenem Plagiarismus.


Die bekannt gewordenen Fälle sind nur die Spitzen der treibenden Eisberge. Wegen ihrer Prominenz gewannen sie entsprechende Aufmerksamkeit. Ohne diese Medienwirkung würde die betrügerische Praxis noch munterer weitergepflegt. Es ist wie bei den Spekulanten: solange Erfolg herrscht, prüft niemand, sondern klatsch, belohnt, bejubelt. Erst wenn die Blasen platzen, wundert man sich, prüft vielleicht nach.

Trotz allen Gezeteres wird sich an dieser Praxis im Wesentlichen nicht viel ändern. Denn dann müsste die geistige, mentale Gesellschaftsverfassung sich ändern. Und das ist nun doch nicht möglich, weil von fast niemandem wirklich gewollt. Es wird bei kosmetischen Maßnahmen und einigen «Opfern» bleiben. Dass es diesmal einige Prominente eher trifft als Hinterbänkler, ist nur zu begrüßen. Sogar in Österreich, das sehr zurückhaltend in der Prüfung solcher Vorwürfe und Vorfälle agiert, lässt sich nicht mehr alles wie üblich unter den Teppich kehren. Wir werden bald erfahren, wie die Alma Mater Rudolphina die Dissertation des früheren Wissenschaftsministers Johannes Hahn nun bewertet. Werden andere Österreichgrößen ins Visier geraten? Auch wenn dies der Fall wäre, wird, ähnlich wie in Bayreuth, die Universität und ihr Betrieb, der wesentlichen Anteil an dieser Betrugspraxis hat, nicht angegriffen. Da steht zuviel auf dem Spiel, da wird geblockt werden und gemauert. Fast überall wird von «Einzeltätern» und «Einzelfänomenen» gesprochen, und fast nirgends werden die Doktorväter oder Universitätsinstitute hinsichtlich ihrer Mitwirkung geprüft - und gerügt. Weder bei der London School of Economics, noch der Uni Bayreuth und schon gar nicht in Wien.

Es handelt sich nicht um Einzelereignisse. Dahinter steht ein gewandeltes Verständnis von Leistung und Verantwortung. Von Ökonomie. Primär gilt: mit geringstem Einsatz höchstmöglichen Erfolg in kürzestmöglicher Zeit. Zeit ist Geld. Kosten sind gering zu halten. Diese wirtschaftliche Grundorientierung, Kernzug der utilitaristischen Gesellschaft, führt leicht zu rücksichtslosem und borniertem Verhalten: im Konkurrenzkampf werden offiziell unerlaubte Mittel eingesetzt (z.B. Doping im Sport) und die Produktion wird mit Hilfe von Outsourcing in Billigproduktionsländer (Ressource, günstigeres Humankapital) extrem verbilligt. Mengt man dem noch gezielte Promotionsarbeit und Marketing bei, auch gezielt negative (Schmutzkampagnen über Konkurrenz, vor allem im politischen Bereich üblich, ausgeklügelte Desinformationen, im naturwissenschaftlichen Bereich üblich geworden), ist der Erfolg fast garantiert.

Die Führungskader, die Manager werden entsprechend geschult. Politiker kapieren rasch, nach welchen Regeln (diese Art) Erfolg herstellbar ist. Was Wunder, wenn sogar Bildungssysteme nach diesen Grundsätzen der ökonomischen Vernunft, der Profitsteigerung, der Kostenvermeidung, der Zeiteinsparung sich ausrichten?

Die Unterhaltungsindustrie bläut seit Jahrzehnten ihren Publika die Werte der Spaßgesellschaft ein. Die Haltung «I want it and I want it now» könnte ja auch positiv verstanden werden, vor allem politisch: ich will Veränderungen, und zwar jetzt. Aber in der Spaßkultur steht dieser Wunsch, diese Schein-Willensäußerung, eher für eine egoistische, bornierte Anmaßung: alles jetzt gleich! Basta. Ohne viel Überlegen der «Nebenkosten» zu den eigentlichen. Es gibt kein Warten, keine Reifezeit. Es gibt keine vernünftige Traditionspflege im Bildungsbereich, eine besonders unvernünftige im geschäftigen Kulturbereich.

Wofür hat man Zeit oder will man Zeit haben? Wofür soll oder muss man Zeit haben? In den Schulen, in den Betrieben, in der Freizeit? Der vordergründig leistungsorientierte Zeitdruck legt Bahnen vor, in denen sich die «ganz persönliche Individualität» bewähren darf.

In diesem Klima gesteigerter Konkurrenz und erhöhtem Zeitdrucks greift man nicht nur zu technischen Hilfsmitteln, sondern oft auch zu anderen, um sich Vorteile zu verschaffen, Zeit und Energie zu sparen. Betriebsspionage ist etwas jünger als die politische und militärische, aber vom selben Denkprinzip geleitet und vom selben Praxisverständnis. Spionage im Forschungsbereich ist schon lange ein gut gehendes Geschäft. Dank der neuen Kommunikationstechnologien bieten sich jetzt auch dem «Normalbürger» Mittel, rasch an Informationen zu kommen, die er nicht verarbeiten, nicht einmal abschreiben muss, sondern leicht kopieren kann. Die Kopie wird zum Baustein der Arbeit. Solange sie als solche ausgewiesen wird, kein Problem. Aber da in der Simulations- und Als-ob-Gesellschaft die Kopie fast ununterscheidbar vom Original wurde, kann dieser kopierte Baustein leicht als eigener ausgegeben werden. Das ist verführerisch.

Noch nie war es so leicht, nicht selber denken zu müssen, und dennoch so zu tun, als hätte man selbst gedacht und gearbeitet. Noch nie war das Vorgaukeln von Bildung so leicht und gängig, wie heute. In einer Gesellschaft, deren Kulturwissen sich mehr und mehr auf winzige Versatzstücke reduziert, das Informationswissen sich primär von Schlagzeilen und Absätzen speist, Fachwissen ökonomisch, «aufgabengerecht» portioniert erworben, verbunden und vernetzt wird, hat sich die Qualität mit dem Qualitätsbegriff verwandelt. Die früheren Maßstäbe gelten nicht mehr.

In den Auseinandersetzungen mit Plagiaten werden jedoch verschiedene Maßstäbe angewendet. Deshalb wird der Kern des Problems nicht ins Auge gefasst. Die copy & paste culture wird nicht durch Einzelverfahren geändert, auch wenn man sie noch so laut breittritt. Das Virus sitzt tiefer. Fast möchte ich sagen, die medienwirksamen Verfolgungen und Aufdeckungen tragen, vielleicht unfreiwillig, mit dazu bei, vom eigentlichen Problem abzulenken. C&P und PC müssten radikal hinterfragt werden. Doch wofür, wenn keine adäquaten Reaktionen erfolgen sollen und dürfen? Das ist ein ähnlicher Betrug oder eine ähnliche Selbsttäuschung wie die «Stresstests der AKW», bei denen nicht sichergestellt ist, wie man mit den Ergebnissen umgehen wird. Na dann!

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