Lesefreuden

05.06.2011 Haimo L. Handl

Bald geht das Schuljahr wieder zu Ende. Viele Jugendliche werden froh sein, endlich vom Lehrbetrieb für eine Weile nichts mehr hören und sehen zu müssen. Für allzu viele bedeutet Schule Stress, Ärger, Arbeit. Und Arbeit scheint verpönt. Sogar Lesen, vom Schreiben oder freien Reden ganz zu schweigen, macht Probleme und wird, wo und wann möglich , gemieden. Natürlich nicht ganz. Im Internet kommen die Jungen nicht umhin zu lesen. Aber dieses Lesen ist eher ein Entziffern, ein funktionales Erkennen gewisser Textkorpora und einer intensiven, sinnerfassenden Lektüre nicht gleichzusetzen.


Die staatlichen Bildungseinrichtungen bemühen sich nicht erst seit den katastrofalen PISA-Ergebnissen österreichischer Schüler um Leseförderungen. Aber die Programme scheinen nicht gerade von Erfolg gekrönt. Allerdings ist die Zielsetzung nicht der kompetente Leser, sondern nur jener, der eben Texteinheiten ohne viel Probleme funktional wahrnehmen kann. Das heißt, das Ziel ist nicht der eigentliche Leser. Die heutige Gesellschaft, vor allem die Wirtschaft, braucht ihn nicht mehr. Man meint, mit Spezialtraining und Gruppenübungen die Lesefähigkeit soweit zu steigern, dass ein größerer Teil bei den Tests besser abschneidet und die Unternehmer sicher sein können, dass auch Lehrlinge oder untere Angestellte lesen können.

Aber Lesen ist mehr und müsste im Bildungsprogramm mehr sein. Nicht nur in Österreich. Die Leseschwächen sind ein Fänomen, das in allen westlichen, fortgeschrittenen Gesellschaften zu beobachten ist. Nirgends scheinen die Einrichtungen die adäquaten Mittel zur Änderung dieser Malaise zu haben und einzusetzen.

Es hat nicht nur mit Gedächtnis und Konzentrationsfähigkeit zu tun. Sondern eher mit einer andauernden, alltäglich werdenden Pflege eines gewissen Kultur- und Bildungsgutes. Diese Praxis muss im Alltagsleben verankert sein. Wenn Eltern bildungsfern sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder hohe Probleme haben werden, enorm. Das werden die Schulen, auch wenn wir viel bessere Lehrer hätten, nicht lösen können. Hier machen sich Blauäugige etwas vor. Es liegt nicht nur an der finanziellen Ausstattung der Haushalte. Auch dort, wo Eltern Zeit haben sich ihren Kindern mehr zu widmen, kann die Zuwendung nicht positiv bildend wirken, wenn die Eltern kein derartiges geistiges, mentales Vermögen haben. Es ist ein Bestand, ein Vermögen an symbolischem Kapital. Das kann man nicht einfach kaufen, ja man kann es nicht einmal nutzen, wenn es einem geschenkt wird. Man muss es sich erarbeiten. Aber Arbeit hat einen schlechten Ruf, besonders in der Spaßgesellschaft.

Lesen können heißt, eine Kulturtechnik so vertieft und internalisiert zu haben, dass das Eintauchen in den Text, die Belebung, die (Wieder)Vergegenwärtigung gelingt. Es ist ein Wechselbezug. Das Wort, das quasi tot, gefroren in Form der Schrift eine Potenzialität darstellt, muss belebt werden. Muss im Leseakt interpretiert und damit zum Leben, zum Sinn verwandelt werden. Das setzt Denkprozesse voraus. Es geht nicht primär um richtig oder falsch, sondern überhaupt um die Auseinandersetzung mit Gehalten und Formen, ihrem Wechselbezug, den Kontexten und möglichen Deutungen.

Lesen ist nicht passiv, sondern eine aktive Tätigkeit. Kein Text bleibt, was er ist, immer wird er vom Leser in seiner Sicht interpretiert. Je weniger anspruchsvoll bzw. je stärker eingeengt, festgelegt, bis hin zum Signaltypus reduziert, ein Text ist, desto schmäler der Interpretationsrahmen, desto leichter und schneller die Erfassung (Dekodierung, korrekte Wahrnehmung). Beläßt man es mit dieser Fähigkeit, bleiben alle anderen Dimensionen verschlossen, inaktiv. Kein Wunder, dass solche Leser nur Fadesse kennen, weil sie nicht in der Lage sind, den Text zu beleben, Sinn herauszuholen als auch hineinzulegen.

Lesen, richtig gelernt, erzeugt Lust. Es weitet die Welt. In Verbindung mit konkreten Erfahrungswerten können abstrakte, theoretische Kenntnis selbst verändert, verwandelt umgesetzt werden, so dass bei nächster Gelegenheit noch reichere Deutungen, Erfahrungen möglich sind. Zwischen einem, der etwas angelesen hat und der angelesen ist und einem Belesenen, Gebildeten, klaffen Welten.

