Lesarten

29.05.2011 Haimo L. Handl

Vor 50 Jahren verstarb der französische Autor Louis-Ferdinand Céline. Er gehört in Frankreich zu den viel gelesen Autoren. Sein Werk beeinflusste die Literatur über die Grenzen hinaus. Sein Roman «Reise ans Ende Der Nacht» gilt als Meisterwerk der Weltliteratur. Darin verhöhnt der Autor den Fortschrittsglauben, entlarvt scharf den Patriotismus, Militarismus und Kolonialismus als falsche Werte. Er zeigt die Kehrseite in einer Absage ans Hoffnungsdenken auf Humanität.


Céline war nach dem Krieg wegen seiner antisemitischen und kollaborativen Äußerungen und Tätigkeiten in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden, kam aber nach einer Amnestie nach Frankreich zurück. Er konnte an den Ruhm nicht mehr anknüpfen; sein Werk überstrahlte und überdauerte aber seine politische Haltung. Er war, wie schon vorher, wieder als Arzt tätig.

Vor 100 Jahren wurde der rumänisch-französische Autor Emil M. Cioran geboren. Sein Werk wird nicht vom Massenpublikum gelesen, hat aber bei Intellektuellen und Kritikern stark gewirkt. Cioran, der 1995 starb, war ein nihilistischer Misanthrop, der in seinen frühen Jahren offen faschistische, nationalsozialistische Begeisterung zeigte, sie in vielen Artikel vehement vertrat und später in seine düstere Menschenverachtung flüchtete, die besonders bei den «Progressiven» als antibürgerliche Haltung gut ankam.

Céline, der trotz seiner Nazivergangenheit immer viel gelesen wurde, wurde heuer allerdings auf Betreiben des Nazijägers Serge Klarsfeld aus der französischen Liste der zu gedenkenden Persönlichkeiten gestrichen; geplante öffentliche Gedenkveranstaltungen wurden storniert. Seiner oder seines Werkes zu gedenken käme einer Verhöhnung der Holocaustopfer gleich. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde dazu angemerkt: «Schneller denn je führt in Frankreich die Dramaturgie der Empörung zu Verboten, Absagen, Rückziehern. Keine drei Tage hat die Debatte über Louis-Ferdinand Céline gedauert.»

In dieser Debatte wurden warnende Stimmen gegen die Verbotspolitik laut; es wurde auch gefragt, ob denn ein Nichtgedenken genüge, ob das Werk dieses Wüstlings nicht aus den Bibliotheken entfernt gehörte bzw. noch durch Verlage angeboten werden dürfe.

E. M. Cioran war in seiner Frühzeit nicht weniger aggressiv nazibegeistert. Sein Werk ist durchdrungen von einer tiefen Menschenverachtung, die sich allerdings so allgemein äußert, dass sie als Verzweiflungsausdruck und kritische Monumentalleistung interpretiert werden kann. Für das breite Publikum waren die eindeutigen Schriften aus den Dreißigerjahren nicht greifbar; die meisten Kritiker und Rezensenten übersahen sie. Erst spät, beginnend mit der Biografie von Patrice Bollon (2006) wurden die Schattenseiten bekannter. In Deutschland liefert jetzt, abgestimmt auf das Geburtstagsgedenken, eine Essaysammlung «Über Deutschland», die offen darlegt, wie nazistisch Cioran geschrieben hat, den Beleg der braunen Flecken (so nennt man das).

Bei Cioran trat kein Klarsfeld auf die Bühne. Das finde ich gut. Besser fände ich, überhaupt kein Klarsfeld gegen irgendeinen Autor träte auf. Ich halte von Denkverboten, Jagden und Hatzen auf missliebige Autoren und Werke rein gar nichts. Ich verstehe und akzeptiere Ablehnungen, Verwerfungen, Aburteilungen – aber auch ihr Gegenteil. Der Staat soll sich da raushalten. Das ist Sache des Kulturbetriebes und der Beteiligten, das heißt, auch der Leser. Je mehr sich einige anmaßen festlegen zu dürfen, wessen gedacht werden darf, welches Werk Existenzrecht haben soll, desto stärker schwindet die Freiheit. Jene Freiheit, die den Kern der Aufklärung bildet. Denn diese Freiheit bedeutet ja nicht eine unkritische Annahme. Aber sie ist umgekehrt keine auferlegte Ablehnung. Sie ist Voraussetzung für Auseinandersetzung. Die soll durch Verbote nicht verhindert werden.

Jeder kann sich gegen ein Werk stellen. Niemand ist gezwungen, dieses oder jenes zu lesen. Aber anderen zu verbieten, was sie lesen wollen bzw. was sie überhaupt aussuchen dürfen sollen, indem durch eine Art Zensur (offiziell gibt es sie im freien Westen ja nicht) Druck, ja oft sogar Terror, ausgeübt wird, ist falsch.

Auch wenn ich einen Autor verachte, ein Werk als negativ abtue, ist es richtig, dass es greifbar bleibt und nicht verbrannt wird, nicht in Giftschränken versteckt wird. Das gilt für alle Seiten: politische, religiöse, sonstige gesellschaftliche.

Das kulturelle Leben, der soziale Druck führen, auch wenn in freierer Übung ohne Zensur und Verbotspolitik, zu Rezeptionsweisen, zumindest für weite Teile des Publikums, die einem Werk eher förderlich, positiv sind, als auch zum Gegenteiligen, das eine Rezeption erschwert, in gewisse Bahnen lenkt oder ideologisch einfärbt.

Ich weiß aus meiner Jugendzeit, wie ich, anfänglich ohne es zu merken, den Vorgaben der 68-Filosofen und Chefdeuter folgte, was sich auf meine Lektüreauswahl ausgewirkt hatte. Erst nach und nach fand ich zu eigenem Urteil und wies das anmaßende Indexdenken zurück. (Welch eine Ironie, dass rabiate Vertreter der reklamierten Progression und Aufklärung ein Indexdenken wie die verhasste Kirche pflegten und als Kader den Schafen die Denkvorgaben lieferten...)

Heute ist wieder Hochkonjunktur für die Saubermänner, Jäger, Hatzer, Reiniger. Es geht um eine Purifikation. Es bleibt zu befürchten, dass es bald wieder zu Autodafés kommt. Da treffen sich die Ungeister religiöser Tugendterroristen mit den Fanatikern der politischen Korrektheit. Denk- und Meinungsfreiheit? Ein Hohn!

Ich will ein Buch auch entrüstet weglegen können. Es ablehnen. Ich will, umgekehrt, eines finden können, das mich anspricht und begeistert, unabhängig davon, was mein Nachbar davon halten mag. Aber ich will auf keinen Fall, dass ich nicht einmal in die Lage komme es weglegen zu können.

Die Entscheidung muss dem Leser offen bleiben. Verbotspolitiken und die Praxis der Denkverbote sind ein krasser Widerspruch einer offenen Gesellschaft. Und keine geschlossene Gesellschaft darf begrüßt werden. Diese Zeiten sollten vorbei sein. Die Dunkelmänner, die als Biedere auftreten, als Besorgte, als Gutmeinende, sind Brandstifter, die einen Terror vorbereiten. Oft bleibt es nicht beim geistigen. Die Regime, die ihre Feindschaft und Intoleranz gegen alles Nichtapprobierte praktisch üben, gewinnen an Terrain. Auch in Europa. Dem ist entgegenzutreten.

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