Die Inkompetenten

22.05.2011 Haimo L. Handl

Kürzlich wurde ein Banker wütend und äußerte sich rabiat eindeutig bei einer ÖVP-Veranstaltung über die blöden, feigen, unverständigen Politiker. Alle waren überrascht, auch Kollegen, Parteifreunde, andere Politiker, das noch blödere Publikum und seine Vertreter, die Journalisten. Endlich wagte ein Kompetenter, ein Erfolgreicher, ein Hochbezahlter, seinen Mund nicht nur aufzutun, sondern auch etwas Substanzielles zu sagen, das fast klang, wie das proletenhafte «Geht's scheissn!», das öffentlich aber, außer in einigen Staatsfernsehsendungen, doch verpönt ist, so dass es beim Vorwurf der Blödheit und Feigheit blieb.


Wegen der überaus guten Geschäftslage, erhöhte die Erste Group das Entgelt ihrer Aufsichtsräte um 100 Prozent. Das erzürnte einige Anleger, die natürlich nie mit einer gleichwertigen Dividendenerhöhung rechnen können. Dass sich der Banker Andreas Treichl, Chef der Erste Group, auch gleich seine Gage leistungsgerecht auf fast 2,8 Millionen Euro erhöhen ließ, stieß einigen sauer auf. Aber nur einigen. Wer will schon als Neidhammel dastehen?

Herr Treichl verteidigte sich mit den obligaten Hinweisen, dass in anderen Ländern Bankenchefs noch viel mehr erhalten. Er hat Recht. Aber wir sind nicht in anderen Ländern. Warum scheffelt er nicht in Hong Kong, Dubai oder an der Wall Street? Weiters verwahrte er sich gegen die dauernde Politikerschelte und die versuchten strengeren Regeln und Auflagen für Banken. Das schließlich erzürnte ihn derart, dass er wutentbrannt loswetterte: «Das ist eine Frechheit, das ist ein ganz grober Fehler. Unsere Politiker sind zu blöd und zu feig dazu und zu unverständig dafür, weil sie von der Wirtschaft keine Ahnung haben, um dagegen zu wirken, und das wird Österreich schaden, und wir werden hinter andere Länder zurückfallen».

Endlich traut sich wer. Allerdings nur für eine Woche. Dann machte er einen Rückzieher und entschuldigte sich an einer eigens dafür einberufenen Pressekonferenz. Wahrscheinlich hat er nicht nur SMS erhalten, sondern auch Winke-Winke. Er meinte, etwas beruhigt nun, er habe einen «rüden Satz» geäußert. Schwamm drüber. Aber die Sache bleibt, die Form war missgriffen. Schade, dass er von der Hälfte der Wahrheit, die er mutig äußerte, auch noch abrückt. Denn die Form wirkte, nicht der Inhalt, sie ist maßgeblich

Herr Treichl sagte allerdings nicht die ganze Wahrheit. Es stimmt, die meisten Politiker sind un- oder halbgebildete Blöde, wenn man sich grob ausdrücken will, etwas Befangene, Überbelastete etc., wenn man es umschreiben will. Aber wie steht es um die Erfolgreichen der Wirtschaft, zuvorderst der Banken? Wie gescheit, smart, vorausblickend, erfolgreich sind denn die Supermanager und Banker?

So gescheit und kompetent, dass sogar im Land der freiesten freien Wirtschaft der Staat rettend eingreifen musste, um einen Krieg zu verhindern, so smart, dass in Industrieländern Regierungen mit Steuermitteln Milliarden über Milliarden kurzfristig unterbuttern mussten, damit der Spruch «too big to fail» sich bewahrheite. Und dann noch so vorausblickend, dass kurz nach der Krise, die immerhin weltweit sich auswirkte, die Manager- und Bankeroberschicht wieder abkassieren, in einem Verhältnis, das jeden Werktätigen, jeden Klein- und Mittelunternehmer verhöhnen muss.

Als Banker über die Baseler Kapitalregelungen sich ärgern mag seine Sache sein, so zu tun, als ob das nur die Früchte inkompetenter, verblödeter Politiker seien, eine andere. Denn dass die Hochfinanz bestimmt, nach welchen Regeln ihr Geschäft läuft, funktioniert nur wegen und nicht trotz der spezifischen Nichtblödigkeit/Blödigkeit höchster Politiker in den mächtigsten Nationen.

Blödigkeit und Feigheit bei den Politikern, eine spezifische Dummheit bei den Bankern oder Managern. Die Bewertung hängt vom Standpunkt ab. Unbestritten gilt aber für beide die völlige Unverantwortlichkeit. Da unterscheiden sich beide Lager nicht. Weil aber Verantwortung ein Teil von Kompetenz ist, muss man von der Inkompetenz gerade der erfolgreichen Banker und Manager reden und nicht nur von der der Politikerkaste. Denn verstünden sie ihre Kompetenz rechtens, wären sie verantwortlich, trügen tatsächlich Risiken, stünden ein, nicht nur für hohe Bezüge, sondern auch für Misserfolge. (Wie bei Versicherungen nicht nur Boni, sondern auch Mali.) Aber bei ihnen regiert nur die halbe Wahrheit, die ausgesuchte eine Seite: Verluste vergesellschaften, Profite privatisieren. Es gibt keine echte Verantwortung. Man kassiert immer und überall. Das allerdings ist gar nicht blöde, sondern smart. Fragt sich nur, wie lange und auf wessen Kosten.

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