Ein Musikinstrument wird man nicht mir nichts dir nichts, sozusagen hauruck, erlernen. Unsere technischen Einrichtungen verführen viele, sich mit Präfabriziertem zufrieden zu geben, weil es so leicht ist und wenig oder nichts kostet. Aber damit ist keine wirkliche Kenntnis, schon gar keine Meisterschaft erreicht. Viele meinen, die seit nicht nötig. Aber dann verbleibt man eben etwas unbedarft auf unterer Stufe.

Dies stellt ein Problem in der Bildungsarbeit dar. Man müsste disziplinierte Arbeit verlangen. Das klingt in vielen Ohren gutmeinender Gutmenschen nicht gut. Nix da mit Disziplin und Überforderung. Wir haben eh das Internet und die besten Kommunikationsbehelfe. Stimmt. Danach sieht auch das kulturelle und politische bzw. wirtschaftliche Leben aus: unbeholfen, beholfen. Eine Mehrheit scheint ohne Prothesen, geistige Krücken, Schablonen usw. nicht mehr weiter zu kommen. (Die Behinderung wird nicht durch semantische Politik des Umtaufens verändert!)

Das bedeutet aber, dass jeder möglichen Originalität abgeschworen wird. Es bleibt beim billigen Nachvollzug, beim Reproduzieren, beim Funktionieren. Die Standards sinken, weil ja niemand ausgeschlossen werden soll, weil wir so humansozial sind. Sind wir das? Wir bereiten das weite Verkümmern vor, mit dieser falschen Toleranz.

Es geht nicht darum, aus jedem ein Genie zu machen. Wohl aber darum, dass die Gesellschaft erkennt, welche Kulturtechnik wichtig ist, welche Bildungsgehalte und -bereiche unbedingt gepflegt, geübt, ausgebaut gehören. Wenn wir uns da belügen, weil wir meinen, das sei elitär, und das wollen wir in einer gleichgerichteten Gesellschaft nicht, dann unterminieren wir den Bildungsbestand, arbeiten an der Her- und Zurichtung bedürfnisloser Funktionierender.

Schon vor Jahren plädierte George Steiner (in «Text and Context, 1976) dafür, spezielle Universitäten oder Akademien zu öffnen, in denen besonders und vor allem Lesen unterrichtet und geübt wird. Damit war kultürlich nicht die Kulturtechnik und Methodik gemeint, sondern der kritische Umgang mit und als Lektüre im umfassenden Sinne. Dafür müssen auch die nötigen Bedingen sichergestellt werden: Möglichkeiten des Rückzugs in ruhige Räume, Platz für Privatheit, für solitäres Versenken und Denken. All das wird aber in der kollektivorientierten Spaßgesellschaft als überflüssig, störend oder verschroben, lächerlich abgetan. Die meisten Programme richten sich an Gruppen und Gruppenaktivitäten und haben einen Horror vor Privatem, Einzelnem.

Das scheint den meisten zu umständlich, zu altmodisch, zu überholt. Andererseits wundern sich viele, wie leicht Plagiarismus fällt, wie Unbelesene, Halbgebildete sogar mit Auszeichnung promovieren, wo sie doch offensichtlich nicht selbst gelesen und gearbeitet haben. Man darf sich nichts vormachen: all das wird begünstigt durch die bornierte Kurzsicht auf das limitierte Funktionale. Unsere Wirtschaft und Politik verlangt nicht Persönlichkeiten und Gebildete, sondern Funktionierende.

Häppchen-Kultur: man liest kleine Einheiten, die die Suchmaschine gefunden hat. Man bastelt und kompiliert. Und dann vergessen einige die »Gänsefüsschen« und werden, wie schlimm, dann noch beschuldigt oder verurteilt mit Titelentzug. (Was im Sport das Doping als Betrug, ist an den Fach- und Hochschulen das »Schwindeln« und Plagiieren.)

Es gibt auch Dichterakademien, Schreibschulen, Kurse für kreatives Schreiben und dergleichen. Horrible! Das alles hilft nicht und wird nicht helfen, weil es sich eben in die Konsumkultur mit falschen Werten einfügt. Wirkliche Kenntnisse erhält man nicht in solchen Kursen. Das eben ist Häppchenverhalten: schnapp schnapp, ich bin wer, ich hab was (»Haben und Sein"). Was in der Erziehung nicht sozialisiert und internalisiert wurde, ließe sich nur durch lange, konzentrierte Übung wettmachen. Das bislang Offerierte ist entweder eine Täuschung oder ein Betrug. Es dient der Maskerade.

Wenn jemand von Kursen usw. animiert wird weiterzulesen, lesend zu arbeiten, dann bestehen Möglichkeiten der Veränderung. Aber das verlangt viel Energie, vor allem vor dem Hintergrund der billig-schnöden Massenpresse, die auf unterstem Sprachniveau täglich an der Resteverwertung und Verdünnung arbeitet (sogar teuer vom Staat gefördert!). Es ist, als ob man eine neue Sprache lernt und dann Partner, Gesprächspartner sucht, um im Umfeld der Andersprechenden, der Häppchenstotterer und Klischeeklopfer, seine Sprache halten zu können.

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